Die POSITIONS Berlin Art Fair richtet 2026 den Blick auf die Türkei – und besonders auf Istanbul. Das dortige Ensemble von Museen, Galerien und der Messe Contemporary Istanbul verdeutlicht, wie eng lokale Szene und internationale Kunstwelt in der Millionenmetropole miteinander verknüpft sind.
Auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof ist immer ein wenig Geschichte spürbar. Die alten Hangars sind groß, rau, historisch aufgeladen – und vielleicht gerade deshalb als Austragungsort einer Kunstmesse gut geeignet. Wer während der Berlin Art Week über die POSITIONS geht, findet Galerien, Künstlerinnen und Künstler, Sammlerinnen und Sammler, viel Betrieb, viele Gespräche, viele Ideen. In diesem Jahr kommt eine gute Portion Bosporus-Flair hinzu. Denn das Gastland der Messe ist die Türkei, deren Kunstszene vor allem in einer Stadt blüht: in Istanbul.
„Um die Türkei war es erstaunlich ruhig geworden“, sagt Kristian Jarmuschek, einer der beiden Chefs der POSITIONS. Und das, obwohl die Türkei in Berlin allgegenwärtig ist: in Biografien, Familiengeschichten, Musik, Theater, Gastronomie, Alltag. Dennoch sei die Sichtbarkeit zeitgenössischer Kunst aus der Türkei zurückgegangen, so Jarmuschek. Das Land werde wegen seiner geopolitischen Stellung bisweilen „wie ein rohes Ei“ behandelt. Über türkische Politik, Gesellschaft und Kultur werde vorsichtiger gesprochen. Der Türkei-Schwerpunkt der Berliner Kunstmesse versteht sich daher auch als Gegenbewegung und soll ein Fenster öffnen: „Guckt mal wieder hin“, beschreibt Jarmuschek den Impuls. Es gehe darum, Künstlerinnen, Künstler und Galerien sichtbarer zu machen, gerade weil die wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Situation für viele Akteure in der Türkei problematisch sei.
So sind auf der POSITIONS unter anderem die Galerien Ambidexter, Anna Laudel und Sanatorium vertreten. Die Messe hat sie eingeladen, der Berliner Senat unterstützt die Teilnahme finanziell. Bei der Auswahl der Gastgalerien ging es Jarmuschek und seinem Team darum, ein spannungsreiches Bild der türkischen Gegenwartskunst auf die Messe zu holen. Das Berliner Publikum, sagt er, reagiere besonders aufmerksam auf sprödere, herausfordernde Positionen. Das unterscheide die Stadt von anderen Messestandorten wie Köln, Karlsruhe oder Düsseldorf. Berlin sei für viele in erster Linie Produktionsort, Treffpunkt, Lebensraum; als Ausstellungsort türkischer Gegenwartskunst hat die Stadt weniger Bedeutung.
Kann die POSITIONS daran etwas ändern? Jarmuschek glaubt an die Kraft des analogen Moments. In der postpandemischen Kunstwelt gebe es immer weniger Situationen, in denen Menschen physisch zusammenkommen und mehr geschieht als die bloße Präsentation von Arbeiten. „Wir zeigen ja nicht nur Kunst, wir präsentieren nicht nur, wir stellen den Galerien nicht nur drei weiße Wände hin“, sagt er. Es gehe um Entdeckung, Kommunikation und Vertrauen. Dass dieser Ansatz funktioniert, habe sich bei den Länderschwerpunkten der vergangenen Jahre gezeigt.
