Jedes Jahr zum Abschluss des Sommersemesters zeigt die weißensee kunsthochschule berlin an einem Wochenende auf ihren rund 20.000 Quadratmetern Ausstellungs- und Arbeitsfläche die Werke ihrer Studierenden. Welche Themen beschäftigen die offiziellen Kunstschaffenden von morgen? Wohin entwickelt sich der Kunstbetrieb aktuell?
Es ist Sonntag, 12 Uhr mittags und alle Fahrradständer vor der Kunsthochschule Weißensee sind maximal ausgelastet. Vor dem Eingang stehen wartende Menschen und ich lasse mich mit dem Strom durch die Eingangstür an den Infostand leiten. Mit Flyer und Lageplan in der Hand laufe ich schließlich los. Es riecht nach Schweiß und Bratwurst, überall stehen auf weißen Sockeln Plastiken und Maschinen. Stimmen sprechen in ein Mikrofon, und alle Menschen wirken geschäftig. Während meines Streifzugs durch die Forschungslabore und die 21 verschiedenen künstlerischen Werkstätten entdecke ich die digitale Stickwerkstatt und schaue mir die Abschlusskollektion "seefashion23" des Fachbereichs Mode-Design an.
Die Studierenden aus den Sparten Bildhauerei, Malerei, Mode-Design, Produkt-Design, Textil- und Flächen-Design, Visuelle Kommunikation, Theorie und Geschichte und Künstlerisch Gestalterische Grundlagen bieten im Rahmen des Wochenendes Führungen durch ihre Ausstellungen an. Ich komme mit einer Studentin ins Gespräch und schließe mich ihrer Gruppe für Künstlerisch Gestalterische Grundlagen an. Während unseres Rundgangs stechen Themen wie Klimawandel/Nachhaltigkeit, Safe Spaces, Barrieren und an vielen Stellen die Suche nach der eigenen Identität hervor. Spannend ist auch die Arbeit mit künstlicher Intelligenz in Form von Video-Arbeiten oder Multi-Media-Installationen. Ein ganzer Grundlagenkurs beschäftigte sich 2023 mit diesem Thema.
In ihrem ersten Jahr an der Kunsthochschule müssen alle Studierenden unabhängig vom Studiengang die Grundlagenkurse besuchen. Diese sind aufgeteilt in Orientierungs- und Vertiefungskurse und dienen dazu, die verschiedenen Fachbereiche kennenzulernen und Neues auszuprobieren. Als Inspiration diente offensichtlich der Vorkurs am Staatlichen Bauhaus Weimar: eine einjährige Grundausbildung, in der die Studierenden ebenfalls mit verschiedenen Medien und Materialen experimentierten, bevor sie ihr künstlerisches Handwerk in einzelnen Fachbereichen vertieften. Während des Rundgangs erzählt die Studentin, dass den Dozentinnen oft der Prozess wichtiger als das Ergebnis sei und im ersten Jahr keine Benotung von Abgaben erfolge. Verständlich, dass dies vielen Studierenden den Druck nimmt, sich einer Bewertung anpassen zu müssen.
Wir kommen zum Abschluss der Führung in ein Gespräch über Barrieren und den Kunstsektor. Die Studentin weiß selbst, wie der Kunstbetrieb laufen kann, dass er ein „hartes Pflaster“ ist. Sie erzählt, dass sich die Studierenden innerhalb des Studiums auch aktuell mit der Frage auseinandersetzen, für wen die Kunstwelt eigentlich sei und welche Konventionen es in ihr gäbe. Das scheint mir eine realistische Sichtweise, die mich zugleich beeindruckt.
Nach der Führung geht´s alleine weiter durch die Gebäude. Die meisten Werke in den Räumen, erschließen sich für mich nicht (oder täten dies vielleicht, wenn ich jeweils mehr Zeit einzeln mit ihnen verbringen würde.) „Mir fehlt die Vermittlung“, ist zu einfach gesagt, denn in fast allen Räumen sind Studierende, die ansprechbar wären. Was mich eigentlich stört, ist die offenbar allgemeine Annahme, dass Bildende Kunst sich immer von selbst erklärt. Das lässt sich vielleicht von Menschen sagen, die den Kunstkanon kennen und zum Beispiel wissen, worauf sich Werke beziehen. Doch wenn es selbst für mich als studierte Kulturwissenschaftlerin schwer ist, einen Zugang zu finden, wie sollen die Kunstwerke für Menschen außerhalb des Kunstsektors interessant sein?
Im Hof entdecke ich dann noch einen Stand zur Studienorientierung. Ich blättere in den Eignungsvoraussetzungen und stolpere über das Wort "künstlerische Begabung", die wie bei allen Kunstschulen bei der Bewerbung geprüft wird. Dabei drängt sich mir die Frage auf, was damit gemeint ist. Geht es um technische Fertigkeiten mit Material oder geht es um die Idee eines im (früher übrigens nur männlichen) Körper innenwohnenden Genius?
Der Besuch beginnt für mich als netter Spaziergang durch die Kunstweltblase. Es ist beeindruckend, was alles innerhalb eines akademischen Jahres künstlerisch entsteht und es macht Spaß, das Gelände zu erkunden und versteckte Räume zu entdecken. Ohne die Gruppenführung wäre ich vermutlich von der Fülle der Werke, den Geräuschen und den einschüchternden Werken, die komplex wirken und mir gleichzeitig meine eigene Unwissenheit aufzeigen, überfordert gewesen.
Leider endet mein Rundgang frustriert von einem System, das Menschen nach wie vor bewusst ausschließt. Ich habe viele Fragen: Wo ist die Repräsentation von unterschiedlichen Körpern in Mode-Design? Wo ist Kunst nahbar für Menschen, die nicht täglich mit dem Kunstbetrieb zu tun haben? Wo ist die Auseinandersetzung mit Klassismus - gerade an einer Kunsthochschule? Wieso dürfen nur bestimmte Menschen Kunst studieren und welche Menschen bestimmen das?
Dass ich bestimmte Perspektiven während des Rundgangs vermisse, liegt nicht an den Studierenden. Vielmehr ließe sich über das System Kunsthochschule kritisch diskutieren. So wünschte ich mir, dass das Verständnis von Kunst größer gefasst wird und wir davon ausgehen, dass Kunst in verschiedenen Formen grundsätzlich in der Natur jedes Menschen liegt. Wie vielfältig und zugänglich würde der Kunstsektor sein, wenn er für alle Menschen unabhängig von Einkommen, Körper und persönlichen Fähigkeiten offen wäre?
22. Juli - 23. Juli 2023
Rundgang 2023. Tage der offenen Tür
weißensee
kunsthochschule Berlin
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