Kerstin Gold, Foto: Anna Wasilewski

Mit dem Symposium "KI und Kunst(Markt)" richtet sich der Landesverband Berliner Galerien (LVBG) an Galerien, Kunstschaffende und KI-Fachleute. Im Fokus der Veranstaltung, die am 23. Februar im Maschinenraum der Kulturbrauerei stattfindet, stehen die Auswirkungen von KI auf die Kunstwelt. Frank Lassak sprach mit der Strategieberaterin Kerstin Gold, die das Programm gestaltet hat.

Frank Lassak: Frau Gold, welchen Anlass gab es für das LVBG-Symposium "KI und Kunst(Markt)"? Welches Problem im Kunstbetrieb war der Auslöser?

Kerstin Gold: Ich beobachte im Kunstmarkt derzeit zwei Extreme: Viele wissen noch recht wenig über künstliche Intelligenz und sind deshalb skeptisch bis pessimistisch. Andere glauben, sie hätten es verstanden – so ähnlich wie „das ist wie googeln“ – und steigen unreflektiert ein. Beides ist riskant. Es braucht ein Format, das die Lage für den Kunstmarkt sortiert, statt allgemeine Silicon-Valley-Plattitüden zu wiederholen. Genau an dieser Stelle setzt das Symposium an.

Lassak: In der Pressemitteilung zu der Veranstaltung heißt es, es werde „praxisnah aus der Branche für die Branche“ informiert. Welche Branche ist gemeint? KI kommt ja aus der Tech-Industrie, die mit dem Kunstbetrieb wenig verwandt ist.

Gold: KI ist in der Welt längst angekommen; das ist nicht mehr optional. Die Frage ist nicht mehr, ob man mitmacht, sondern wie man sich damit beschäftigt. Wer zu lang wartet, läuft Gefahr, dass Mechanismen und Algorithmen Interpretationen und Entscheidungen vorprägen. Und das gilt auch für den Kunstmarkt.

Lassak: Was soll dieses Wie auf dem Symposium konkret liefern?

Gold: Viele Weiterbildungsangebote bleiben agnostisch: Tools, Best Practices, Methoden. Schwierig wird es, wenn man es auf den eigenen Alltag herunterbrechen will. Deshalb soll in jedem Programmpunkt die Brücke entstehen: Was hat Relevanz im Galeriealltag? Welche Aufgaben eignen sich, um KI als Werkzeug einzusetzen?

Lassak: Wenn Sammlerinnen und Sammler künftig mit KI-Agenten und Empfehlungsalgorithmen arbeiten: Werden Galerien als Vermittlerinnen dann ersetzt?

Gold: Empfehlungslogiken gibt es überall. Wenn Nutzer solche Hilfen annehmen, lässt sich das kaum unterbinden. Umso wichtiger wird das Kerngeschäft der Galerie: Kontextualisierung, Einordnung von Werken im Oeuvre. Ich erwarte eher, dass Kundinnen und Kunden besser informiert in die Galerie kommen und deren Autorität stärker hinterfragen.

Lassak: Wie weit soll KI in solche Prozesse überhaupt hineinreichen?

Gold: Das bleibt eine menschliche Entscheidung. Nach einer Phase des Ausprobierens setzen viele wieder bewusst Grenzen. Eine pragmatische Strategie wäre: KI dort einsetzen, wo sie Effizienz bei repetitiven Aufgaben bringt, sie aber aus kuratorischen und geschmacklichen Entscheidungen herauszuhalten.

Lassak: Wie sieht es im Kreativbereich aus? Ab wann wird KI im künstlerischen Prozess zur Co-Autorin?

Gold: Zuerst ist eine Trennung wichtig: KI als Tool im unternehmerischen Alltag ist etwas anderes als KI in der künstlerischen Produktion. In der Produktion gibt es wiederum ein Kontinuum: vom Prompt in ein Bildtool bis zu komplexen, iterativen Arbeitsweisen, in denen die Künstlerin auswählt, verwirft und weiterarbeitet. Juristisch kann ich das nicht beantworten – vieles ist in Bewegung. Für den Kunstbetrieb ist zentral: Transparenz des Entstehungsprozesses ist absolut erforderlich.