Von Tempelhof aus führt der Blick nach Istanbul
Die Kunstlandschaft in Istanbul ist in den vergangenen Jahren erheblich dichter geworden ist. Einen ersten Eindruck davon kann man im Istanbul Modern erlangen. Das nach Plänen von Renzo Piano errichtete Museum steht direkt am Galataport: hell, flach, mit weitem Blick über Wasser, Himmel und Altstadt. Das Haus erzählt moderne und zeitgenössische Kunst der Türkei aus den Bedingungen der Stadt heraus. Chefkuratorin Öykü Özsoy Sağnak bringt diese Haltung auf eine einfache Formel: „Wir müssen kein Paris werden. Wir sind Istanbul.“ Die aktuelle Sammlungspräsentation „Beneath the Same Blue“ reicht von der Kunst in der Türkei seit den 1940er Jahren bis zu Gegenwartsfragen wie Ökologie, Klimakrise, Krieg und Migration.Weiter nordöstlich, im Stadtteil Emirgan, liegt das Sakıp Sabancı Museum in einer Villa am Bosporus. Direktorin Ahu Antmen sieht ihr Haus als einen Ort, der das Publikum in eine andere Zeit versetzt. Die Sammlung reicht von Kalligrafie und Buchkunst bis zur türkischen Malerei der Moderne. Highlight des diesjährigen Ausstellungskalenders ist indes „Yoko Ono: Insound and Instructure“ – eine Schau, die Partizipation und Vorstellungskraft ins Zentrum stellt. Für Onos bekanntes Werk „Wish Tree“ suchte das Museum eigens in botanischen Gärten nach dem passenden Baum. Am Ende wurde es ein japanischer Ahorn. So entstand aus kuratorischer Genauigkeit eine poetische Geste.
Zurück ins Zentrum der Stadt: Im Bezirk Dolapdere zeigt Arter eine andere Seite der Kunst. Die von der Vehbi Koç Stiftung getragene Institution wirkt architektonisch und programmatisch wie ein bulliges Kunstkraftwerk. Die aktuelle Schau „Work in Progress“ blickt auf 15 Jahre Kunstschaffen im Umfeld von Arter zurück. Darin geht es um Produktion, Sammlung, Performance, Sound, Material, Körper, Prozess. Nach Istanbul Modern und Sakıp Sabancı Museum wird deutlich, wie unterschiedlich die institutionellen Energien der Stadt sind: museal, historisch – und bisweilen sehr experimentell und dynamisch.
Auch die Galerien gehören zu diesem Gefüge. Zwischen Beyoğlu, Pera, Dolapdere und Beşiktaş sind sie in historischen Häusern, ehemaligen Wohnungen, Villen und umgenutzten Büroetagen zu finden. Im Kunstherbst 2026 lässt sich dort fast täglich eine neue Spur aufnehmen. Anna Laudel zeigt ab 11. September parallel Noah Beckers "There’s Enough for Everyone" und Serkan Küçüközcüs "Bade". Bei Zilberman, im Mısır Apartmanı an der Flaniermeile İstiklal, setzt sich Fatoş İrwen in ihrer Soloschau "Rû Bi Rû" mit Erinnerung, Macht und verdrängten Geschichten auseinander. Dirimart eröffnet in Dolapdere mit Ugo Rondinones "The Sun and the Mountain", während Galerist zum 25-jährigen Bestehen in Labour of Love Arbeiten von rund 50 Künstlerinnen und Künstlern versammelt, darunter Semiha Berksoy, Ayşe Erkmen, İpek Duben, Sarkis, Nil Yalter und Erwin Wurm.
Ein paar Straßen weiter bringt Pi Artworks in Sweet Separation Nancy Atakan und Dilek Aydın zusammen, Sanatorium startet Mitte September mit "Phoenix Castle". Und in Beşiktaş bespielt Sevil Dolmacı die Villa İpranosyan mit "Making Worlds: Systems of Being". Kuratorin Dorothea Strauss hat dafür zehn internationale Positionen zusammengeführt, darunter Nilbar Güreş, Serkan Özkaya, Christian Jankowski, Ekrem Yalçındağ und Miao Ying. Galeriechefin Sevil Dolmacı erkennt gerade in solchen Konstellationen, wie eng die Istanbuler Szene mit der internationalen Kunstwelt verbunden ist. Dabei sieht sie die Stadt keineswegs als Außenposten eines westlich dominierten Kunstbetriebs. Istanbul habe „seine eigene Stimme, seine eigene intellektuelle Energie“. Gerade diese Eigenständigkeit mache die Stadt für kunstaffine Menschen aus vielen anderen Ländern interessant.
