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Berlin Daily 17.04.2024
Kuratorische Führung

17:30 Uhr: mit Viola Bendzko, Ute Faber, Claudia Hartwig und Jürgen Kellig im Rahmen der Ausstellung "ÄTZEN - KRATZEN - STECHEN. Druckkunst im Dialog 2024". Kommunale Galerie Berlin | Hohenzollerndamm 176 | 10713 Berlin

Das Unvertraute im Vertrauten. Eine neue Ausstellung in der Alfred Ehrhardt Stiftung

von Katja Hock (08.09.2023)
vorher Abb. Das Unvertraute im Vertrauten. Eine neue Ausstellung in der Alfred Ehrhardt Stiftung

Aino Kannisto
Nixies Children
2015, Chromoluxe Aluminium-Print
76 x 100 cm
© Aino Kannisto, Courtesy Galerie m, Bochum


Die Gruppenausstellung „Außen im Innen, Innen im Außen – Mensch und Landschaft in der Fotografie“ in der Alfred Ehrhardt Stiftung spielt mit Gegensätzen von Vertrauten und Nicht-Vertrauten, Innen und Außen, Nähe und Ferne. Dabei überzeugt sie in ihrer Feinheit und Sensibilität beim Nachspüren der Dualitäten.

Sommer liegt in der Luft. In der Oranienburger Straße haben Bars und Cafés ihre Tische draußen aufgestellt. Menschen in luftigen Kleidern unterhalten sich ausgelassen und scheinen sich aufs Wochenende zu freuen. Und auch um die Ecke, in der Auguststraße sammeln sich Besucher*innen nach dem offiziellen Teil der Eröffnung von Außen im Innen, Innen im Außen – Mensch und Landschaft in der Fotografie mit einem Glas vor der Alfred Ehrhardt Stiftung. Doch nicht alle zieht es aus dem schicken Ausstellungsraum mit hellen Wänden, Stuck an der Decke und Parkett nach draußen. Zwei Männer bleiben trotz Hitze standhaft und diskutieren angeregt, vielleicht über die Ausstellung, vielleicht über Alltägliches. Dabei werden sie von Schwarzweißportraits beobachtet. 14 kleinformatige Arbeiten im Hochformat, gehängt in zwei Reihen übereinander. Es sind vor allem Portraits Unbekannter, die Alfred Ehrhardt (1901–1984) auf seinen Fotoreisen durch Norddeutschland, Italien, Portugal und die USA von den 1930er bis 1950er Jahren aufnahm.


Alfred Ehrhardt
Mädchen aus Angeln, Schlei und Eider
1930/40er Jahre, Silbergelatineabzug
24,2 x 16,9 cm
© Alfred Ehrhardt Stiftung


Viele Portraits Ehrhardts wirken durch die unmittelbare Nähe der Aufnahme emotional vertraut. Allerdings treffen sich die Blicke der Abgebildeten nicht mit denen der Betrachter*innen, direkte Kommunikation kann nicht aufgebaut werden. Stattdessen schauen die Menschen – ihren Gedanken nachhängend – in die unbekannten Landschaften und damit an den Betrachter*innen vorbei. Dazwischen reihen sich Landschaften mit weiten Horizonten, die den Blick in die Ferne ziehen. Mädchen aus Angeln, Schlei und Eider aus den 1930er/40er Jahren zeigt ein Mädchen mit geflochtenen Zöpfen. Sie lächelt leicht, ihr Blick wandert zur Seite. Die Landschaft im Hintergrund lässt sich nur erahnen: eine Hecke, ein Gebüsch im heimischen Garten?
Ehrhardts Portraits, Menschen in ihrer gewohnten Umgebung, erinnern an entfernte Familienmitglieder wie den einen Onkel oder die andere Cousine aus alten Familienfotoalben. Erinnerungen verschwimmen. Schon mal gesehen, auf die eine oder andere Weise vertraut und dann wieder nicht, eigentlich weiß man viel zu wenig über diese Verwandten.

