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Haus am Kleistpark: Diversität der Moderne. 100 Jahre Groß-Berlin

von Maximilian Wahlich (14.10.2020)


Ausstellung Haus am Kleistpark

© Anne Schönharting, Frank Dingel und Karsten von Kuczkowski, Stylisten, Berlin 2012, aus der Serie Berlin-Charlottenburg

Im Rahmen des EMOP Berlin - Euopean Month of Photography 2020 hat am Wochenende im Haus am Kleistpark die Ausstellung Diversität der Moderne. 100 Jahre Groß-Berlin eröffnet.

Bereits der Titel der Ausstellung referiert auf den Zusammenschluss Berlins am 20. Oktober 1920. Damit wuchs die Großstadt bis heute zum melting pot vielfältiger Lebensentwürfe. Unter dem Vorzeichen der Diversität, so heißt es im Katalog, begaben sich die Kurator*innen auf die Suche nach Darstellungsweisen, die gewohnte Motive „unterlaufen“, alltägliche Seherfahrungen brechen und „abseits von Klischees“ liegen. Welche Vielfalt aber beschreiben wir heute? Wo sind die multiplen Lebensentwürfe zu finden? Die Ausstellung Diversität der Moderne möchte die stadteigene Diversität porträtieren, ihr ein Gesicht geben.

Anne Schönharting sucht mit ihren Fotografien nach den Spuren des Westberliner Bürgertums. Fündig wird sie bei der Hautevolee Charlottenburgs. Die privaten Interieurs avancieren zur eloquenten Staffage der porträtierten Menschen. Trotz der geborgenen Intimität der Räume wird auch immer ein Außen adressiert – ambig zwischen Exhibitionismus und stofflichem Etui erzählen die Fotos von den sozialen wie monetären Kapitalien der Dargestellten.
Schönhartings Fotos zeigen Menschen inmitten ihrer edel ausstaffierten Wohnbühnen, umgeben von historistischen Reminiszenzen wie Antiquitäten oder kostbaren Bildern, sattgrünen Wänden und schmuckem Fischgrätenparkett. Diese Lebenswirklichkeiten sind uns aus den chicen Hochglanzmagazinen wie Vogue oder Harper’s Bazaar allzu bekannt. So aufschlussreich Schönhartings Fotos soziale Distinktion bezeugen, so sehr geraten sie im Kontext dieser Ausstellung zur altgedienten Schablone des Westberliner Wohlstands.

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© Stefanie Bürkle, Musterfassade Bundespressekonferenz, Berlin 1999, aus der Serie face facade

Benachbart zu den Charlottenburger Interieurs befinden sich die Arbeiten von Stefanie Bürkle. Auch sie befasst sich mit dem Raum, fokussiert aber auf die vermeintliche Grenze des Innen und Außen: Fassaden. Als Szenografie verflachen sie den städtischen Raum, reihen sich zur profillosen Kette fotogener Bilder. Parallel zu den ausgestellten Fotografien lässt sich Bürkles Aufsatz Szenografie einer Großstadt. Berlin als stadträumliche Bühne in der Ausstellung lesen. Der Text macht ihr Anliegen deutlich und ihre Arbeitsweise transparent.

Bei Loredana Nemes und Göran Gnaudschun bleibt es hingegen fraglich, ob es hier darum geht, Seherfahrungen zu brechen. Beide Positionen, in einem Raum versammelt, reproduzieren auf mehr oder minder direkte Weise bekannte Bilder von gesellschaftlichen „Außenseitern“ und „Fremden“. Nemes nimmt jene Trefforte türkisch/arabischer Männer in den Blick, die sich im Stadtraum hinter milchigen Fenstern verschanzen. Dabei betont sie, dass es ihr nicht allein um das „Fremde“ geht. Viel eher handeln ihre Fotos von der bewussten Entscheidung „anders bleiben zu wollen“. Auch in Gnaudschuns Werkreihe Alexanderplatz werden über Titel wie Blut auf Pappe medial transportierte Vorstellungen einer brutalen und ungnädigen Rohheit reproduziert. Wiederum bemerkenswert ist das fundierte, ja schon forschende Interesse hinter den Aufnahmen beider Positionen. Beispielsweise nähert sich Gnaudschun über Interviews den Leuten an und Nemes reflektiert ihre Rolle als Frau im Kontext ihrer Fotografien.

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© Loredana Nemes, Ünal,Neukölln, 2009, aus der Serie beyond

Sämtliche Fotografien eint ihre geradewegs essayistische Methode. Sie operieren als Korrektiv historischer Narrative, die Fotograf*innen belegen ihre Arbeit in wissenschaftlichen Aufsätzen oder Interviews und reflektieren die eigene Rolle. Moderne, verstanden als subjektive Ethnologie – wo der persönliche Zugang zum wissenschaftlichen Verfahren wird.
Nach dem Diktum wissenschaftlicher Transparenz werden auch die ersten Arbeitsschritte der Ausstellung im Katalog offen gelegt: Von Schlagworten über Berlin ausgehend nahmen die Kurator*innen die eigentliche Werkauswahl vor. Ähnlich assoziativ erscheint das Konzept der Ausstellung. Beispielsweise verbindet Walter Benjamins Interieur, sein viel beschworenes Auflösen der Fassade, die Werke Bürkles mit Schönhartings Arbeiten. Bereits das Konzept der Ausstellung vermittelt eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit Fotografie. Lediglich der Ausstellungstitel scheint missverständlich, da die Moderne in diesem Darstellungsrahmen nicht als divers oder klischeefrei gezeigt wird.

Künstler*innen: Stefanie Bürkle, Göran Gnaudschun, Ute Mahler, Florian Merkel, Arwed Messmer, Andreas Mühe, Loredana Nemes, Michael Schmidt, Anne Schönharting, Michael Wesely, Ulrich Wüst

10. Oktober – 13. Dezember 2020
HAUS am KLEISTPARK
Grunewaldstr. 6/7, 10823 Berlin-Schöneberg
Di bis So 11–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Eintritt frei
www.hausamkleistpark.de
Katalog: 15 €

Maximilian Wahlich

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