Raumansicht: FREIRAUM KUNST, Karin Sander, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier 1:5, 3D-Farbscan,polychromer 3D-Druck, Gipsmaterial, (Detail)

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Die seltene Gelegenheit, den Amtssitz des Bundespräsidenten zu besichtigen und dies mit einem Kunsterlebnis zu verknüpfen, bietet sich aktuell im Schloss Bellevue. Unter dem Titel FREIRAUM KUNST bespielt die Akademie der Künste das Haus für zwei Wochen mit einer Pop-up-Ausstellung.
Den Bundespräsidenten wird man kaum treffen: Das Schloss ist leergeräumt und wartet auf die Sanierung. Doch die Innenarchitektur spricht für sich und die ausgestellte Kunst unterstreicht den Ort in seinem auf Repräsentation ausgelegten Symbolwert an verschiedenen Stellen.

Zwei Gemälde von El Bocho empfangen die Besuchenden bereits im Eingangsbereich. Mit Die Alten und Die Bundespräsidentin thematisiert er den Missstand, dass es in der männerdominierten Politik noch keine Bundespräsidentin gab.
Anh-Linh Ngo und Cécile Wajsbrot (Kuration) liegt es fern, Kunst politisch zu vereinnahmen, wie es gegenwärtig in Teilen des öffentlichen Diskurses zu beobachten ist. Ganz im Gegenteil, es geht - dem Ausstellungstitel folgend - um Freiräume, um eine Kunst, die in ihrer ästhetischen Dimension natürlich auch Freiräume für politisches Denken eröffnen kann, aber ebenso offen ist für unterschiedliche Wahrnehmungs- und Deutungshorizonte.
Eindrucksvoll ist in diesem Sinne die Stimme von Jochen Gerz, die im Eingangsbereich aus Lautsprechern unermüdlich HALLO ruft. Die Arbeit Rufen bis zur Erschöpfung aus dem Jahr 1972 hat nichts von ihrer Intensität verloren.

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Raumansicht: FREIRAUM KUNST, Hanns Schimansky, Zeichnungen / Faltunegen / Guachen auf Papier, 1994 - 2026, (Details)

In einem der letzten Räume zeigt ein Video, wie Gerz in einer offenen Landschaft HALLO ruft, bis die Anstrengung spürbar wird. Die Erschöpfung überträgt sich unmittelbar auf das Publikum und ruft Fragen nach Resonanz und Verstehen hervor. Da die Ausstellung auf ein starres Narrativ verzichtet, steht Gerz’ Arbeit als konzeptionelle Klammer, die in anderen Positionen mitschwingt.
Etwa bei Hanns Schimansky, dessen abstrakte Zeichnungen auf ihre sinnliche Präsenz verweisen, auf Rhythmus, Dynamik, Form und Strukturen. Sie sind ein Angebot an die Betrachtenden, ein Augentraining (Schimansky), ohne festgelegte Inhalte. Zu DDR-Zeiten galt der Künstler als Dissident, die Verweigerung von Eindeutigkeit rief Misstrauen hervor.
Auch Rosa Barbas skulpturale Filmapparatur As Fixed in Flux eröffnet durch das Zusammenspiel beweglicher Metallspulen und Filmstreifen die Gelegenheit, Assoziationsräume zwischen Farbtheorie, Poesie und Astronomie zu vertiefen. Die Arbeit pendelt zwischen medienarchäologischer Erinnerung und technologischem Fortschritt, ohne sich festzulegen.

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Raumansicht: FREIRAUM KUNST, Hanns Schimansky, Zeichnungen / Faltunegen / Guachen auf Papier, 1994 - 2026, (Details)

Kunst ist ein Erfahrungsraum, der Offenheit, Irritation und Widerspruch zulässt, resümierte Kurator und Akademie-Vizepräsident Anh-Linh Ngo beim Presserundgang. Und auch der Bundespräsident unterstrich in seinem Statement, dass demokratische Gesellschaften von unterschiedlichen Stimmen leben, wobei gerade die Kunst andere Perspektiven und Lebensrealitäten erfahrbar macht.
Passend dazu beschränkt sich der Besuch nicht auf das bloße Flanieren. Das von Akademie-Präsident Manos Tsangaris initiierte Büro der öffentlichen Sache bietet in der Ausstellung einen Ort für den analogen Austausch. Hier können Besuchende über die Bedingungen einer demokratischen Öffentlichkeit und das gesellschaftliche Miteinander debattieren.
Übrigens gibt es den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier die nächsten 14 Tage dann doch noch vor Ort zu sehen - wenn auch im Maßstab 1 zu 5 aus dem 3D-Drucker. Die Künstlerin Karin Sander thematisiert mit dieser Figur das Spannungsfeld zwischen individueller Persönlichkeit und institutioneller Rolle.

