Berlin Daily 23.11.2020
Spaghetti al pomodoro

19 Uhr: Massimo Montanari: Spaghetti al pomodoro. Kurze Geschichte eines Mythos, Wagenbach Verlag 2020. Gespräch mit dem Autor Massimo Montanari und der Verlegerin Susanne Schüssler. Via Zoom.

Heimatfilm, Heimatkunde, Heimatlos - "Neue Heimat - Berlin Contemporary" in der Berlinschen Galerie

von ch (13.09.2007)


Heimatfilm, Heimatkunde, Heimatlos -

Der Begriff "Neue Heimat" erweckt dunkel Erinnerungen an den Neue-Heimat-Skandal Anfang der 80er Jahre, an Gewerkschaftsfunktionäre, die sich an dem gewerkschaftseigenen Wohnungsbauunternehmen bereichert hatten. Die Ausstellung "Neue Heimat - Berlin Contemporary" stellt unter dieser Thematik jedoch die Frage nach künstlerischer Verortung und Identität angesichts einer globalisierten Gesellschaft. Dabei erhebt sie gleichzeitig den Anspruch, die internationale zeitgenössische Kunstszene in Berlin differenziert zu beleuchten.

Gezeigt werden 29 künstlerischen Positionen von deutschen und ausländischen Künstlern und Künstlerinnen, für die Berlin in den letzten Jahren zur "neuen Heimat" geworden ist oder für die das Thema in ihrem Werk eine Rolle spielt. Mehr als die Hälfte der Arbeiten sind eigens für die Ausstellung entstanden.

In vielen Arbeiten bildet Architektur einen Ausgangspunkt, um das Gewohnte und Selbstverständliche zu hinterfragen und "Heimatgefühle" zu demaskieren. Mal steht dabei das Haus als schützende Hülle, mal wird es als Ort der Bedrohung thematisiert wie bspw. in dem "entblößten" Mehrfamilienhaus von Tea Mäkipää: von einem finnischen Mietshaus sind nur noch Leitungsrohre der Wasser- und Energieversorgung von der Architektur übrig geblieben - gespickt mit ein paar Spülbecken und einigen Lampen. Eine surreale Szenerie, die radikal die Bedingungen von Privatheit aufhebt.
Andere Arbeiten wie z.B. die Videoarbeit von Nina Fischer / Maroan El Sani spielen mit Bildern, in denen das scheinbar Vertraute fremd wird: Ein Mann läuft durch einen anonymen Bürorohbau aufwärts in einem Treppenhaus. Als würde er verfolgt, hetzt er immer höher. Oben angelangt, sieht der Mann im gegenüberliegenden Bürohaus seinen Doppelgänger. Kafkaesk wird jegliches Gefühl von Geborgenheit aufgehoben, stattdessen bleibt Leere und Verzweiflung.
Heimat auch verstanden als ein von Verlust bedrohtes Domizil oder als möglicher Ort des Scheiterns wie in der Installation "Glaube/Zweifel" von Via Lewandowsky: Ein 9 Meter hohes Haus als "Kartenhaus" aus Ausstellungswänden mit Fenstern wirkt auf den Betrachter wenig vertrauenserweckend, aber oft ist es nur die lang zurückliegende Erinnerung, nach der Kartenhäuser zusammen stürzen, vor Ort steht bei näherer Betrachtung die betonte Stabilität im Widerspruch zu den vertrauten Erfahrungen der Kindheit.
Die Verschiebung von Erinnerung und Wahrnehmung ist auch in der Installation von Mona Hatoum von Bedeutung. Im Gegensatz zu Tea Mäkipää scheint sich Mona Hatoum ganz in eine fiktive Privatheit zurückzuziehen: Alltagsgegenstände wie Stühle, Kinderspielzeug, Koffer oder eine Waschschüssel verweisen auf ein mögliches Zuhause. Durch ein Drahtsystem und einen Motor werden die Gegenstände, an denen sich kleine Rollen befinden, langsam zwischen zwei Absperrbarrieren hin- und hergezogen. Nichts bleibt wie es war, alles ist ständig in Bewegung.

Neben Architektur wird man in der Ausstellung außerdem mit "Heimatgefühlen" bezogen auf Landschaft, die Welt der Dinge und Mobilität
konfrontiert, die Reihe ließe sich angesichts der künstlerischen Positionen noch beliebig erweitern. Heimat ist also ein komplexer Begriff, das ist zwar nicht neu, wird aber in vielen Arbeiten der Ausstellung auf spannende Weise diskutiert.

Im Rahmen der Ausstellung wird außerdem der diesjährige Träger des GASAG-Kunstpreises vorgestellt: Mandla Reuter. Reuter reflektiert in seinen Installationen über Repräsentationssysteme von Kunst. Er erhält den mit 7.500,- EUR dotierten Hauptpreis, während Nevin Aladag und Jorinde Voigt die mit jeweils 2.500,- EUR dotierte Förderpreise verliehen bekommen.

Konzipiert und kuratiert wurde die Schau von Ursula Prinz, der stellvertretenden Direktorin, in Zusammenarbeit mit Anne Haun. Ursula Prinz nimmt mit dieser Ausstellung nicht nur ihren Abschied von der Berlinischen Galerie, sondern sie versucht mit der in der dreißigjährigen Geschichte des Museums umfassendsten Präsentation der aktuellen Kunstszene in Berlin auch ein Zeichen für die Zukunft zu setzen. Das heißt, die aktuelle Kunst soll in der Berlinischen Galerie verstärkt einen Raum finden.

Fast scheint es, als wolle die Berlinische Galerie mit dieser Ausstellung erneut die altbekannte Frage aufgreifen: "Braucht Berlin eine Kunsthalle für zeitgenössische Kunst?".

