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Berlin Daily 13.07.2024
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Auf Spurensuche in der Erinnerungswelt. Joël Andrianomearisoa in der ifa-Galerie Berlin

von Ferial Nadja Karrasch (20.06.2024)


Auf Spurensuche in der Erinnerungswelt. Joël Andrianomearisoa in der ifa-Galerie Berlin

Joël Andrianomearisoa
PLEASE SING ME MY SONG BEFORE YOU GO,
filmstill, 2024.
© Studio Joël Andrianomearisoa


Man kennt das: Per Zufall dringt ein lange nicht mehr gehörtes Lied an unser Ohr und schlagartig löst die Melodie Bilder und Emotionen aus. Wir werden zurückversetzt in eine vergangene Zeit, in der uns das Lied begleitete, durchleben erneut die damals empfundenen Gefühle, sehen bestimmte Situationen und Menschen vor uns oder bewegen uns für einen Augenblick durch eine diffus und abstrakt bleibende innere Welt.

Dieses Erleben nimmt Joël Andrianomearisoa in seiner Ausstellung Measures Lullabies and Whispers in der ifa-Galerie Berlin als Ausgangspunkt einer poetischen Erkundung seiner Erinnerungen. Durch eine im Eingangsbereich installierte, mit Worten bedruckte Wand wird der hintere Bereich zu einem geschützten, intimen Raum. Hier ist sein Film Please Sing Me My Song Before You Go zu sehen. Inspiriert von dem Wiegenlied, das ihm seine Großmutter früher vor dem Schlafengehen vorsang, untersucht der Film die Möglichkeiten, vor langer Zeit Empfundenes und tief im Bewusstsein Gespeichertes mit filmischen Mitteln auszudrücken: Präzise inszenierte Schwarzweißbilder, langsame Kamerafahrten, das Spiel mit Licht und Schatten, dazu sanfte Klaviermusik und der Gesang einer Frauenstimme. Die Sequenzen des 20-minütigen Films ergeben eine abstrakt bleibende Erzählung, die Bedeutungen und Beziehungen sowohl zwischen den – sehr würdevoll in Szene gesetzten – Darstellenden als auch der Figuren zu den gezeigten Gegenständen bleiben ungewiss. Andrianomearisoa begibt sich mit der Wahl des Mediums Film auf neues Terrain, dabei bleibt er seinem künstlerischen Interesse, der Materialisierung von Emotionen, treu. Please Sing Me My Song Before You Go veranschaulicht einerseits die Trennung zweier Sphären - der sichtbaren Welt und der inneren, von Emotionen und Erinnerungen geprägten Welt –, um sie im nächsten Moment zusammenzuführen. Er zeigt so, wie wir uns des Objektiven und für das Gegenüber Nachvollziehbaren bedienen, um unser Innerstes mitteilbar zu machen. Anhand seiner eindringlichen, immer minimalistisch bleibenden Bildsprache lässt Andrianomearisoa den Film zu einer sinnlichen Erfahrung werden: Wir fühlen regelrecht die Oberfläche eines Bettlakens und den Beton unter unseren Füßen.

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Ausstellungsansicht Joël Andrianomearisoa MEASURES LULLABIES AND WHISPERS
Foto: Victoria Tomaschko


Materialität spielt auch in den anderen Arbeiten der Ausstellung eine große Rolle: Die Papiercollage The Labyrinth of Passions erinnert an seine Installation I have forgotten the night, mit der Madagaskar 2019 erstmalig auf der Biennale in Venedig vertreten war. Die schwarzen, aneinander gehefteten Papiere werden zu einer raumgreifenden Installation, die rotz der empfindlichen Materialität der einzelnen Blätter eine robuste Präsenz besitzt.

Die Textilarbeiten Manifeste d’une Rupture I to IV veranschaulichen Andrianomearisoas künstlerische Praxis, die mit Sprache, Worten beginnt und mit der Frage voranschreitet, wie diese Worte und die damit verbundenen Emotionen materialisiert werden können. Entstanden sind die Werke in Zusammenarbeit mit Handwerker:innen aus seiner Heimatstadt Antananarivo. Verwendet wurde Raphia eine für Madagaskar typische Palmfaser, die schwer zu verarbeiten ist, da sie schnell reißt. Bei den im hinteren Bereich des Ausstellungsraums zu sehenden Arbeiten wurden Andrianomearisoas eilige Handbewegungen in langwieriger Stickarbeit auf die Leinwand gebracht. Spontaneität und Schnelligkeit treffen hier auf Sorgfalt und den langwierigen Prozess der Handarbeit, das Ergebnis sind abstrakte Werke, deren Materialität sich erst bei näherer Betrachtung erschließt.

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Joël Andrianomearisoa
MANIFESTE D’UNE RUPTURE IV (Detail),
Stickerei mit Raffia, 2024
Foto: Joël Andrianomearisoa


Die von Meriem Berrada und Alya Sebti kuratierte Ausstellung Measures Lullabies and Whispers ist Teil des mehrjährigen, transdisziplinären Projekts Untie to Tie das 2017 als Ausstellung- und Forschungsplattform zu kolonialen Strukturen in zeitgenössischen Gesellschaften initiiert wurde.

Ausstellungsdauer: 7. Juni – 1. September 2024

Öffnungszeiten / Opening hours
Di.—So. / Tue—Sun 14.00—18.00
Do. / Thu 14.00—20.00

ifa-Galerie Berlin
Linienstraße 139/140, 10115 Berlin

Ferial Nadja Karrasch

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Titel zum Thema ifa galerie:

Auf Spurensuche in der Erinnerungswelt. Joël Andrianomearisoa in der ifa-Galerie Berlin
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