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Berlin Daily 24.09.2019
Wulf Herzogenrath and Guests I

19 Uhr: mit Mit Klaus vom Bruch und Mathilde ter Heijne, Moderation Olaf Stüber im Rahmen von "Magic Media – Media Magic. Videokunst seit den 1970er Jahren aus dem Archiv Wulf Herzogenrath".
Akademie der Künste, Pariser Platz 4, 10117 Berlin

(Einspieldatum: 30.06.2019)

Weder auf dem Boden, noch im Himmel - Hera Büyüktaşcıyan in der ifa-Galerie

bilder

Hera Büyüktaşcıyan
“Foundations”, 2019, carpet, metal
“Grundlagen”, 2019, Teppich, Metallständer
© the artist and Green Art Gallery Dubai


Neither on the Ground, nor in the Sky: Die Ausstellung von Hera Büyüktaşcıyan in der ifa-Galerie ist eine poetische Offenbarung.

Betreten wir die Galerie, finden wir uns in einer fernen Vergangenheit wieder, die mit einigen wenigen Überbleibseln bestückt ist. Sechs kleine Teppichrollen stehen als Foundations wie Säulen neben der linken olivgrüngestrichenen und mit weißen Mosaiksteinchen spärlich verzierten Wand. An der rechten sind The Observers, zwei Vögel aus Porzellan, befestigt. Ihre Körper sind mit Läufern umwickelt, die unverhüllten Köpfchen beobachten neugierig das Geschehen. Ein aus fünf Teppichen unterschiedlicher Größe bestehendes Objekt namens Panta Rhei liegt auf dem Boden. Mit weißen, grauen und schwarzen Mosaiksteinchen versehen, mutet es wie die Luftaufnahme einer archäologischen Stätte an. Drei mehrteilige unscharfe Grisaillen– Icons for Birds and Stones – und ein Videopoem mit langsamen Sequenzen, die von einer ruhigen Frauenstimme begleiten werden, runden die erste Soloschau der Künstlerin Hera Büyüktaşcıyan in Berlin ab.

Kulissen einer antiken Metropole

Neither on the Ground, nor in the Sky – Weder auf dem Boden, noch im Himmel: Das klingt auch auf Deutsch wie eine poetische Offenbarung. Nach dem Titel dieses Videopoems ist die Ausstellung in der ifa-Galerie benannt. Die wie eine Bühnenbildnerin arbeitende Künstlerin (* 1984 in Istanbul, lebt dort und in Athen) schafft Kulissen, in denen das Publikum wie zwischen sinnbildlichen Ruinen und anderen Überresten einer antiken Metropole flaniert. Ihre fünf in der Ausstellung gezeigten Installationen stammen aus dem vorigen und dem laufenden Jahr. Inspiriert wurden sie jedoch von dem bunten hellenistischen Bodenmosaik mit dem Alexandersittich (160-150 v. Chr.), das aus dem Palast V von Pergamon stammt und sich seit über einem Jahrhundert im Besitz des Berliner Pergamonmuseums befindet. Hera Büyüktaşcıyans Vögel sind dagegen weiß und sehen wie Wellensittiche aus. Sie sind in vielerlei Hinsicht symbolträchtig: Sie werden gezüchtet, verkauft und in Käfigen gehalten; sie sind also dazu verdammt, in Unfreiheit zu leben. Als Porzellanfiguren sind sie beliebte Nippes, in beiden Fällen domestizierte Lebe- oder Kunstwesen aus Menschenhand. Die letzteren begleiten Hera Büyüktaşcıyan auf ihrer Reise an den Ort, wo sich das berühmte Mosaik mit dem Alexandersittich ursprünglich befand: nach Bergama, wie der türkische Name der Stadt Pergamon lautet, die auf eine wechselvolle – hellenistische, römische, byzantinische und osmanische – Geschichte zurückblicken kann.

