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Berlin Daily 25.07.2024
Gesprächsrunde "Öffentliche Räume"

19 Uhr: mit Valerie Funk, Teresa Mayr, Rosa Aue & Martine Kayser, Timm Hergert, Dr. Friederike Landau-Donnely. Im Rahmen d. Ausst. "meet me being private". Kunstbrücke am Wildenbruch | Weigandufer Ecke Wildenbruchbrücke | 12045 Berlin

Alles auf und aus Papier

von Frank Lassak (27.09.2023)
vorher Abb. Alles auf und aus Papier

Museum Schloss Mitsuko in Thürkow-Todendorf (c) Ralph Tepel

Ralph Tepel, Direktor des Museums Schloss Mitsuko, stellt die Highlights der aktuellen Ausstellung „paper works“ vor – und erläutert, warum das Museum ausgerechnet an einem so entlegenen Ort zu finden ist. Interview: Frank Lassak.

Frank Lassak: Herr Tepel, seit 2018 leiten Sie das Museum Schloss Mitsuko in Thürkow, das rund 200 Kilometer nördlich von Berlin liegt. Welche künstlerischen Schwerpunkte haben Sie für den Ort gesetzt?

Ralph Tepel: Im Museum für Japan und zeitgenössische Kunst ergeben sich für mich besondere Koordinaten, die jenseits der Grenzen von angewandter und freier Kunst liegen, weil es in Japan diese Unterscheidung nicht gibt. Zugleich spielen philosophische, ostasiatische Leitlinien des Denkens und der Ästhetik eine wichtige Rolle. Das beginnt bei der extrem schlichten Gestaltung der Räume mit rohen Holzböden und gekalkten Wänden. So wähle ich einerseits japanische Themen für die Gruppenausstellungen wie Hishiryo („Das Denken aus dem Grunde des Nicht-Denkens“), Awase („Gegenübertreten und Verschmelzen“), Randori („Das Chaos nehmen“), aber auch Themen wie „Wo sich Vergänglichkeit und Ewigkeit berühren“, Yugen („Urfarbe des Zen“), die eine Herausforderung für Künstlerinnen und Künstler darstellen, neue Wege zu beschreiten. Zudem interessieren mich spannende Positionen für Einzelausstellungen: So habe ich 2018 Gisoo Kim mit ihren vernähten und durchstickten Fotos ins Schloss Mitsuko geholt, Setsuko Fukushima 2019 mit „Alternativer Botanik“ in Papier und Keramik präsentiert, Lichtkunst von Helmut Tollmann 2021 „Gewidmet den Opfern des Faschismus und des Krieges“ oder 2023 Lorenz Radeloff (Kyoto) mit „find me“.
Ein dritter Schwerpunkt sind Musik- und Konzertveranstaltungen besonderer Art, wie etwa die „sonische Begegnung von Baumklang und Steinklang“ mit Taka Kagitomi und Hannes Fessmann oder das Improvisationskonzert der ADAM Noildt Missiles „Remember daiku - Freiheit schöner Götterfunken“ anlässlich des 100. Jubiläums der Erstaufführung von Beethovens 9. Symphonie in Japan durch deutsche Kriegsgefangene.

Frank Lassak: Die am 30. September im Schloss Mitsuko beginnende Ausstellung „paper works“ (30.09.2023 - 31.10.2023) bringt Positionen von 18 ganz unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern aus Japan und Deutschland zusammen. Das klingt nach einem heterogenen Gesamtbild. Welchen Fokus haben Sie beim Kuratieren der Schau gewählt?

Ralph Tepel: Beim Gedanken an „paper works“ hatte ich an die Rolle gedacht, die Papier in unserem Leben und unseren kulturellen Äußerungen seit nunmehr rund 3.000 Jahren spielt. Ich habe darin eine Chance gesehen, extrem unterschiedliche Positionen zusammenzubringen, die das Kulturgut Papier künstlerisch beleuchten. Die gezeigten Arbeiten nutzen Papiere, Pappen, handgeschöpfte und industrielle Produkte, mit und ohne Leim, japanische und europäische Papiere, mit und ohne optische Aufheller. Das Thema ist vielgestaltig, dennoch zerfällt die Ausstellung nicht in Einzelwerke. Das ist möglich, weil sich die ausgewählten Künstlerinnen und Künstler in ihren Werken mit ihrem Bezug zu Japan und dem Papier auseinandersetzen.


