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Im Gespräch mit dem Fotografen Ingar Krauss

von chk (10.02.2022)
vorher Abb. Im Gespräch mit dem Fotografen Ingar Krauss

ohne Titel (Halme), 2018, Barytabzug & Ölfarbe, © Ingar Krauss

Das Künstlerhaus Eisenhammer ist ein Ort in der Spreewaldgemeinde Schlepzig, wo Künstlern und Künstlerinnen ein freier Denk- und Arbeitsraum für unkonventionelle Ansätze und experimentelle Zusammenarbeit geboten wird. Voraussetzung ist die Bewerbung um ein Stipendium des Fördervereins aquamediale e.V.. Mehr dazu auf der Website des Künstlerhaus Eisenhammer.

Die Stipendiat*innen, die 2021 vor Ort arbeiten oder gearbeitet haben, sind: Robert Seidel, Franz Rentsch, Julia Eichler, Alex Besta, Maidje Meergans, Maria Lüdeke, Gabriela Jolowicz und Ingar Krauss. Wir freuen uns, Ihnen einige der Stipendiat*innen auf art-in-berlin näher vorstellen zu können. Dieses Interview führten wir mit Ingar Krauss:

Ingar Krauss (* 1965 in Berlin) kam nach handwerklicher Lehre, Arbeit als Theatertechniker an der Berliner Volksbühne und als Betreuer in der Psychiatrie Mitte der neunziger Jahre zur Fotografie. Seine Arbeiten wurden international in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen präsentiert. Im letzten Jahr erhielt er den Kunstpreis Fotografie – Lotto Brandenburg.

Carola Hartlieb-Kühn: Viele Ihrer Fotografien wirken als wären sie aus einer anderen Zeit. Dazu trägt nicht nur Ihre ästhetische Inszenierung bei, sondern auch ein besonderes technisches Verfahren. Wie gehen Sie bei der technischen Entwicklung Ihrer Bilder vor?

Ingar Krauss: So besonders ist das Verfahren eigentlich gar nicht, ich brauche dafür eine Groß- oder Mittelformatkamera auf einem Stativ, einen schwarzweißen Negativfilm und ausreichend Tageslicht; sowie anschließend eine Dunkelkammer, um den Film zu entwickeln und Abzüge von ausgewählten Negativen herzustellen. Das ist zunächst mal ganz klassische (heute sagt man ´analoge`) Fotografie, ein Handwerk quasi. Bei den Stillleben bearbeite ich die Abzüge anschließend noch per Hand mit einer Ölfarblasur. Im Vergleich zur digitalen Bildproduktion bin ich natürlich äußerst langsam, doch Fotografie hatte immer einen alchemistischen Kern und ich möchte damit in Verbindung bleiben.

chk: Sie überlassen beim Fotografieren nichts dem Zufall.
Oder täuscht diese Annahme, dass beispielsweise Ihre Stillleben akribisch vorbereitet sind?


I.K: Die Stillleben sind ja inszenierte Bilder, da versuche ich, ganz konkrete, meist von Naturformen inspirierte Ideen umzusetzen und baue dafür bühnenartige Kästen und Hintergründe. Ein sehr wichtiger Faktor ist auch das Licht - obwohl ich nur Tageslicht nutze, setze ich es sehr gezielt ein. Ob dann ein Stillleben wirklich so als Bild funktioniert, wie ich es mir vorgestellt hatte, das sehe ich erst, wenn der Film entwickelt und der erste Abzug gemacht ist.


ohne Titel (Berlin), 2004, C-Print, © Ingar Krauss

chk: Sie arbeiten hauptsächlich in Serien.
Welches Potenzial bietet Ihnen die Serie gegenüber dem Einzelbild?


I.K: Ich arbeite eigentlich in Zyklen oder einfach an Themen, die mich interessieren. Die Bilder zu diesen Themen entstehen oft über Jahre und formieren sich erst mit zeitlichem Abstand zu einer stringenten Erzählung bzw. Serie. Alle Bilder darin sollen auch ganz für sich allein stehen können und im Zusammenhang vor allem über die Logik des Poetischen funktionieren. Beim Fotografieren weiß ich anfangs oft noch gar nicht, wohin die Reise thematisch gehen wird. Wenn ich etwas sehe, das mich interessiert, steht erstmal das Einzelbild im Vordergrund und nicht so sehr die Frage, ob das eventuell der Beginn einer neuen Serie sein könnte. Das findet sich dann mit der Zeit.

chk: Ihre Porträtfotografien transportieren “Wirklichkeit”, ohne eindeutig dokumentarisch zu sein.
Geben Sie den Menschen, die sie fotografieren, Anweisungen oder Hilfestellungen, wie sie sich in Szene setzen sollen?


I.K: Beim Porträtieren warte und beobachte ich viel, meist entsteht das entscheidende Bild dann, wenn die erste Anspannung nachlässt. Konkrete Anweisungen gebe ich kaum, geredet wird dabei so gut wie gar nicht; aber ich versuche, je nach Situation vorher den passenden Bildraum zu schaffen.

chk: Wenn Sie einen neuen Zyklus beginnen, wie beispielsweise Ihre Porträtbilder von jungen Menschen im Oderbruch, gibt es vorweg ein Ziel, dass Sie bildnerisch umsetzen wollen?