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Hera Büyüktaşcıyan
“The Observers”, 2018, found porcelain objects, found rugs
“Die Beobachter”, 2018, Porzellanobjekte und Teppiche
© the artist and Green Art Gallery Dubai


Wellensittiche, Teppiche und Heraklit

In ihrer Erforschung der Vergangenheit geht Hera Büyüktaşcıyan wie eine Archäologin vor. Fast alle ihre in der ifa-Galerie ausgestellten Arbeiten sind Fundstücke, die sie auf ihrer Reise aufgestöbert hat: Die Wellensittiche aus Porzellan, die Teppichläufer, das Holz. Sie zeigen, dass die Geschichte und die darin verborgenen Geschichten nur bruchstückhaft dargestellt und häufig nur mit Metaphern ausgedrückt werden können. In Pergamon soll es in der Antike eine berühmte Bibliothek gegeben haben, deren Sammlung angeblich aus 200 000 Schriftrollen bestand. Sicher ist das nicht, denn von den Prunkbauten der einstigen Metropole ist nur wenig erhalten geblieben. Sie teilte das Los ähnlicher Stätten in aller Welt und wurde als Steinbruch für den Bau von Häusern benutzt, bis Ende des 19. Jahrhunderts die Archäologie auf den Plan trat und diesem Prozedere ein Ende setzte. Abgesehen davon, ob es die Bibliothek wirklich gab oder sie nur eine Wunschvorstellung ist, drückt Hera Büyüktaşcıyan in der Installation Foundations aus, dass Schriftrollen zu den Säulen und Fundamenten unserer Kultur gehören. Den Titel des Hügels aus aufgeschichteten Teppichen mit dem Alexandersittich in der Mitte entlieh die Künstlerin dem griechischen Philosophen Heraklit. Panta Rhei bedeutet, dass im Fluss des Seins alles vergeht und nichts auf Dauer bleibt. Das ist wahr, kann aber auch anders gesehen werden: Solide Dinge wie Porzellannippes oder handgewebte Wollteppiche, die das Sein verschönern, leben häufig länger als Menschen. Wer weiß, was diese Artefakte alles erlebt und wen sie überlebt haben.

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Hera Büyüktaşcıyan
“Panta Rhei”, 2019, mosaic, carpet, found wooden cupboard legs
(altgr.) “Alles fließt”, 2019, Mosaiksteine, Teppiche, Schrankbeine aus Holz
© the artist and Green Art Gallery Dubai


Uralte Steine und hängende Häuser

In dem 10-minütigem Video Neither on the Ground, nor in the Sky laufen die Flüsse des Seins in Bergama zusammen. Der Film bebildert das gleichnamige Poem der Künstlerin, deren Kamera durch das antike Pergamon und die heutige türkische Stadt schlendert. Dabei leistet ihr ein weißer Vogel, der den Alexandersittich aus dem Pergamonmuseum symbolisiert, Gesellschaft. Sie wandern durch die Oberstadt auf Steinen, die von der Akropolis übriggeblieben sind. Diese uralten Steine, letzte Zeugen einer untergegangenen Zivilisation, holt sich die Natur zurück. An ihren Rändern wuchert Gras und wachsen Blumen. Sie verwandeln den Burgberg in eine bunte Wiese. Über ihnen schießen Bäume in die Höhe. Die in der Unterstadt auf einer Brücke aus römischer Zeit gebauten Häuser sehen aus, als ob sie in der Luft hingen. „Ich bin weder auf dem Boden / noch bin ich im Himmel. / Und schwebe dazwischen /zwischen den Lebenden und den Toten. / Während ich über Fundamente gehe, / anheimgefallen dem Vergessen.“ Diese Zeilen aus dem von Hera Büyüktaşcıyan geschriebenen und verfilmten Poem können dabei helfen, den Titel und die kulturhistorische Tiefe ihrer Ausstellung in der ifa-Galerie besser zu verstehen.

Hera Büyüktaşcıyan: Neither on the Ground, nor in the Sky
29.03. – 30.06.2019

ifa-Galerie Berlin
Linienstraße 139/140
10115 Berlin

Öffnungszeiten:
Dienstag – Sonntag: 14:00 – 18:00 Uhr
Montag und an Feiertagen geschlossen
Eintritt frei
www.ifa.de

Urszula Usakowska-Wolff

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