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“Gute alte Köpfe”: die Archivleiterin und Kuratorin Christine Jádi im Gespräch über Alfred Ehrhardt

von Hanna Komornitzyk (17.11.2022)


“Gute alte Köpfe”: die Archivleiterin und Kuratorin Christine Jádi im Gespräch über Alfred Ehrhardt

Ausstellungsansicht "20 Jahre Alfred Ehrhardt Stiftung", © Alfred Ehrhardt Stiftung

20 Jahre, vier Frauen, ein künstlerischer Kosmos: Anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens der Alfred Ehrhardt Stiftung kuratieren Christiane Stahl, Stefanie Odenthal, Christine Jádi und Rosa Russo gemeinsam unterschiedliche Perspektiven auf Alfred Ehrhardts umfangreiches fotografisches Vermächtnis – wir trafen Archivleiterin Christine Jádi zum Gespräch über die Jubiläumsausstellung.

Gute alte Köpfe. So beschrieb Alfred Ehrhardt den Aspekt seiner Arbeit, der für ihn hohe Priorität hatte: die Portraitfotografie. Erstaunlich – ist der Fotograf und Dokumentarfilmer heute doch vor allem für seine Natur- und Landschaftsaufnahmen bekannt, die Deutschland und andere Orte Europas aus einer ganz neuen Sicht festhielten: Meist in Schwarz-Weiß fand Ehrhardt sich wiederholende Muster in Pflanzen, Felsen und Sandböden, die aus heutiger Sicht eine fast umweltpolitische Dimension zu haben scheinen. Bekanntheit erlangte er mit seiner Reihe über Das Watt (1933-1936). Der Startpunkt ist dabei kein zufälliger: Als Kunstlehrer wurde Ehrhardt 1930 an die Landeskunstschule Hamburg berufen – 1933 entließen ihn die Nationalsozialisten aufgrund seiner zu modernen Kunstauffassung und Nähe zum Bauhaus. Seiner Arbeit als Maler durfte der Künstler nicht weiter nachgehen – in der eigentümlichen Schönheit der Nordseeküste entdeckte er jedoch schnell eine neue Leidenschaft für Fotografie und Film. Bis zum Ende des NS-Regimes drehte Ehrhardt für internationale Produktionsfirmen, aber auch im Auftrag staatlicher Institutionen wie der Deutschen Kulturfilmzentrale – die Arbeit an seinem Film Deutsche Kultur in Böhmen und Mähren blieb jedoch unvollendet. Im Jahr 1948 gründete er schließlich seine eigene Filmproduktion, bei den Filmfestspielen in Venedig entwickelte sich sein Film über den Bordesholmer Altar im Folgejahr überraschend zum Publikumsliebling. Auch in seinem späteren Leben blieben Natur und Landschaften, die er auf zahlreichen Fotoreisen festhielt, ein zentraler Aspekt seiner Arbeit.

Zum zwanzigsten Jubiläum widmet die Alfred Ehrhardt Stiftung – heute mit einem umfangreichen Archiv Heimat für einen Großteil des künstlerischen Nachlasses – ihrem Namensgeber eine Ausstellung, die seine Arbeit aus verschiedenen und weniger bekannten Perspektiven betrachtet: Direktorin Christiane Stahl hebt über Ehrhardts frühe Malereien Strukturen und Muster in seinen Fotografien hervor; Stiftungsmanagerin Stefanie Odenthal zeigt die Wirkung seiner bekannten Aufnahmen aus dem Wattenmeer auf unterschiedlichen Fotomaterialien; über das Negativ entschlüsselt Fotorestauratorin Rosa Russo zeitliche und räumliche Entstehungskontexte; Archivleiterin Dr. Marie Christine Jádi zeichnet anhand der bisher unbekannten Reihe Deutschlandfahrt ’49 eine Reise durch die Bundesrepublik nach. Im Interview sprachen wir mit letzterer über den Naherholungseffekt von Ehrhardts Bildern, Investigativarbeit in der Kunst und ihre ganz persönliche Beziehung zu Alfred Ehrhardt.

Hanna Komornitzyk: Frau Jádi, es gibt etwas Besonderes, das Sie mit der Arbeit von Alfred Ehrhardt verbindet.

