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Genaues Hinhören ist gefragt. (Un)seen Stories im Kupferstichkabinett

von Maximilian Wahlich (04.06.2024)


Genaues Hinhören ist gefragt. (Un)seen Stories im Kupferstichkabinett

Sarah Hampel, Volontärin Neue Nationalgalerie, mit ‚Der Redner Nr. I Otto Rühle‘ von Conrad Felixmüller, Neue Nationalgalerie, © Staatliche Museen zu Berlin / Juliane Eirich

Die Ausstellung „(Un)seen Stories: Suchen, Sehen, Sichtbarmachen“ ist das fünfte Gemeinschaftsprojekt von den Volontär*innen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK). Insgesamt 28 junge Menschen waren daran beteiligt, die meisten mit Masterabschluss, einige mit Promotion. Volontariate werden schlecht bezahlt, konkret: bestenfalls Mindestlohn.
Meist entsteht so eine Ausstellung parallel zu anderen Projekten. Die Situation unserer - wie es in der Eröffnungsrede hieß - Museumselite ist prekär und vor allem unsichtbar.
Nur wenige wissen, dass die Arbeit an einem so renommierten Haus trotz hohem Bildungsabschluss so schlecht bezahlt sein kann. Eine unseen story, die im Apparat der SPK mit einer Gruppenausstellung belohnt wird.

Die Volontär*innen haben sich rund 70 Werke aus ihren Sammlungen ausgesucht, dicht an dicht wie an einer Perlenkette vor dunkellila Fond gehängt und dann per Text ihren Zugang beschrieben. Unter jedem Objekttext stehen die Namen der Volontär*innen, die Schreibstile und Stimmen der Objektgeschichten sind verschieden und machen die Volontär*innen sichtbar. Allerdings sind die Objekttexte sehr knapp und kontextualisieren wenig. Oftmals bleiben genau die Fragen unbeantwortet, die eigentlich interessant sind: Warum wurde gerade dieses Werk restituiert? Wie kam es zu dieser Spur auf diesem Objekt? Den Besuchenden bleibt häufig verborgen, wieso genau dieses Werk, dieser Teppich, diese Scherbe oder diese Zeichnung ausgewählt wurde. Insgesamt entsteht so der Eindruck einer unbegründeten Auswahl. An sich erfreulich, wenn eine Ausstellung nicht den Anspruch erhebt, alles sei wasserdicht und objektiv begründbar. Oft geht Objektauswahl nach Geschmack oder fußt auf der Ahnung, etwas Spannendes finden zu können. Wir sehen ein Gemälde, wir mutmaßen munter. Grobe Datierung, über Herkunft wird spekuliert, Geschichte: unbekannt.

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Sophie Gurjanov, Volontärin Alte Nationalgalerie, mit ‚Dame auf Sofa‘ von Fritz Rhein, Alte Nationalgalerie, © Staatliche Museen zu Berlin / Juliane Eirich

Ohne Smartphone (digitaler Katalog siehe arthistoricum.net wissen wir nach dem Besuch der Ausstellung, dass dieses Exponat eine Information verbirgt. Jahrelang. Nun ist diese Geschichte aufgedeckt, aber sie scheint erneut durch einen sparsamen Objekttext rausgekürzt. Das Unsichtbare wird sichtbar und dann erneut verborgen. Komisch, wo es doch um Sichtbarkeit geht.
Es fällt auf, dass die Museumsarbeit selbst kaum thematisiert wird: die Forschung am Objekt, die Geschichten, kleinen Anekdoten und der Spaß an der Wissenschaft. Wo ist die Freude, einen bisher unbemerkten Hinweis gefunden zu haben, wo ist der Humor, wenn bei der Forschung falschen Fährten nachgegangen wird oder ein ganz subjektiver und vielleicht auch etwas waghalsiger Ansatz verfolgt wird? Genau solche Geschichten machen den Museumsalltag lebendig, sie holen viele Menschen ab und veranschaulichen, was an den Objekten eigentlich reizvoll ist. An vielen Stellen wird Wissen vorausgesetzt. Zweifelsfrei könnte die Ausstellung spannende und tiefe Einblicke in Sammlungspolitik und Museumsgeschichte bieten. Die Texte bleiben in dieser Hinsicht jedoch sehr vage. Erst mit dem Smartphone, QR-Codes und/oder Audioguide eröffnen sich tiefere Einblicke. Tatsächlich lohnt bei diesem Besuch der Audioguide!

(Un)seen Stories. Suchen, Sehen, Sichtbarmachen
31. Mai – 25. August 2024
Eine Sonderausstellung der Volontär*innen der Staatlichen Museen zu Berlin

Kulturforum, Kupferstichkabinett
Matthäikirchplatz, 10785 Berlin
Öffnungszeiten: Di – Fr 10 – 18 Uhr, Sa + So 11 – 18 Uhr
www.smb.museum
 
Die Ausstellung wird gemeinsam kuratiert von Katja Böhlau (Museum für Fotografie), Evgenia Dammer (Rathgen-Forschungslabor), Josefine Dreesen (Institut für Museumsforschung), Friederike Eden (Museum für Fotografie), Luca Faust (Bildung, Vermittlung, Besucherdienste), Emily Finkelstein (Forschung, Ausstellungen, Projekte – Weitwinkel), Anina Gröger (Gemäldegalerie), Sophie Gurjanov (Alte Nationalgalerie), Sarah Hampel (Neue Nationalgalerie), David Hölscher (Museum für Vor- und Frühgeschichte), Franziska Kabelitz (Museum für Islamische Kunst), Louis Killisch (Stiftung Preußischer Kulturbesitz), Annegret Klünker (Antikensammlung), Thomas MacMillan (Musikinstrumenten-Museum), Lilla Mátyók-Engel (Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst), Julia Niemetz (Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, Restaurierung), Jill Praus (Neue Nationalgalerie), Max Resch (Münzkabinett), Julia Richard (Zentralarchiv), Moritz Roemer (Museum Europäischer Kulturen), Giulia Russo (Vorderasiatisches Museum), Lisa Schlichting-Goncalves (Kommunikationsabteilung), Theresia Schmitt (Kunstgewerbemuseum), Lena Steffens (Ethnologisches Museum), Angelika Walther (Publikationsabteilung) und Nina Wegel (Antikensammlung, Restaurierung).

Maximilian Wahlich

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