Thomas Scheffer, HOPE (Still), 2026, © Thomas Scheffer / VG Bild-Kunst 2026

DAS SICHTBARE IST NICHT DAS MÖGLICHE

Generatives Bild, Wahrnehmung und die Frage nach dem Glitch
Thomas Scheffer im Gespräch mit Verena Voigt M.A.

25. SEPTEMBER, 18 UHR
DIGITALVILLA am HEDY-LAMARR-PLATZ
14482 POTSDAM


Was sehen wir, wenn wir ein digitales Bild sehen? Einen technisch erzeugten Zustand, einen Prozess – oder ein Bild, das erst in der Relation zwischen Display, Auge, Körper, Gehirn, Erinnerung und Erwartung entsteht?

Die Werkschau von Thomas Scheffer am 25. September in der Digitalvilla Potsdam nimmt diese Frage zum Ausgangspunkt einer räumlichen und theoretischen Versuchsanordnung.

Gezeigt werden Arbeiten aus unterschiedlichen Werkzusammenhängen: HOPE UNTOLD, SILENCE, STORIES OF YOUR MIND, QUALIA, THE BLIND SPOT und PORTAL DELUXE. Die Werkschau verbindet experimentelle Präsentationen u.a. von neuesten Produktionen im Forschungslabor sowie in der Forschungsbrauerei der Ebene Null der Digitalvilla.

Scheffers MIND MACHINE-Artefakte untersuchen die Instabilität visueller Wahrnehmung. Bereits geringfügige Veränderungen der Kopfhaltung, des Blickwinkels oder der Distanz zum Display können das wahrgenommene Bild verändern. Dabei kommen weder Sensoren noch Tracking-Systeme oder VR-Interfaces zum Einsatz. Die Veränderung vollzieht sich wesentlich in der neuronalen Verarbeitung der Betrachter:innen. Das technische Bild und das wahrgenommene Bild fallen nicht notwendig zusammen.

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Thomas Scheffer, STORIES OF YOUR MIND (Still), 2025, VG Bild-Kunst, 2026

Diese Differenz wird in den einzelnen Arbeiten auf unterschiedliche Weise untersucht. In STORIES OF YOUR MIND spricht Scheffer von einem „glitch moment in the brain“ und verbindet Wahrnehmung mit Gewöhnung, Klassifikation und der Stabilisierung von Weltbildern. QUALIA führt diese Überlegungen mit den Begriffen „Mind Glitch“ und „Neuro Glitch“ weiter: Der Glitch erscheint nicht primär als Defekt eines technischen Mediums, sondern als temporäre Destabilisierung jener Kohärenz, durch die Wahrnehmung gewöhnlich als selbstverständlich und kontinuierlich erfahren wird.

THE BLIND SPOT verschiebt diese Perspektive. Der physiologische blinde Fleck des menschlichen Auges wird im alltäglichen Sehen nicht als Leerstelle erfahren; das Gehirn ergänzt fehlende Information und erzeugt Kontinuität. Nicht nur die Störung, sondern gerade das scheinbar störungsfreie Sehen wird damit erklärungsbedürftig. Wahrnehmung erscheint als aktive Produktion von Kohärenz.

PORTAL DELUXE öffnet diese Fragestellung für die subjektive Bildproduktion. Die technisch erzeugte Struktur kann Wahrnehmungen und Bedeutungen hervorbringen, die nicht als ikonographische Information im Werk festgeschrieben sind. Damit stellt sich die Frage, wo das Bild eigentlich entsteht: im technischen Objekt, in der Wahrnehmung oder in der Relation zwischen beiden.

Einen Gegenpol bildet SILENCE. Langsame, kaum bemerkbare Veränderungen thematisieren die Grenzen menschlicher Wahrnehmung gegenüber Prozessen, deren zeitliche Dimension sich der unmittelbaren Erfahrung entzieht. Während die Glitch-Theorie häufig über Unterbrechung, Irritation und plötzliche Sichtbarkeit reflektiert, untersucht SILENCE Veränderung gerade dort, wo sie nahezu unbemerkt bleibt.

Von diesen MIND-MACHINE-bezogenen Fragestellungen unterscheidet Scheffer ausdrücklich HOPE. Die 2026 entstandene Arbeit gehört für ihn zunächst in den Kontext Generativer Kunst und ist nicht ohne Weiteres als Glitch Art zu bestimmen. In der für immersive Projektionen entwickelten Fassung HOPE UNTOLD wird das Bild als temporäre Aktualisierung eines generativen Prozesses erfahrbar. Der jeweils sichtbare Zustand erschöpft nicht die weiteren Zustände, die das System hervorbringen kann.