I.K: Ich hatte nicht vor, die Jugend im Oderbruch exemplarisch abzubilden. Unsere älteste Tochter und ihre Freunde waren damals in diesem speziellen Alter des Übergangs und der Verwandlung, und das hat auch fotografisch mein Interesse an Kindern und Jugendlichen geweckt. Ich wollte mit der Kamera das festhalten, was ich in meiner unmittelbaren Familie und Umgebung wahrnahm. Dabei ging es mir nie um eine konkrete Gegenwart oder Verortung, sondern ich habe diese Lebensphase eher als ein Mysterienspiel gesehen und mich für die jugendlichen Individuen und ihr höchsteigenes Reich interessiert.



ohne Titel (Quitten), 2018, Barytabzug & Ölfarbe, © Ingar Krauss

chk: Die Genres, in denen Sie arbeiten, sind die der klassischen jahrhundertealten Malerei: Porträt, Stillleben und Landschaft.
Beschäftigen Sie sich mit Malerei bzw. in welchem Maße hat Malerei einen Einfluss auf Ihre Fotografie?


I.K: Malerei bzw. die Beschäftigung damit hat schon insofern einen Einfluss, als ich ursprünglich gemalt habe, bevor ich zur Fotografie kam. Und bei den Stillleben ist das sicher auch zu sehen. Ansonsten finden sich unter den Kunstwerken, die mich sehr beeindruckt oder beeinflusst haben, sowohl Gemälde aus allen Epochen als auch Fotografien und Filme.

chk: Sie haben Ende 2021 ein Arbeitsstipendium im Künstlerhaus Eisenhammer erhalten.
Woran haben Sie während Ihres dortigen Aufenthaltes gearbeitet?


I.K: Der Spreewald hat mich als sehr eigentümliche Landschaft interessiert, ganz ähnlich muss es vor der Trockenlegung im Oderbruch ausgesehen haben. Ich hatte kein konkretes Vorhaben, wollte mich umsehen und mit den Gegebenheiten arbeiten bzw. Dinge und Ideen für Bilder sammeln. Entstanden sind Landschaftsaufnahmen ebenso wie Stillleben mit pflanzlichen und anderen Fundstücken.

chk: Sie leben im Oderbruch, reisen, nehmen Arbeitsstipendien wie in Schlepzig wahr. Welchen Einfluss haben Orte auf Ihre Arbeit?

I.K: Orte haben einen atmosphärischen und auch einen konkreten Einfluss auf meine Arbeit, da ich immer etwas dort Vorgefundenes in meinen Bildern zeige. Ich komme gern ab und zu an einen fremden Ort, am liebsten ohne sonderlich genauen Plan, eher so wie Clint Eastwood, der mal auf die Frage nach seinen Drehbuchideen antwortete: "Ich reite in eine Stadt – der Rest findet sich." Ich glaube, ich würde an jedem Ort der Welt etwas oder jemanden für mich Interessantes finden.

Arbeiten des Künstlers sind aktuell bzw. demnächst zu sehen:

I Put a Spell on You. Fotoarbeiten und Skulptur
19.02. – 08.04.2022
GOLDWERK GALERIE Rostock
Fotografie: Ingar Krauss, Knut Wolfgang Maron, Adrian Sauer
Skulptur: Dieter Kränzlein
www.goldwerk-galerie.de

Dorfleben – Fotografien seit den 1970er Jahren bis heute
BLMK, Dieselkraftwerk Cottbus
12.03. – 29.05.2022
www.blmk.de

INGAR KRAUSS. Der harte Kern der Schönheit*
Galerie Springer Berlin
01. März bis 14. Mai 2022
www.galeriespringer.de

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Titel zum Thema Künstlerhaus Eisenhammer:

Im Gespräch mit dem Fotografen Ingar Krauss
Im Vergleich zur digitalen Bildproduktion bin ich natürlich äußerst langsam, doch Fotografie hatte immer einen alchemistischen Kern und ich möchte damit in Verbindung bleiben.

Künstlerhaus Eisenhammer: Im Gespräch mit dem Maler Franz Rentsch
"Eines der großflächigen Bilder malte ich mit einem in einen Wischer eingespannten Lappen. Bei +36°C trocknete das Bild sehr schnell. Die grelle Farbigkeit ist auch die Erinnerung an meinen in der Hitze brennenden Nacken." Mehr zu Franz Rentsch in unserem Interview:

Im Gespräch mit Julia Eichler
Die Reproduktion des Vorhandenen, in diesem Fall ein physischer Realitätsabdruck, ist der erste Schritt meines Vorgehens. Die Wandabformungen sind mein Ausgangsmaterial ... So die Künstlerin Julia Eichler in unserem Gespräch über ihre Arbeiten.

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"Ich begreife den Menschen nicht als alleinstehendes Phänomen, sondern als ein Wesen in einem verzweigten Gewebe aus Raum, Zeit und Bildern." Mehr über die Arbeiten von Maria Lüdeke in unserem Interview.

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Das Künstlerhaus Eisenhammer ist Ort in der Spreewaldgemeinde Schlepzig, wo Künstler*innen die Möglichkeit haben, unabhängig und interdisziplinär eine Zeit lang zu arbeiten.

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Das Künstlerhaus Eisenhammer ist Ort in der Spreewaldgemeinde Schlepzig, wo Künstler*innen die Möglichkeit haben, unabhängig und interdisziplinär eine Zeit lang zu arbeiten.

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