ohne Titel, aus: Verblieben. Erinnert. Gesehen. Verstummt. Eine Recherche. © Maria Sewcz

Leer wirken die Ausstellungsräume im Haus am Kleistpark. Im Gang prangt ein blassgrauer Schriftzug: Maria Sewcz - Verblieben. Erinnert. Gesehen. Verstummt. Eine Recherche. Ebenso zurückgenommen, beinahe distanziert, erscheinen die Abbildungen, die auf mattem Papier in einer Art Spreizhängung mit Magneten an der weißen Wand angebracht sind.

Auf den ersten Blick verwirrt der Anblick: Das Auge möchte von Bild zu Bild springen und ein Narrativ entwickeln, um eine Geschichte nachverfolgen zu können. Die Hängung wirkt fragmentarisch wie eine Ermittlungstafel in einem Tatort – nur ohne den roten Faden. Die Leerstellen sind so evident, dass sie den Ausstellungsraum stärker beherrschen als die Fotografien. Es bleibt also vergebens.

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ohne Titel, aus: Verblieben. Erinnert. Gesehen. Verstummt. Eine Recherche. © Maria Sewcz

Maria Sewcz versucht, aus den fotografierten Hinterlassenschaften ihrer Herkunftsfamilie einen auf sich selbst anwendbaren Hintergrund abzuleiten. Es wird jedoch keine tatsächliche (Familien-) Geschichte sichtbar – unmöglich, die Blickrichtung und das Innenleben der Fotografin nachzuvollziehen. Ebenso unmöglich für die Hinterbliebenen, das Leben ihrer Vorfahren in voller Gänze zu erfassen. Was stattdessen in Erscheinung tritt, ist der individuelle Drang nach Erfassung, Aufarbeitung und Einordnung der Herkunft in das eigene Selbstbild.

Tatsächlich stellt sich bei näherer Betrachtung der einzelnen Bilder ein Abgleich mit dem eigenen Narrativ ein. Sie werden zu Lebensbildern von uns allen: verregnete Ortsansichten, Autos auf einem Parkplatz, ein Blick in die Wolken, ein Rasen im Herbst, Dorfkirche. Wir waren dabei.


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ohne Titel, aus: Verblieben. Erinnert. Gesehen. Verstummt. Eine Recherche. © Maria Sewcz

Und dann wird es doch persönlich: Hin und wieder das Foto eines Fotos – ein Familienmitglied im Garten, eine Postkarte in Schwarz-Weiß, eine unlesbare Handschrift, ein Schuhkarton mit unidentifizierbarem, aber höchst spezifischem Inhalt. Ein vierblättriges Kleeblatt, in ein Buch geklebt. Wir waren nicht dabei, aber Maria Sewcz auch nicht. Die Erinnerungen und Spuren ihrer Herkunftsfamilie könnten die der unseren sein. Der Wunsch nach einem Erkenntnismoment franst aus, und es wird klar, dass wir nur versuchen können, eine Art Empathie in uns selbst zu finden – eine emotionale Nachvollziehung derer, die vor uns da waren, und der Glaube daran, dass sie uns ähnlich genug waren, um sie zu vermissen.

Als ich das Foto einer durchgesessenen Couch sehe, halte ich inne. Ich habe mir vor Kurzem selbst ein Sofa gekauft. Wird es ebenso zum verschlüsselten Zeugnis meiner Hinterlassenschaft werden? Ich war da.

Maria Sewcz
Verblieben. Erinnert. Gesehen. Verstummt.
Eine Recherche

10. Oktober – 7. Dezember 2025

Artist Talk
Donnerstag, 13. November
19:00 Uhr

Öffnungszeiten:
Di-So; 11:00-18:00 Uhr

Haus am Kleistpark
Grunewaldstraße 6-7
10823 Berlin
www.hausamkleistpark.de