Die Contemporary Istanbul
Ende September verdichtet sich diese Energie am Goldenen Horn. Zur 21. Contemporary Istanbul werden vom 23. bis 27. September mehr als 70 Galerien aus 24 Ländern erwartet. Rund 500 Künstlerinnen und Künstler sind mit geschätzt 1.500 Arbeiten am Start. Zwischen den langgestreckten Hallen einer ehemaligen Werft entsteht für einige Tage jene kommunikative Bubble, von der Kunstmessen leben: Stände werden zu Treffpunkten, Sammlerinnen begegnen Kuratoren, Künstler treffen Galeristinnen. „Alle treffen alle“, sagt Gründer Ali Güreli. Für die türkischen Galerien und Kunstschaffenden sei die Messe „der Treffpunkt schlechthin“.Der Blick geht dabei inzwischen weit über die heimische Szene hinaus. Mit dem Focus: Asia richtet Contemporary Istanbul besondere Aufmerksamkeit auf die schnell wachsenden Kunstmärkte in Asien; der Bereich New Grounds ist jungen Galerien und aufstrebenden Positionen vorbehalten. Dazu kommen Sonderprojekte, die sich über das Messegelände verteilen: Jaume Plensas sieben Meter hohe Skulptur Juana, eine Präsentation von Chisato Matsumoto mit der Pearl Lam Gallery, Arbeiten von Cao Taiping und Shaikh Rashid Al Khalifa, ein Projekt zu Shozo Shimamoto sowie Beiträge der Sigg Foundation und der Mia Art Collection.
Für Messechef Güreli geht es freilich um mehr als Kojen, Kohle und Kontakte. Er verweist auf die einmalige Kulisse: Das Areal der Contemporary Istanbul liegt unmittelbar am Wasser, auf einem Gelände, dessen Geschichte als osmanische Werft überall gegenwärtig ist; gegenüber ziehen sich die dicht bebauten Hügel der Stadt hinauf. „Schon das Goldene Horn allein ist ein unglaubliches Erlebnis und ein Reiseziel für sich“, schwärmt er. Internationale Gäste kämen nicht allein wegen der Kunst auf die Messe: „Es geht um Erlebnisse.“ Eine Destination, eine Stadt müsse etwas auslösen, „das man vorher nicht kannte“. Vielleicht erklärt das, weshalb Contemporary Istanbul stärker als viele andere Messen in die Umgebung ausgreift. Nach einigen Stunden zwischen den Ständen führt der Weg zwangsläufig hinaus ans Wasser, später dann per Fähren-Shuttle weiter nach Karaköy, Beyoğlu oder Beşiktaş, in eine Galerie, ein Museum – oder auch nach Berlin, wo sich Güreli fast ebenso zu Hause fühlt.
Die Verbindung zwischen Tempelhof und dem Goldenen Horn reicht ohnehin weit zurück: Jarmuschek und Güreli kennen einander seit vielen Jahren. Dass ihre Messen nun stärker aufeinander verweisen, wirkt folgerichtig. Beide Städte ziehen ihre Energie aus sehr unterschiedlichen Kunstszenen – und aus der Bereitschaft, internationale Verbindungen immer wieder neu zu knüpfen. „In Istanbul gibt es wahnsinnig viel tolle Kunst zu entdecken“, sagt Jarmuschek. „Man muss nur genau hinsehen – und wieder öfter hinfahren.“ Die POSITIONS gibt dafür einen kleinen Vorgeschmack.
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Das Programm der türkischen Galerien auf der Positions
Ambidexter, IstanbulMit Ece Özel und Simla İçeli. Ece Özel verbindet Malerei, DJ-Praxis und Soundkultur; ihre Arbeiten greifen Farben, Stimmungen und Dynamiken elektronischer Musik auf. Simla İçeli arbeitet mit weichen Farbwelten, popkulturellen Motiven und Erinnerungsbildern, hinter denen Fragen nach Disziplin, Bestrafung und patriarchalen Strukturen sichtbar werden.
Anna Laudel, Istanbul/Düsseldorf/Ankara
Mit Ardan Özmenoğlu und Oğulcan Kuş. Ardan Özmenoğlu arbeitet unter anderem mit bemalten Post-it-Zetteln, Glas, Nagellack und Neon; ihre Werke verbinden Pop, Ironie und gesellschaftliche Kommentare. Oğulcan Kuş bezieht sich auf amerikanische Popkultur, Cartoons, Art-Handling und seine türkischen Wurzeln.
Sanatorium, Istanbul
Mit Erol Eskici. Seine Arbeiten mit Tinte entwickeln fächerförmige, organisch wirkende Strukturen. Sie erinnern an Naturformen, verweisen aber vor allem auf Prozesse des Faltens, Biegens, Entfaltens und erneuten Schließens. Eskici schafft daraus ein eigenes visuelles Universum, dessen philosophischer Kontext unter anderem bei Gilles Deleuze zu finden ist.







