(Einspieldatum: 08.03.2016)

Die Stadtbeobachterinnen - Gedok Urban in der Kommunalen Galerie in Berlin


bilder

Jenny Brockmann
Chronicle of a Place,
2013, filmstill ´East River Expedition`,
© Jenny Brockmann und
Gallery Gerken


„Ich beobachte die Stadt – die Stadt beobachtet mich“. Die Städte, auf die Jenny Brockmann in den letzten Jahren ihr Augenmerk legte – und vice versa - sind Istanbul, New York und Tel Aviv. Zwischen 2013 und 2014 hatte die Berliner Künstlerin sich aufgemacht, in den Metropolen nach den Spuren deutscher Einwanderer zu forschen. Ziel ihrer „Performance-Installations-Recherche“ war es, Lebensläufe der Migranten zu kartographieren und somit erfahrbar zu machen.

Pfeilgerade etwa verfolgt Brockmann den Weg vom Istanbuler Bahnhof Sirkeci zum Galataturm, aufgrund des topographischen Profils „quasi durch die Häuser hindurch“. Spiralförmig – entlang einer exakt berechneten Fibonacci-Kurve - wiederum durchstreift sie Tel Aviv, während sie die Geometrie der auf dem Reißbrett geschaffenen Stadt New York außer Acht lässt und die Stadt – im Schlauchboot - vom East River aus erschließt.

Dabei betätigt sich die ehemalige Meisterschülerin von Rebecca Horn und Diplomarchitektin als Forscherin, die Messungen ausführt, Wasser- und Materialproben nimmt, Skizzen anlegt. Stetiger Wegbegleiter: Eine mobile Wetterstation, ein Zeichenstift, Foto- und Videokamera. Im Fokus: Fauna, Flora, Steine, Gebäude. Fragmente und das Ganze. Die Gegenwart und die Vergangenheit. Aber auch: das Intuitive und das Objektivierbare. Das Ästhetik und die Wissenschaft.

Die somit entstandene „Chronik eines Ortes“ ist eine von vierzehn Positionen der Gruppenausstellung „Gedok Urban. Aspekte Berliner Kunst“, die die Kommunale Galerie in Berlin-Wilmersdorf noch bis zum 8. Mai 2016 zeigen wird. Anlässlich des 90. Jahrestages von GEDOK Berlin, dem Verband der Gemeinschaften der Künstlerinnen und Kunstförderer e. V., hat die Kuratorin Barbara Barsch Künstlerinnen verschiedener Altersgruppen eingeladen, sich mit dem Thema „Stadt“ auseinanderzusetzen. Immerhin sind es neunzig Jahre, in denen Berlin - wie kaum eine andere Weltstadt - historischen Einschnitten unterworfen war .

Werkabbildung
Angela Bröhan Aus der Serie „Orte“,
Berlin, 2012, Fotografie
© Angela Bröhan


Einen Blick fürs Schräge, Skurrile stellt die Fotografin Angela Bröhan unter Beweis: Die Ohren einer als Graffity aufgemalten Mickymaus tauchen unvermittelt hinter einer Schutzfolie auf oder eine kreuzförmige Öffnung gibt den Blick frei auf eine Schrebergartenkolonie. Farben und Formen dieser auf den ersten Blick so unspektakulären Stadtszenen scheinen ein Eigenleben zu entwickeln. „Im Fokus dieser Arbeit stehen sowohl Komposition als auch Reduktion als eine Bildsprache, die meinem Bedürfnis nach klarer und einfacher Gestaltung Rechnung trägt”, erläutert die Künstlerin. Allerorten kann Poesie aufblitzen, so die Botschaft.

Die Möglichkeitsräume hoch über der Stadt sind es, die Diane Vincent beschäftigen. Auf den Dächern Berlins, zu denen sie sich – in den letzten Jahren zunehmend schwieriger - Zutritt verschafft hat, verschiebt sich die Perspektive. Vincents Fotografien veranschaulichen: In einer Stadt, die aufgrund des starken Zuzuges ihre zahlreichen Brachen zunehmend einbüßt, bietet die Vertikale neue gestalterische Chancen für Individuum und Gesellschaft.

“You are invisible now”, so der Titel einer Arbeit von Nicola Rubinstein von 2014, in der sich die Künstlerin auf einen Song von Bob Dylan bezieht. In ihren Mixed Media Collagen auf entsorgtem Holzuntergrund zeigt sie Fotos von Steinen sowie von Bettlern mit schamhaft geneigtem Kopf. Dabei hält Rubinstein stets einen respektvollen Abstand und macht dennoch diejenigen sichtbar, die der Passant geneigt ist, aus seinem Gesichtsfeld zu verdrängen.

Werkabbildung
Katja Hammerle
Assoziiert, 2002
C-Print auf Alu-Dibond,
Ed.: 6 + 2 AP
65 x 95 cm
© Katja Hammerle


Ungewöhnlich für das atheistisch-protestantisch-muslimische Berlin ist die Arbeit „Assoziiert“ von Katja Hammerle, die erhöht über den anderen Kunstwerken gehängt ist. „Maria“ prangt in roten Lettern über einem Fenster, das zu einem Rotlicht-Etablissement gehören könnte. Ein weiterer C-Print auf Alu-Dibond zeigt eine junge barbusige Frau mit Gloriole um ihren Kopf, die eine Puppe an die Brust hält. Die Assoziation der Maria lactans, der stillenden Muttergottes, liegt auf der Hand. Heilige und Hure – im liberalen Berlin des 21. Jahrhunderts ein anrührend altmodisches moralisches Kontrastpaar.

An den 2006 abgerissenen Palast der Republik, an deren Innengestaltung sie selbst mitgewirkt hatte, wiederum erinnert die in der DDR geborene Gertraude Pohl. Sie beklagt die verpasste Chance, die „historische Chance des demokratisch legitimierten Weiterbaus in der geistigen Mitte der Stadt zu nutzen.“ Aus der historischen Distanz von zehn Jahren drängt sich ihr auch heute nur ein Ausdruck auf, der zugleich Titel ihrer Arbeit ist: „WAHNSINN“.

Werkabbildung
Gertraude Pohl
WAHNSINN, Kreuzworte
in den Proportionen eines
Palastes, 2010,
Installation mit 36 Tafeln,
gesamt 125 x 445 cm
© Gertraude Pohl


Wie auch ihre Künstlerkolleginnen hat Pohl die Stadt nicht nur beobachtet, sondern auch gelebt und verinnerlicht. Die in „GEDOK URBAN“ zusammengetragenen künstlerischen Ergebnisse sind es allemal wert, von der Stadt beobachtet zu werden.

Künstlerinnenliste: Christine Bachmann | Jenny Brockmann | Angela Bröhan | Ines Doleschal | Katja Hammerle | Katja Hochstein | Susanne Piotter | Gertraude Pohl | Ping Qiu | Nicola Rubinstein | Barbara Schnabel | Farkondeh Shahroudi | Diane Vincent | Jessica Wolfelsperger


Ausstellungsdauer: 6. März bis 1. Mai 2016

Kommunale Galerie Berlin
Tel: 030 | 9029 16704 (Galerie)
Hohenzollerndamm 176, 10713 Berlin
kommunalegalerie-berlin.de/


Inge Pett

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