Heimat. Die Annäherung an diesen konkreten und zugleich nicht-greifbaren Begriff erinnert an eine Ausstellung vor einigen Jahren im ZKM Karlsruhe. Auf dem Plakat war eine pittoreske Berglandschaft zu sehen, mit saftig grünen Wiesen und leuchtend bunten Blumen, im Hintergrund die Berg-Silhouette vor himmelblauen Himmel.
Das Thema der Werkschau war „Aktuelle Kunst über Deutschland“ und beim Anblick der Berglandschaft stellte sich sofort ein rührseliges Gefühl ein: So schön ist unsere Heimat! Aber dann - Überraschung! - wurde man darüber aufgeklärt, dass es sich keineswegs um eine „deutsche“ Landschaft handelte, sondern, dass das Foto in Japan entstanden war.

Auch im Postfuhramt muss sich der Besucher seinem Heimatbegriff stellen. Im Rahmen des jährlich neu aufgelegten „Talents“ Programm des C/O Berlin, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, junge Fotografen und Kunstkritiker mit einer eigenen Ausstellung in den Räumen in der Oranienburger Straße zu fördern, hat Esther-Judith Hinz (geb. 1979) eine Fotoserie mit dem Titel „Und ich mittendrin“ erarbeitet.
Auf den ersten Blick scheinen die einzelnen Fotos wenig gemeinsam zu haben, abgesehen von der vermeintlich arbiträren Ästhetik mit den ungewöhnlichen Ausschnitten und Perspektiven. Ins Familienalbum kämen diese „Schnappschüsse“ wohl eher nicht - will man nicht lieber Großmutter mit ihrem Enkel auf dem Schoß sehen, als ihr lediglich angeschnittenes, verlorenes Profil? Warum scheint sich die Künstlerin mehr für die Pfanne auf dem Herd und deren Inhalt als für die Gäste im Wohnzimmer zu interessieren? Und was hat sie dazu veranlasst, ein Paar abzulichten, das mit dem Rücken zum Betrachter Wäsche zum Trocknen aufhängt?

Für noch mehr Verwirrung sorgt die Feststellung, dass keines der Fotos Auskunft über seinen Entstehungsort gibt und auch nicht darüber, wann es aufgenommen wurde. Man begibt sich auf Spurensuche, geht von Foto zu Foto, rückt ihm bis auf wenige Zentimeter auf die Pelle. Steht auf den Rosetten, die von der Decke des Pferdestalls hängen, nicht „Sporthaus Verden“? Habe ich nicht dasselbe Geschirrtuch, das dem Mann auf dem Foto locker über die Schulter hängt, bei IKEA gekauft? Die Saucen auf dem Tisch mit den vertrauten Etiketten verraten zumindest, dass wir uns in Deutschland befinden.
Überhaupt die Grillszene: Sie ist das einzige Motiv, das zweimal auftaucht. Auf dem ersten Foto sitzen ein Mann und eine Frau an einem Campingtisch mit benutzetn Tellern und Grillgut. Die Frau sieht den Mann an, dessen Blick verliert sich in der Ferne.
Auf dem zweiten Foto sind die Beiden von hinten abgelichtet, Seite an Seite auf einer Plastikbank, der Mann ist eingenickt. Welche Aufnahme entstand zuerst? Wer sind die Beiden und in welcher Beziehung stehen sie zueinander?

Der Ausstellungstitel und die Schlüsselloch-Perspektive der Fotos, die Intimität suggeriert, lassen biografische Bezüge der Künstlerin vermuten. Es empfiehlt sich deshalb, einen Blick in den gelungenen Ausstellungskatalog zu werfen. Die Hälfte des aufklappbaren Buches füllt die - ebenfalls von „Talents“ prämierte - Kunstkritikerin Maria Schindelegger (* 1979) mit ihren Reflexionen zu den Fotoarbeiten und ihrem eigenen Heimatbegriff. So erfährt der Leser, dass die Fotos „auf einer Reise von Bayern nach Schleswig-Holstein“ entstanden sind und dass sich die Motive der Trachtentänzer, Feldwege und Einfamilienhäuser keineswegs mit den Erinnerungen Esther-Judith Hinz’ decken. Interessiert, so die Künstlerin im Interview, habe sie vielmehr die Suche nach etwas, das sie, die als Kind häufig umzog, meinte, nie gehabt zu haben. Heimat begreife sie als „aktiven Prozess“.

Demnach ist es eine bewußte Entscheidung der Künstlerin, den vertrauten Gegenständen und den kleinen alltäglichen Momenten ebenso viel Aufmerksamkeit zu zollen wie den Ereignissen, die gemeinhin als wichtig genug befunden werden, um festgehalten zu werden.
Am Ende des Rundgangs fühlt man sich dennoch ein wenig hintergangen, handelt es sich doch offensichtlich nicht um tatsächliche erinnerte Bezugspunkte der Künstlerin. Genau hier beginnt aber auch die eigene Suche nach dem persönlichen Heimatbegriff.
Heimat als Begriff ist nicht fassbar, aber als Gefühl? Vielleicht. Heimat sind für die Künstlerin oft die kleinen, scheinbar unwichtigen Motive, die, gerade weil sie unsere Erwartungen unterlaufen, beim Betrachter eigene Assoziationen auszulösen vermögen.

Ist Heimat in unserer globalisierten Welt ein veralteter, nostalgischer Begriff? Wird das Gefühl des Zuhause-Seins nicht zunehmend von dem der Entwurzelung abgelöst?
Am Ende findet die Künstlerin tröstende Worte: „Ich bin heimatlos, weil mir immer bewusst war, dass ich überall ein Gefühl von Geborgenheit bekommen kann, ich muss es nur zulassen können und somit hängt es wieder von mir selbst ab, ob ich Heimat empfinden kann.“
Heimat hat viele Gesichter. Wer danach suchen will, muss vielleicht gar nicht an den Ort seiner Kindheit zurückkehren, denn Heimat findet sich zuallererst in einem selbst.

Talents 19: Esther-Judith Hinz/ Maria Schindelegger
„Und ich mittendrin.“

Ausstellungsdauer: bis zum 27.Juli 2010

C/O Berlin
Oranienburger Straße 35/36
Täglich 11-20 Uhr
www.co-berlin.info