Lassak: Also eher Offenlegung als Geheimhaltung?

Gold: Ich glaube nicht, dass KI per se Vertrauen oder Wert zerstört. Intransparenz und Verschleierung tun das. Wenn KI Teil des Konzepts ist, sollte das sichtbar sein, ähnlich wie bei Konzeptkunst, bei der der Weg und das Konzept dazugehören.

Lassak: Viele Künstlerinnen und Künstler sehen KI als unlauteren Verwerter von Arbeiten, die fürs Training genutzt wurden.

Gold: Diese Sorge ist legitim. Es gibt inzwischen mehr Sensibilität, aber wir sind rechtlich noch nicht dort, wo wir sein müssten – national wie international. Ich hoffe auf Regeln, die Schutz und Rechte klar formulieren.

Lassak: Wem gehört KI-Kunst in Zukunft? Ist das eine Macht- oder eine Rechtsfrage?

Gold: Für mich vor allem eine Rechtsfrage: Besitz, Lizenzen und Vertragsmodelle müssen Co-Autorenschaften und Zuarbeit klären. Von Tech-Unternehmen, die Ansprüche an Kunstwerke stellen, ist mir kein konkreter Fall bekannt. Ich sehe eher die Tendenz, dass Institutionen und einzelne Akteure versuchen, sich unabhängiger zu machen, etwa durch eigene KI-Systeme oder durch die Nutzung geschlossener, rechtskonformer Modelle und zusätzlicher Datenschutzinstrumente.

Lassak: Stichwort Transparenz im Galeriebetrieb: Wenn Galerien KI etwa für Katalogtexte nutzen – sollte man das kenntlich machen?

Gold: Auf jeden Fall. Ich sehe keinen Grund, das nicht auszuweisen. Und: Gute, stimmige Texte entstehen nicht allein durch ein Sprachmodell. Um Tonalität, Fakten und Galeriestandpunkt zu vermitteln, muss viel Arbeit in Daten, Beispiele, Briefing und Korrektur gesteckt werden. Diesen Prozess kann man souverän transparent machen.

Lassak: Welche KI-Anwendungen sind für Galerien kurzfristig sinnvoll?

Gold: Grundlegend sind zwei Dinge: kompetent mit Sprachmodellen umgehen und Text-zu-Bild-Modelle verstehen. Entscheidend ist die Kopplung an konkrete Aufgaben im Galeriealltag: nicht jede Menge Tools, sondern wenige, die man wirklich beherrscht.

Lassak: KI kann auch das Customer Relationship Management automatisieren. Ist das sinnvoll?

Gold: Systematisches Arbeiten mit Daten ist im Kunstmarkt oft noch unüblich – unabhängig von KI. Automatisierte externe Kommunikation ist zudem riskant: Es gibt kaum Gefährlicheres, als wenn Stammkunden merken, dass die Ansprache unpersönlich oder maschinell ist. Ich befürworte den Ansatz: „AI-assisted, human-led“ – KI als Erfüllungsgehilfe, Menschen entscheiden und schicken ab.

Lassak: Wird KI irgendwann kuratieren in Museen oder im Markt?

Gold: Ich erwarte KI vor allem dort, wo sie Effizienz, Konsistenz und Qualität in Prozessen erhöht. Kuratorische Entscheidungen sehe ich in menschlicher Hand. Es sei denn, man macht das konzeptionell bewusst anders. Zugleich kuratiert KI indirekt, indem sie Such- und Empfehlungsergebnisse vorselektiert. Wenn dabei vor allem Zahlen und leicht verfügbare Daten zählen, droht ein Bias. Ein Hebel der Branche wäre, Kontextinformationen besser auffindbar zu machen, damit digitale Systeme nicht nur harte Daten verwerten, sondern auch Einordnung und Geschichte berücksichtigen.