Seit dem 12. Juni hat die Ausstellung „Büro für kuratorische Forschung: Artministration Teil 1“ in der Galerie Nord/ Kunstverein Tiergarten geöffnet. Anders als gewohnt, geht es in dieser Schau nicht um ausgestellte Werke, sondern wie es dazu kommt.
In den Ausstellungsräumen wird eine Bürosituation inszeniert. Schildchen mit Sprechzeiten auf beiden Schreibtischen weisen darauf hin, dass derzeit das Büro nicht besetzt ist. „Büro für kuratorische Forschung. Heute nicht am Platz. Sprechzeiten Mi und Sa, 15-19 Uhr“.
Ein Raum im Dornröschenschlaf, der darauf wartet, wieder genutzt zu werden. Hier könnten die Vorbereitungen für die nächste Ausstellung beginnen oder fortgesetzt werden. Die beiden Schreibtische mit Bildschirmen stehen sich gegenüber, dazu gibt es schwarze Bürostühle und Schreibtischlampen – alles, was man so braucht. Wer schon einmal in einem Büro im Kulturbereich war, kennt diese Szenerie: Bilder, eingepackt in Luftpolsterfolie, lehnen an einer Wand. In den Regalen stehen Kataloge wie das Kunstforum International, aber auch Glasreiniger und Küchenrolle bereit. Der obligatorische Blazer hängt prophylaktisch für das nächste offizielle Event am Garderobenhaken. All das sind Insignien des Kuratierens. Der Wandkalender ist voll von Notizen zu Aufbau, Transport, Eröffnung und Abbau.
Die Szenerie lebt von kleinen Details und versteckten Botschaften; das Programm ist auf gelbe Einlegeblätter gedruckt, die Auslageinformationen aufgebaut wie ein offizielles Anschreiben der Verwaltung. Grüne und rote Umlaufmappen, die tagtäglich in der Verwaltung für postalische Prozesse verwendet werden, liegen in zwei Fächern aufgeteilt bereit.
Der Raum signalisiert einen Zwischenzustand von Präsenz und Abwesenheit, ein In-der-Schwebe-Sein, was durch die Auswahl der Werke an den Wänden verstärkt wird. Sie zeigen Arbeiten wie die Fotografie „Delphi“ (2007) von Anna Lehmann-Brauns. Eine Theaterbühne mit verschlossenem Vorhang, davor leere Sitzplatzreihen. Oder auch die Fotografie von André Kirchner „Telefon“ (2013) mit einer erleuchteten Telefonzelle, in der der schwarze Hörer nicht in der Gabel hängt, sondern erschöpft auf der Ablage liegt. Über dem roten Sofa im Büro, eingerichtet als kleiner Wartebereich, findet sich passend die Arbeit „one second“ (2022) von Markus Soukup. Sie verstärkt das Gefühl vom langen Warten. Subtil im Rücken des Schreibtischs hängt „Schwarz auf Gold“ von Silke Schwarz, die einen goldenen Ganzkörperanzug und der provokanten Aufschrift „Und kannst du davon Leben?“ zeigt.

Das Büro für kuratorische Forschung ist keine bloße Inszenierung oder künstlerische Parodie. Am 24. März 2025, um genau zu sein um 18:35 Uhr, haben Julia Heunemann und Ulrike Riebel sich als Kollektiv gegründet, um „Praktiken, Politiken und Felder des Kuratierens in Form von Ausstellungen und Publikationen zu erkunden“ – so ihre Beschreibung. Der Raum demonstriert, wie vielfältig das Aufgabenfeld der kuratorischen Tätigkeit sein kann, angefangen von einfacher Mailkorrespondenz über Ausstellungsorganisation und Künstler*innenbetreuung bis hin zur persönlichen Begrüßung in den Schauräumen mit Sekt. Hier verbindet sich geistig-kreative Arbeit, Kommunikationsstärke und Verhandlungsgeschick mit Hands-on Mentalität und einer Menge Improvisation.
"Was bedeutet es, kuratorisch zu arbeiten? Welche Entscheidung müssen getroffen werden bis es zu einer Ausstellung kommt.“ – so die beiden über ihre Arbeit.