Gegenüber der Reihung, für sich stehend, hängt die Arbeit Renate Schottelius von Ellen Auerbach (1906–2004). Die Künstlerin emigrierte nach 1933 in die USA und fotografierte Menschen aus ihrem Bekanntenkreis, darunter die Tänzerin der gleichnamigen Aufnahme.
Über den Dächern von New York City sehen wir Schottelius eingefangen im Moment eines kunstvoll eleganten Sprungs. Die Zeit steht still und lässt die Tänzerin mit ausgestreckten Armen und Beinen auf Ewig im Bildraum schweben. Die rasante Dynamik der tänzerischen Bewegung bildet zugleich einen Kontrast zu den starren Wolkenkratzern, die sie umgeben. Ein spannungsvolles Wechselspiel.


Ellen Auerbach
Renate Schottelius, New York 1954
Silbergelatineabzug 2012 (Griffelkunst)
15,8 x 24,2 cm / 23,9 x 29,8 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2023*


Um die Ecke ragen fünf Kinderköpfe wie Perlen aneinander gereiht aus einem dunklen Gewässer. Ihre hellen klaren Gesichter mit großen Augen leuchten aus dem matten Dunkelgrün ihrer Umgebung hervor. Mit verschlossenen Mündern und starrem Blick wirken sie in sich gekehrt, vielleicht stört es sie, fotografiert zu werden. Farbgebung und Kontext lassen in dem Bild aber auch etwas Mythisches und Geheimnisvolles anklingen. Die düstere Stimmung hat jedenfalls nichts von einer kindlichen Leichtigkeit oder ausgelassener Freude. Vielmehr wird der Eindruck von Ungewissheit und Unbehagen vermittelt – genau das zieht umso mehr in den Bann. Auf andere Art greift der farbige Aluminium Print Nixes Children von Aino Kannisto aus dem Jahr 2015 die Auseinandersetzung zwischen Vertrautem und Unbekanntem von Ehrhardts Fotografien wieder auf.


Christa Mayer
Ohne Titel, aus der Serie Schwester, 1997
Silbergelatineabzug
27 x 18,5 cm / 30,5 x 23,7 cm
© Christa Mayer, VG Bild-Kunst, Bonn 2023


Christa Mayer, auf der gegenüberliegenden Seite, präsentiert die Schwarzweißserie Schwester. Auch ihre Arbeiten lassen die Betrachter*innen im Ungewissen. Dem Titel und Kleidung nach mag es sich um eine Ordensschwester handeln. Die vier Arbeiten, davon eine etwas versetzt, zeigen eine Figur in Rückenansicht mit schwarzer langer Kluft. Sie wandelt durch raue Strandansichten oder eine Waldlichtung und wir folgen heimlich, mit etwas Abstand ihrem ungewissen Weg. Wie bei einem Gemälde von Caspar David Friedrich, stehen die isolierte Figur der Serie und die Erhabenheit der Natur in einem Dialog.

Bei Außen im Innen, Innen im Außen betreten und verweilen wir in einzelnen Fotoräumen. Sie laden ein, in ihnen zu bleiben oder heraus zu treten und weiter zu ziehen. Die von Marie Christine Jádi kuratierte Ausstellung ist nicht laut, rüttelt und kritisiert nicht plakativ große Problemfelder. Sie ist vielmehr eine einfühlsame Auseinandersetzung mit der Intimität von Portraits, mit dokumentarischen Landschaftsdarstellungen und der besonderen Ästhetik der ausgewählten Arbeiten - hier drängt sich nichts auf, es wirkt nach.

Künstler*innen: Ellen Auerbach, Alfred Ehrhardt, Orri Jónsson, Aino Kannisto, Anne Lass, Christa Mayer. Kuratiert von Dr. Marie Christine Jádi.

Außen im Innen, Innen im Außen – Mensch und Landschaft in der Fotografie
15.07. bis 10.09.23

Öffnungszeiten: Di–So 11–18 Uhr, an Feiertagen geschlossen
Eintritt frei

Alfred Ehrhardt Stiftung
Auguststraße 75
10117 Berlin
www.aestiftung.de

Katja Hock

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