Christine Jádi: Ich habe eine sehr persönliche Beziehung zu seinen Bildern – nicht nur, weil ich sie mittlerweile sehr gut kenne. Als ich mich für die Arbeit in der Stiftung bewarb, reitzte mich auch, dass er sehr viel in Norddeutschland fotografiert hat. Ich komme aus dieser Region, und Ehrhardt war tatsächlich in meiner nächsten Umgebung aktiv: Um Aufnahmen vom Dom in meiner Heimatstadt Schleswig zu machen, ist er in die umgebenden Wohnhäuser gegangen und hat von da aus fotografiert. Irgendwann fiel mir ein Negativ mit dem Dom in die Hände, auf dem die Fensterlaibung zu sehen ist – es handelt sich um ein Bild, das in meinem ehemaligen Kinderzimmer entstanden sein muss.

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Ausstellungsansicht "20 Jahre Alfred Ehrhardt Stiftung", © Alfred Ehrhardt Stiftung

HK: Als Kunsthistorikerin sind Sie bereits seit elf Jahren Teil der Alfred Ehrhardt Stiftung – seit 2016 betreuen Sie das Archiv. Was fasziniert Sie an dieser Arbeit?

CJ: Wir haben mittlerweile fast alles aus Ehrhardts Nachlass inventarisiert und digital in eine Datenbank aufgenommen – Silbergelatinetrockenplatten und -barytabzüge, Negative auf verschiedensten Materialien, Filmträger, Glasnegative und -dias und seit letztem Jahr alle Dokumente, darunter Schriftverkehr, Unterlagen zu Publikationen, Vorträge zu seinen Filmen. Im Nachlass sind noch so viele Arbeiten, die bisher wenig bis gar nicht gezeigt wurden. Obwohl Ehrhardt vor allem für seine Naturaufnahmen bekannt ist, scheint er sich auch sehr für Menschen interessiert zu haben. Es gibt sehr viele Portraits von ihm – in seinen Bildbänden sind sie vereinzelt als typische Gesichter einer Region, eines Landes oder Ortes zu sehen. Er filmte folkloristische Tänze und Erntearbeiter*innen.

Im Archiv fand ich vor einiger Zeit eine Übersichtsliste, auf der er per Hand seine Themen schriftlich zusammengefasst hat: Als ersten Punkt führt er Portraits, die er als “gute alte Köpfe” beschreibt – erst dann kommen Naturaufnahmen, Strukturen und Architektur. Im Jahr 1964 veröffentlichte Ehrhardt den experimentellen Film Korallen – Skulpturen der Meere. Mithilfe der Glasplatten konnten wir das Fotokonvolut mit Korallen vom Jahr 1938/39 bis 1964 rückdatieren. Inmitten dieser Korallenmotive haben wir auf den Negativen die Aufnahme einer Frau gefunden – wer darauf zu sehen ist, ist noch ungewiss, aber das Foto muss in Frankfurt entstanden sein. Im Hintergrund ist die gleiche Wand zu sehen, vor der Ehrhardt sehr häufig Portraits aufnahm. Es ist eine schöne forensische Arbeit, die wir hier manchmal unternehmen dürfen. Es gibt immer wieder neue Erkenntnisse und Lücken, die sich schließen.

HK: Macht es etwas mit Ihrer eigenen Perspektive, sich so viel mit der eines anderen zu beschäftigen?

CJ: Darüber habe ich tatsächlich erst vor kurzem nachgedacht. Sich über zehn Jahre mit dem Werk eines einzelnen Künstlers zu beschäftigen – auch, wenn ich andere Bilder betrachte, habe ich immer Ehrhardts Blick im Hinterkopf. Und da er in meiner eigenen Heimat unterwegs war, begegnen mir nun – wenn ich dort durch die Landschaften fahre oder in der Stadt spazieren gehe – ständig seine Motive. Das ist insofern interessant, dass es Bilder aus einer Zeit sind, die niemand aus meiner Familie erlebt hat.

HK: Sie haben für die Jubiläumsausstellung die bisher unveröffentlichte Reihe Deutschlandfahrt ’49 kuratiert. Warum ist sie ein Mikrokosmos für Ehrhardts Arbeitsweise?

CJ: Zum einen sind es die Themen, die er dort versammelt: Architekturaufnahmen, Landschaftsaufnahmen, Strukturstudien – letztere sind sehr typisch für seine Arbeit. Egal, ob er in Deutschland, Schweden oder Portugal unterwegs war. Er geht immer ins Detail und schaut sich die Dinge im Nahen an. Die stürzenden Linien, die Blickwinkel, die er immer wieder wählt. Es gibt die Aufnahme eines Rathauses, das er von unten in der Schräge fotografiert hat. Aber es sind auch – nicht unbedingt typisch für die Neue Sachlichkeit – touristische Aufnahmen dabei, wie der Blick über Heidelberg.