Kuration: Anh-Linh Ngo und Cécile Wajsbrot

U. a. folgende Mitglieder der Akademie der Künste: Peter Badel, Rosa Barba, Carola Bauckholt, Alexandra Bircken, Jürgen Böttcher, Monica Bonvicini, Ann Cotten, Ayşe Erkmen, Jochen Gerz, Katharina Grosse, Hanna Hartman, Bjørn Melhus, Boris Mikhailov, Karin Sander, Matthias Sauerbruch, Hanns Schimansky, Gregor Schneider, Chiyoko Szlavnics, Wolfgang Tillmans und Manos Tsangaris.
Zudem wirken die Initiatoren des Projekts mit: Christian Awe, El Bocho und Christopher Lehmpfuhl.

Ausstellungsdauer: 13.–28.6.2026

Mo–Fr 11–19 Uhr
Sa, So 10–19 Uhr
Eintritt frei mit Zeitfenster-Ticket

Für den Besuch der Ausstellung ist ein kostenloses Ticket erforderlich. Die Ticket-Buchung erfolgt ausschließlich online unter: freiraum-kunst.eu

FREIRAUM KUNST – Akademie der Künste goes Bellevue
Schloss Bellevue
Spreeweg 1
10557 Berlin
www.bundespraesident.de
www.adk.de

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FREIRAUM KUNST at Schloss Bellevue

Carola Hartlieb-Kühn

Schloss Bellevue, the official residence of the Federal President, currently offers the rare opportunity to combine a visit with an artistic experience. Under the title FREIRAUM KUNST, the Academy of Arts is hosting a two-week pop-up exhibition in the building.

One is unlikely to encounter the Federal President: the palace has been cleared out and is awaiting renovation. However, the interior architecture speaks for itself, and the exhibited art highlights the site’s symbolic value, designed for representation, at various points.

Two paintings by El Bocho greet visitors in the entrance area. With Die Alten (The Old Ones) and Die Bundespräsidentin (The Female Federal President), he addresses the grievance that, in male-dominated politics, there has never been a female Federal President.

Curators Anh-Linh Ngo and Cécile Wajsbrot have no intention of co-opting art for political purposes, as is currently observed in parts of public discourse. On the contrary—true to the exhibition title—the focus is on "Freiräume" (open spaces), on art that, in its aesthetic dimension, can naturally open spaces for political thought but remains equally open to diverse horizons of perception and interpretation.

In this sense, the voice of Jochen Gerz is impressive, tirelessly shouting "HALLO" from speakers in the entrance area. The work Rufen bis zur Erschöpfung (Shouting until Exhaustion) from 1972 has lost none of its intensity.

In one of the final rooms, a video shows Gerz shouting "HALLO" in an open landscape until the exertion becomes palpable. The exhaustion is directly transferred to the audience, prompting questions about resonance and understanding. Since the exhibition avoids a rigid narrative, Gerz’s work serves as a conceptual bracket that resonates in other positions.

This is evident, for instance, in the work of Hanns Schimansky, whose abstract drawings point to their sensory presence—to rhythm, dynamics, form, and structures. They are an invitation to the viewer, an "eye training" (Schimansky), without fixed content. During the GDR era, the artist was considered a dissident; his refusal of ambiguity provoked suspicion.

Rosa Barba’s sculptural film apparatus As Fixed in Flux also offers an opportunity to deepen associative spaces between color theory, poetry, and astronomy through the interplay of moving metal reels and film strips. The work oscillates between media-archaeological memory and technological progress without being pinned down.

Art is a space of experience that allows for openness, irritation, and contradiction, summarized curator and Academy Vice President Anh-Linh Ngo during the press tour. In his statement, the Federal President also emphasized that democratic societies thrive on different voices, with art in particular making other perspectives and realities of life tangible.

Appropriately, the visit is not limited to mere strolling. The Büro der öffentlichen Sache (Office of Public Affairs), initiated by Academy President Manos Tsangaris, provides a space for analog exchange within the exhibition. Here, visitors can debate the conditions of a democratic public sphere and social togetherness.

Incidentally, Federal President Frank-Walter Steinmeier can be seen on-site over the next 14 days after all—albeit as a 1:5 scale 3D-printed figure. With this figure, artist Karin Sander addresses the tension between individual personality and institutional role.