Gerade diese Differenz ist Ausgangspunkt einer kuratorischen Hypothese, die im Gespräch mit Scheffer zur Diskussion gestellt wird. Unter dem vorläufigen Begriff MÖGLICHKEITSREST wird gefragt, wie sich die Differenz zwischen einem aktualisierten Zustand und jenen weiteren Aktualisierungen beschreiben lässt, die durch ihn nicht ausgeschöpft werden. Der Begriff berührt Gilbert Simondons Vorstellung einer „reserve of becoming“, wird hier jedoch auf technische Bilder, Wahrnehmung und Bedingungen des Sichtbarwerdens bezogen.

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Thomas Scheffer, QUALIA (Still), 2026, VG Bild-Kunst, 2026

Von Kim Cascones „Aesthetics of Failure“ über Menkmans Verständnis des Glitch als Bruch, der die sonst verborgenen Bedingungen technischer Medien sichtbar werden lassen kann, bis zu Betancourts Kritik an der Gleichsetzung von technischem Fehler und kritischem Ereignis wurde GLITCH ART wesentlich als Störung, Failure und Ruptur diskutiert. Scheffers Arbeiten stellen hierzu keine einfache Fortsetzung dar. Vielmehr verschieben sie die Frage nach dem Ort des Glitch. Was geschieht, wenn nicht das technische Bild „versagt“, sondern die Kohärenz der Wahrnehmung instabil wird? Kann Glitch zwischen technischem Bild und perzeptivem Bild entstehen? Und muss überhaupt etwas zusammenbrechen, damit die Bedingungen des Sichtbaren offengelegt werden?
Aus dieser Auseinandersetzung entsteht die vorläufige Arbeitshypothese eines OPEN GLITCH: eines Glitch, der nicht notwendig durch den Defekt oder Zusammenbruch eines Systems bestimmt wäre, sondern durch dessen operative Nicht-Schließung. Der Begriff wird ausdrücklich nicht als nachträgliche Klassifikation von HOPE vorgeschlagen. Er bezeichnet vielmehr eine offene theoretische Frage, die aus der Begegnung zwischen Scheffers generativen und wahrnehmungsbezogenen Arbeiten und der internationalen Glitch-Art-Theorie hervorgegangen ist:

Braucht Glitch den Bruch – oder kann auch Offenheit glitchen?

Damit richtet sich die Präsentation letztlich auf eine umfassendere Frage nach den Bedingungen des Sichtbaren. Ein Bild wird technisch erzeugt, neuronal verarbeitet, ergänzt, interpretiert, möglicherweise übersehen oder in immer neuen Zuständen aktualisiert. Zwischen dem technisch Vorhandenen, dem aktuell Sichtbaren und dem Wahrgenommenen bleibt eine Differenz.

Vielleicht liegt gerade in diesem nicht ausgeschöpften Raum jene Bedeutung von HOPE, die über das einzelne Artefakt hinausweist: in der Tatsache, dass das Sichtbare niemals vollständig mit dem Möglichen identisch wird.

Die Präsentation findet zugleich innerhalb eines bereits bestehenden kunsthistorischen Kontextes statt. In der Digitalvilla befinden sich seit 2023 Arbeiten von Rosa Menkman (NL), Katrin Leitner (DE), Nadja Verena Marcin (DE/ USA), Laura Ranglack (DE); im September 2026 kamen Arbeiten von Michael Betancourt (USA), Ian Keaveny aka crash stop (IRE), Domenico Barra (IT/MT), Laila Shereen Sakr (USA) und Niklas Washausen (DE) hinzu. Ihre künstlerischen und theoretischen Positionen markieren unterschiedliche Zugänge zu Glitch, kritischer Digitalität und den Bedingungen technischer Bildproduktion.

Im Anschluss an das Künstlergespräch führt die Kuratorin Verena Voigt M.A. durch die Digitalvilla und spricht über die Arbeiten und ihre Zusammenhänge.

KONZEPT: VERENA VOIGT M.A.
Gesellschaft für zeitgenössische Konzepte e.V. (GFZK e.V.)


Kooperationspartner: Digitalvilla, Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik, Prozesse & Systeme, Potsdam. Kontakt: M ++ 49 163 191 1669

Anmeldung erbeten unter kontakt@verena-voigt-pr.de

FALLING FROM THE SHOULDERS OF GIANTS: COLD FEET – LONG ARMS ist ein zweijähriges im Rahmen von "Von hier aus Zukunft – Kulturland Brandenburg 2026/2027" unterstütztes Kunstprojekt. Kulturland Brandenburg ist gefördert durch Mittel des Landes Brandenburg; mit freundlicher Unterstützung der brandenburgischen Sparkassen.

Mehr Informationen:
www.verena-voigt-pr.de
www.thomasscheffer.de