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Alfred Ehrhardt, Rathaus Alsfeld, Hessen, 1949, Silbergelantineabzug, © Alfred Ehrhardt Stiftung

HK: Alfred Ehrhardt war viel in Europa unterwegs – in dieser Hinsicht scheint seine Arbeit sehr zeitgemäß. Es wird viel über das Einsparen von Emissionen gesprochen – sind beispielsweise lange Flugreisen weiterhin vertretbar oder sollte man sich nicht auf die eigene Umgebung rückbesinnen. Der Deutschlandurlaub ist gerade über die Pandemie hinweg wieder beliebter geworden.

CJ: Es gab von den 1920er Jahren an schon einige Fotograf*innen, die sich der eigenen Heimat gewidmet haben, wie Renger Patzsch zum Beispiel. Viele entdeckten zu dieser Zeit das Fotobuch als Medium und befassten sich mit der Landschaft vor der eigenen Haustür – sie waren im norddeutschen Raum unterwegs und haben die dortige Inselwelt eingefangen. Ich denke aber, dass diese Perspektive immer zeitgemäß geblieben ist. Die Einstellung des Menschen zur Natur hat sich verändert, aber ein Thema ist und war sie immer. Der Klimawandel war lange ein sehr abstraktes Konzept, nun ist er deutlich spürbar – das hat unsere Einstellung verändert. Davon spricht auch Ehrhardt indirekt: In der letzten Woche bin ich auf ein Zitat von ihm gestoßen, in dem er – im Kontext der aufkommenden Medialisierung in den 1970ern – davon spricht, dass die Ressourcen der Erde endlich sind.

Folgend auf die Jubiläumsausstellung werden wir eine Reihe des österreichischen Fotografen Gregor Sailer zeigen: The Polar Silk Road – auch hier geht es um eine Fotoreise durch eine ganz spezifische Landschaft, in diesem Fall die Polarregion. Ich denke, das ist heute noch der Ausgangspunkt für viele Fotograf*innen: Der Wunsch, eine Landschaft mit der Kamera zu durchdringen.

HK: Kann man von Ehrhardts Sichtweise, auch mit Blick auf die Klimakatastrophe, heute etwas lernen?

CJ: Das Erwandern der Natur ist definitiv etwas, das heute wieder erlernt werden müsste. Die Wertschätzung dafür, dass die Natur unmittelbar um uns herum existiert – dass sie nicht für uns da ist, sondern einfach für sich steht und, wenn wir nicht aufpassen, auch schnell aufgebraucht ist. Vielleicht haben wir das viel zu spät erkannt. Ich weiß nicht, ob es unbedingt spezifisch für Ehrhardt ist, aber von seinem Blick auf die Welt und für sein Handwerk, das bis ins kleinste Detail geplant war, können wir noch einiges lernen.


20 Jahre Alfred Ehrhardt Stiftung ist noch bis zum 23.12.2022 zu sehen – neben Führungen durch die Ausstellung zeigt das Babylon in Mitte in vier Retrospektiven Alfred Ehrhardts Filme:

17.11.2022 – Do, 18:00 Uhr: Ausstellungsführung mit Dr. Christiane Stahl, Direktorin Alfred Ehrhardt Stiftung
18.11.2022 – Fr, 20:00 Uhr: Filmgala zum 20. Geburtstag der Alfred Ehrhardt Stiftung im Babylon
24.11.2022 – Do, 20:00 Uhr: Alfred Ehrhardt – Film-Retrospektive II. Bauhaus-Blicke: medial sichtbar gemachte Lebensprozesse im Babylon
01.12.2022 – Do, 18:00 Uhr: Ausstellungsführung mit Rosa Russo, Fotorestauratorin Alfred Ehrhardt Stiftung
08.12.2022 – Do, 20:00 Uhr: Alfred Ehrhardt Film-Retrospektive III. Blicke auf Kunst: Klassiker & Moderne im Babylon
15.12.2022 – Do, 20:00 Uhr: Alfred Ehrhardt – Film-Retrospektive IV. Islands Aggregatzustände: Festes, Flüssiges, Gasförmiges im Babylon

ALFRED EHRHARDT STIFTUNG | Auguststr. 75 | 10117 Berlin
ÖFFNUNGSZEITEN: Di - So, 11 - 18 Uhr

Hanna Komornitzyk

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