Ausstellungsdauer: 13.9,07-7.1.08
Öffnungszeiten: Tägl. - außer Dienstag - von 10 - 18 Uhr

Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, 10969 Berlin,
www.berlinischegalerie.de

ch

weitere Artikel von ch

Newsletter bestellen




top

Titel zum Thema Berlinische Galerie:

Wechsel in der Fotografischen Sammlung der Berlinischen Galerie
Personalien: Der Leiter der Fotografischen Sammlung der Berlinischen Galerie, Ulrich Domröse, geht in den Ruhestand.

Katia Reich wird neue Leiterin der Fotografischen Sammlung in der Berlinischen Galerie
Personalien: Im November wird Katia Reich die Leitung der Fotografischen Sammlung in der Berlinischen Galerie übernehmen. Sie tritt die Nachfolge von Ulrich Domröse an, der in den Ruhestand geht.

Berlinische Galerie wieder geöffnet
Kurzinfo: Die Überprüfungen sind abgeschlossen und das gesamte Haus hat seit gestern, Donnerstag, wieder für Besucher*innen geöffnet.

Thomas Köhler weitere 5 Jahre Direktor der Berlinischen Galerie
Personalien: Wichtige Anliegen für die Zukunft der Berlinischen Galerie sind u.a. die Ermöglichung eines eigenen, dauerhaften Ausstellungsetats ...

Wiedereröffnung Berlinische Galerie 2015
Erste Eindrücke: Mit 4 neuen Ausstellungen eröffnet die Berlinische Galerie im Mai 2015 die sanierten Räume für das Publikum.

GASAG setzt Sponsoraktivitäten für die Berlinische Galerie fort
In Kooperation mit der Berlinischen Galerie vergibt die GASAG seit 2009 den GASAG Kunstpreis, der ursprünglich mit der Universität der Künstler, Berlin, entwickelt wurde.

Kommunikation in der Blase - Berlinische Galerie
Besprechung: Diese „Kunstblase“ ist eine der erfreulichen Art. Sie ist einfach schön. Versonnen lässt man den Blick über ihre Oberfläche streifen und freut sich, wenn diese sich im Wind leicht wölbt und die Sonne Reflexe zaubert.

Berlinische Galerie: Digitalisierung der Bestände
Die Berlinische Galerie digitalisiert ihre Bestände aus den Sammlungsbereichen: Archiv DADA Berlin (Nachlässe Hannah Höch und Raoul Hausmann), Archiv Naum Gabo, Archiv Erich Salomon, Sammlungsbestände Bildende Kunst und Ostberliner Fotoarchiv.

Neuberufung des Stiftungsrates an der Berlinischen Galerie
Personalien: Ein Stiftungsrat arbeitet ehrenamtlich, entscheidet über besonders wichtige Angelegenheiten der Stiftung und kontrolliert, was der Vorstand macht. Jetzt wurde der ...

Beyond the White Cube? Ausstellungsarchitektur, Raumgestaltung und Inszenierung heute
Im weißen Würfel gefangen. Kommentar zum Symposium in der Berlinischen Galerie am 25. 03. 2011
Wo Christoph Büchel am Werk ist, herrscht Irritation. Die Ausstellungen des Schweizer Künstlers verwandeln das Museum in eine absurde Parallelwelt, in der der Besucher zum Übungsobjekt wird.

Personalie: Berlinische Galerie ab Juli 08 mit zusätzlicher Verstärkung
Während Dr. Heinz Stahlhut bereits seit März 08 die Nachfolge von Dr. Ursula Prinz als Sammlungsleiter für den Bereich Bildende Kunst angetreten hat, wird es in der Berlinischen Galerie ab Juli außerdem einen neuen Stellvertreter des Direktors, der gleichzeitig Projekt- und Programmkoordinator ist, geben: Dr. Thomas Köhler

Heimatfilm, Heimatkunde, Heimatlos - "Neue Heimat - Berlin Contemporary" in der Berlinschen Galerie
Der Begriff "Neue Heimat" erweckt dunkel Erinnerungen an den Neue-Heimat-Skandal Anfang der 80er Jahre, an Gewerkschaftsfunktionäre, die sich an dem gewerkschaftseigenen Wohnungsbauunternehmen bereichert hatten. Die Ausstellung "Neue Heimat - Berlin Contemporary" stellt unter dieser Thematik jedoch die Frage nach künstlerischer Verortung und Identität angesichts einer globalisierten Gesellschaft.

Berlinische Galerie - Der Pirelli Kalender
Angesprochen wird hier die Zielgruppe, die den seit 40 Jahren als unverkäufliches Kundengeschenk in einer Auflage von bis zu 40000 Exemplaren erscheinenden Kalender schlicht "The CAL" nennt.

Hannah-Höch-Preis 2005 an Rolf Julius
Der Hannah-Höch-Preis wird seit 1996 in Berlin von der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur für ein künstlerisches Lebenswerk verliehen, er ist mit 10.000 EUR dotiert. Diesjähriger Preisträger ist der Künstler: Rolf Julius

Kultur und Informatik - Projektionen und Visionen einer medientechnologisierten Kunst im 21. Jahrhundert
Veranstaltungstipp: Eine thematisch interessante Tagung zu Wechselwirkungen zwischen Kunst und Medientechnologie findet am 20. Mai 2005, 10.00 bis 18.00 Uhr, in der Berlinischen Galerie statt.

top

zur Startseite

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Boris Lurie Art Foundation

Anzeige
Responsive image

Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Deutsches Historisches Museum (DHM)




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Haus am Kleistpark




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Verein Berliner Künstler




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
ifa-Galerie Berlin




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Stadtmuseum Berlin




© 1999 - 2020, art-in-berlin.de Kunstagentur Thomessen Hartlieb-Kühn GbR.