Silvia Heger, Papierrelief mit Rosshaar, 2022; (c) Silvia Heger

Frank Lassak: Seit fast 40 Jahren sind Sie auch künstlerisch aktiv, etwa im Bereich der Fotografie, Malerei und Installation. Was hat Sie dazu bewogen, die Leitung von Schloss Mitsuko zu übernehmen, womit vermutlich doch mehr Administration als Kreation verbunden ist?

Ralph Tepel: Letztendlich waren zwei Faktoren entscheidend, dass ich ins Schloss Mitsuko gekommen bin: Zum einen mein Weg als Künstler, als Meisterschüler von Alfons Engling, der ein Schüler Barlachs war. Dies trieb mich auch immer wieder in die Auseinandersetzung mit Barlachs Werk und so auch nach Güstrow, wo ich vor mehr als zehn Jahren auf ein Plakat von Schloss Mitsuko aufmerksam wurde. Zum anderen befasse ich mich intensiv mit Japan und habe dort viele Freundschaften geschlossen. Als mir Professor Radeloff die Leitung antrug, war das eine Ehre und zugleich eine große Herausforderung, die mir freilich viel Zeit und administrative Arbeit abverlangt.

Frank Lassak: Viele faszinierende Arbeiten international renommierter Künstler*innen sind in Schloss Mitsuko zu sehen und befinden sich in dessen Sammlung. Weshalb gerade an einem so entlegenen Ort in Mecklenburg-Vorpommern und nicht etwa in Berlin, Köln oder Stuttgart?

Ralph Tepel:Das liegt an der Entstehungsgeschichte des Museums. Dessen Gründer Henri Radeloff stammt ursprünglich aus Mageburg und suchte seinerzeit einen Ort in Norddeutschland, der sich sowohl als Museum eignete als auch ausreichend Außenfläche bot, um einen japanischen Shinto-Hain anzulegen. Das Gelände in Thürkow-Todendorf ist derart beschaffen, dass das Schloss quasi im umgebenden Hain eingebettet werden konnte. Etwas ganz Besonderes ergab sich dann eher zufällig: Bei Grabungen auf dem Grundstück wurde ein bronzezeitliches Gräberfeld freigelegt, und in einem der Gräber entdeckte man ein mehrere Tausend Jahre altes Tuch aus Wildseide – einem Material also, das zu jener Zeit ausschließlich in Ostasien hergestellt wurde. Mindestens 1.000 Jahre, bevor die ersten Karawanen die Seidenstraße nutzten, hatte dieser Ort bereits eine Verbindung in den fernen Osten. So naheliegend dann also die Standortwahl war, ergaben sich daraus natürlich geografische Herausforderungen, weil die Verkehrsanbindung des Ortes schlecht ist. Dennoch finden immer wieder Gäste aus vielen europäischen Ländern den Weg hierher, etwa aus Island, Schweden, Portugal, Tschechien und selbstverständlich aus allen Regionen Deutschlands.

Frank Lassak: Welche Ausstellungen haben Sie als Museumschef für 2024 geplant?

Ralph Tepel: Ein wichtiger Part zum Auftakt der neuen Saison ist die Sammlungsübernahme des Kato-Werkes aus dem Kunstmuseum Kitzingen ins Schloss Mitsuko. Es wird darüber hinaus die Jubiläumsausstellung 20 Jahre Wege zur Schlichtheit unter dem Thema „Mu – das bedingungslose Nichts“ geben. Eine zweite Gruppenausstellung wird sich mit dem Thema der „Yokai“ (Tiergeister) beschäftigen, die im Shinto und auch in der gesamten japanischen Kunst immer wieder eine wesentliche Rolle spielen bis hinein in Manga und Anime. Zudem ehren wir Professor Henri Radeloff mit einer Ausstellung aus seinem Briefwerk „Gemalte Briefe“. Das Programm 2024 umfasst insgesamt neue Ausstellungen und weitere Veranstaltungen.

Schloss Mitsuko
Kastanienallee 21
17168 Thürkow, Ortsteil Todendorf
schloss-mitsuko.org

Frank Lassak

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