Julia Heunemann lässt in „Büro für kuratorische Forschung: Artministration Teil 1“ ihre umfassende Expertise einfließen. Aus der Kultur- und Medienwissenschaft kommend, arbeitet sie als Kuratorin für zeitgenössische Kunst, Redakteurin, Archivarin und Vorprüferin für Kunst am Bau-Ausschreibungen. Heunemann befasst sich mit Beziehungen zwischen Wissen, Sammlungen und Kunst und setzt zeitgenössische Kunst, Alltagsobjekte, wissenschaftliche Instrumente und Archivmaterialien in Dialog. Die Kuratorin unterrichtet auch an der Universität der Künste Berlin und der Bauhaus-Universität Weimar.
Co-Gründerin des Büros Ulrike Riebel beschäftigt sich mit der Entwicklung neuer und experimenteller kuratorischer Versuchsanordnungen, indem sie tradierte Ausstellungsformate aufbricht. Wie auch Heunemann ist Riebel als Vorstand des Kunstvereins Tiergarten aktiv. Sie studierte Philosophie und Kuratieren in Leipzig, Reykjavík und Wien und ist Mitbegründerin des Kunstvereins Plusnull e.V. sowie des Projektraums Institut für Alles Mögliche in Berlin. Ulrike Riebel kuratierte u. a. am KW Institute for contemporary art, dem MAK Museum für angewandte Kunst in Wien und dem Japanischen Palais in Dresden. Sie ist Mitherausgeberin des M-OFF Magazin Takeovers und lebt und arbeitet in Berlin.

Mit Eröffnung der Ausstellung in der Galerie Nord/ Kunstverein Tiergarten erscheint das Büro für kuratorische Forschung erstmalig als öffentlich zugänglicher Begegnungsraum. Jahrelange Expertise und Best Practice – Riebel und Heunemann bieten mit ihrer Beratung eine Aufklärungs- und Austauschplattform, die eine Chance für neue kuratorische Impulse ermöglichen kann.
Zusätzlich zu den Sprechzeiten werden die Besucher*innen im Rahmen der „Zirkulierenden Umlaufmappen zwischen BKF und Verwaltung: laufend, kuratiert von Roger Rohrbach“ eingeladen, kritische Fragen an die Verwaltung zu stellen. Innerhalb der Ausstellungszeit werden diese in Umlaufmappen an die zuständige Verwaltungsbehörde gesendet und bearbeitet. Was wollen Besucher*innen? Eine Ansammlung von Impulsen der Interessierten und Antworten der Mitarbeitenden des Amts schafft aktive Beteiligung. Nach der Ausstellung werden die Dokumente im Büro für kuratorische Forschung archiviert und dann öffentlich zugänglich sein. Gleichzeitig sind Interessierte dazu eingeladen Themenvorschläge für eine Open Call-Ausstellung einzureichen. Die Vorschläge werden gemeinsam mit den Besucher*innen juriert und anschließend in einer Ausstellung präsentiert.
Die Ausstellung Artministration Teil 1 spiegelt präzise den derzeitigen Umgang mit Kunst in öffentlichen Institutionen wider. Es zeigt das Langatmige der Bürokratie, die Abhängigkeit von Fördergeldern und Räumlichkeiten, die sich mit der Spontanität und Kreativität der Kunstschaffenden reibt. Es zeigt, die beschwerliche und gleichzeitig fördernde Aufgabe der Kuration in der Kulturarbeit. Es zeigt ein stetiges Aushandeln zwischen Kunstschaffenden und öffentlichen Institutionen immer mit der kuratorischen Arbeit als vermittelnde Schnittstelle.
Kuration bedeutet in erster Linie, sich zu kümmern. Das Büro für kuratorische Forschung schafft in „Artministration Teil 1” Einblicke und verbindet die Perspektiven von Konsument*innen, Kunstschaffenden und Verwaltungspositionen.
12. 6. – 9. 8. 2025
Öffnungszeiten:
Dienstag – Samstag: 11 – 19 Uhr
Eintritt frei
Galerie Nord | Kunstverein Tiergarten
Turmstraße 75 – 10551 Berlin
030 9018-33453
info@kunstverein-tiergarten.de
www.kunstverein-tiergarten.de








