Der Begriff "Neue Heimat" erweckt dunkel Erinnerungen an den Neue-Heimat-Skandal Anfang der 80er Jahre, an Gewerkschaftsfunktionäre, die sich an dem gewerkschaftseigenen Wohnungsbauunternehmen bereichert hatten. Die Ausstellung "Neue Heimat - Berlin Contemporary" stellt unter dieser Thematik jedoch die Frage nach künstlerischer Verortung und Identität angesichts einer globalisierten Gesellschaft. Dabei erhebt sie gleichzeitig den Anspruch, die internationale zeitgenössische Kunstszene in Berlin differenziert zu beleuchten.

Gezeigt werden 29 künstlerischen Positionen von deutschen und ausländischen Künstlern und Künstlerinnen, für die Berlin in den letzten Jahren zur "neuen Heimat" geworden ist oder für die das Thema in ihrem Werk eine Rolle spielt. Mehr als die Hälfte der Arbeiten sind eigens für die Ausstellung entstanden.

In vielen Arbeiten bildet Architektur einen Ausgangspunkt, um das Gewohnte und Selbstverständliche zu hinterfragen und "Heimatgefühle" zu demaskieren. Mal steht dabei das Haus als schützende Hülle, mal wird es als Ort der Bedrohung thematisiert wie bspw. in dem "entblößten" Mehrfamilienhaus von Tea Mäkipää: von einem finnischen Mietshaus sind nur noch Leitungsrohre der Wasser- und Energieversorgung von der Architektur übrig geblieben - gespickt mit ein paar Spülbecken und einigen Lampen. Eine surreale Szenerie, die radikal die Bedingungen von Privatheit aufhebt.
Andere Arbeiten wie z.B. die Videoarbeit von Nina Fischer / Maroan El Sani spielen mit Bildern, in denen das scheinbar Vertraute fremd wird: Ein Mann läuft durch einen anonymen Bürorohbau aufwärts in einem Treppenhaus. Als würde er verfolgt, hetzt er immer höher. Oben angelangt, sieht der Mann im gegenüberliegenden Bürohaus seinen Doppelgänger. Kafkaesk wird jegliches Gefühl von Geborgenheit aufgehoben, stattdessen bleibt Leere und Verzweiflung.
Heimat auch verstanden als ein von Verlust bedrohtes Domizil oder als möglicher Ort des Scheiterns wie in der Installation "Glaube/Zweifel" von Via Lewandowsky: Ein 9 Meter hohes Haus als "Kartenhaus" aus Ausstellungswänden mit Fenstern wirkt auf den Betrachter wenig vertrauenserweckend, aber oft ist es nur die lang zurückliegende Erinnerung, nach der Kartenhäuser zusammen stürzen, vor Ort steht bei näherer Betrachtung die betonte Stabilität im Widerspruch zu den vertrauten Erfahrungen der Kindheit.
Die Verschiebung von Erinnerung und Wahrnehmung ist auch in der Installation von Mona Hatoum von Bedeutung. Im Gegensatz zu Tea Mäkipää scheint sich Mona Hatoum ganz in eine fiktive Privatheit zurückzuziehen: Alltagsgegenstände wie Stühle, Kinderspielzeug, Koffer oder eine Waschschüssel verweisen auf ein mögliches Zuhause. Durch ein Drahtsystem und einen Motor werden die Gegenstände, an denen sich kleine Rollen befinden, langsam zwischen zwei Absperrbarrieren hin- und hergezogen. Nichts bleibt wie es war, alles ist ständig in Bewegung.

Neben Architektur wird man in der Ausstellung außerdem mit "Heimatgefühlen" bezogen auf Landschaft, die Welt der Dinge und Mobilität
konfrontiert, die Reihe ließe sich angesichts der künstlerischen Positionen noch beliebig erweitern. Heimat ist also ein komplexer Begriff, das ist zwar nicht neu, wird aber in vielen Arbeiten der Ausstellung auf spannende Weise diskutiert.

Im Rahmen der Ausstellung wird außerdem der diesjährige Träger des GASAG-Kunstpreises vorgestellt: Mandla Reuter. Reuter reflektiert in seinen Installationen über Repräsentationssysteme von Kunst. Er erhält den mit 7.500,- EUR dotierten Hauptpreis, während Nevin Aladag und Jorinde Voigt die mit jeweils 2.500,- EUR dotierte Förderpreise verliehen bekommen.

Konzipiert und kuratiert wurde die Schau von Ursula Prinz, der stellvertretenden Direktorin, in Zusammenarbeit mit Anne Haun. Ursula Prinz nimmt mit dieser Ausstellung nicht nur ihren Abschied von der Berlinischen Galerie, sondern sie versucht mit der in der dreißigjährigen Geschichte des Museums umfassendsten Präsentation der aktuellen Kunstszene in Berlin auch ein Zeichen für die Zukunft zu setzen. Das heißt, die aktuelle Kunst soll in der Berlinischen Galerie verstärkt einen Raum finden.

Fast scheint es, als wolle die Berlinische Galerie mit dieser Ausstellung erneut die altbekannte Frage aufgreifen: "Braucht Berlin eine Kunsthalle für zeitgenössische Kunst?".

Ausstellungsdauer: 13.9,07-7.1.08
Öffnungszeiten: Tägl. - außer Dienstag - von 10 - 18 Uhr

Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, 10969 Berlin,
www.berlinischegalerie.de