Handbuch Kunstmarkt. Akteure, Management und Vermittlung
von chk
Gerade trudeln die Ergebnisse der Herbstauktionen ein, wie immer mit neuen Rekordmeldungen. Zudem wurde kürzlich die mit Spannung erwartete Teilnehmerliste von der Art Basel Hong Kong bekanntgegeben und nicht zu vergessen, der vermeintliche Skandal um die versteigerten NRW-Warhol-Bilder ist noch längst nicht ausdiskutiert. Das sind nur einige der Themen, die aktuell am Kunstmarkt pulsieren. Da kommt ein neues Buch gerade recht, das sich als umfassendes Kompendium zum Kunstmarkt versteht und ein Wegweiser sein will für Kunstvermittler, Kulturmanager, Kulturpolitiker, Studierende und sonstige Berufstätige im Kunstmarkt.
Allerdings handelt es sich bei dem „Handbuch Kunstmarkt“ (hrsg. von Andrea Hausmann) tatsächlich eher um ein Nachschlagewerk, das aus verschiedenen Perspektiven den Markt beschreibt und analysiert, als um ein Buch, das sich mit dem System als solchem kritisch auseinandersetzt.
Entsprechend sind viele der 25 Beiträge auf den rund 450 Seiten wissenschaftliche Aufsätze, und die Autoren verfügen über entsprechende Fachkompetenz entweder auf kunsthistorischer oder auf ökonomischer Basis.
Im ersten von drei übergeordneten Kapiteln wird die Geschichte des Kunstmarktes aus ökonomischer, soziologischer und schließlich kulturpolitischer Sicht beleuchtet. So rollt die Kunsthistorikerin Andrea Hülsen-Esch historisch auf, wie sich der Kunsthandel von der Antike bis in unser Jahrhundert entwickelt hat. Verschiedene Schwerpunkte, wie zum Beispiel „Kunstmarktzentren und neue Vertriebsformen im deutschen Sprachraum“, akzentuieren den Beitrag. Der Soziologe Jörg Rössel beschreibt den Kunstmarkt aus einer empirisch-analytischen Perspektive, die soziale Prozesse auf der Basis von Produktion, Vermittlung und Rezeption von Kunst systematisch zu erfassen sucht. Den Abschluss des ersten Kapitels bilden Anmerkungen zu kulturpolitischen Strategien von Monika Grütters, der Staatsministerin für Kultur und Medien. Dabei erläutert sie in erster Linie das in Deutschland vorherrschende Selbstverständnis von Kultur - und somit auch von Kunstmarkt -, das sich u.a. in der Behandlung der Mehrwertsteuer oder in Grütters Überlegungen zur Ausstellungvergütung widerspiegelt, aber auch in der Umsetzung der Künstlersozialversicherung oder dem Urheberrecht.
Im zweiten Teil geht es unmittelbar um die Akteure des Kunstmarktes: Kunstschaffende, Kunsthochschulen, Sammler, Galerien, Auktionshäuser, Kunstmessen und Kunstkritik. Die Volkswirtin Marlies Hummel wertet statistische Ergebnisse zu den Künstlern aus. Anhand von übersichtlichen Grafiken, die auf Umfragen des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler beruhen, ergänzt durch Berechnungen von Hummel, wird die wirtschaftliche Situation der Künstler aufgezeigt. Wie allgemein bekannt, sieht diese bei einem Großteil von ihnen nicht besonders rosig aus. Hier lässt sich nochmals detailliert nachlesen, bspw. welche Einkünfte aus dem Verkauf von Kunstwerken erzielt wurden oder wie rege die Ausstellungstätigkeit ist.
Im Vergleich zum ersten Teil des Buches ist der zweite Teil erheblich umfassender. Er befasst sich nicht nur mit der Situation der Künstler, sondern befragt auch jeden einzelnen Akteur im Hinblick auf seine Rolle im Kunstmarkt. So wird beispielsweise die Ausrichtung der Kunsthochschulen auf den Markt beleuchtet (Peter M. Lynen). Dazu unterscheidet der Autor zwischen Werk- und Wirkbereich: „Die Kunsthochschulen fühlen sich zunächst vorranging dem Werkbereich und der ideellen sowie bildungsbezogenen Unterstützung des künstlerischen Nachwuchses verpflichtet. .... Der Markt hingegen ist ein Forum für den Wirkbereich und die materielle sowie kommerzielle Bewertung, Verbreitung und Verteilung künstlerischer Leistungen und Produkte.“ Lynen entschlüsselt auf dieser Basis aufschlussreich, wie der Kunstmarkt in die Kunsthochschulen reinspielt, inwieweit sich die Ausbildungsstätten gegenüber dem Markt restriktiv oder konstruktiv verhalten oder wie sich die Zielsetzungen zwischen beiden Bereichen unterscheiden.
Ein eindeutiger Schwerpunkt liegt ohne Frage auf dem Wirkbereich von Galerien, Kunstmessen und Auktionshäusern. Hier geht es um Vermittlung, Marktpräsenz, Vermarktungsstrategien, um Handelsplätze und natürlich auch – wie im Falle der Galerien – um die Zusammenarbeit mit den Künstlern. Wie sah der Galerienmarkt im 19. Jahrhundert aus? Welche unterschiedlichen Galeriekonzepte gibt es bspw. zwischen Programm- und Produzentengalerien? Oder: Welche neuen Vermarktungsformen ergeben sich in der Gegenwart? Auch Fragen hinsichtlich des digitalen Kunsthandels im Kontext des Galeriengeschäfts werden kurz angerissen. Ein Thema, das vielleicht in dem Buch insgesamt etwas kurz gerät, auch wenn später ein Kapitel „Der Kunstmarkt im Internet“ folgt.
Zwischen die Artikel zu den Galerien, Auktionen und Kunstmessen wurden zwei weitere Kapitel integriert, die das Thema Sammlung aufgreifen. Einmal kommt der Kunstsammler Thomas Rusche zu Wort, der aus einer sehr persönlichen Sicht das Kunstsammeln hinsichtlich kultureller Sinnstiftung und persönlicher Selbstvergewisserung betrachtet und dabei auch beschreibt, welche Kraft er durch das Kunstsammeln bzw. durch die Kunst schöpft. In „Komplizen – Galeristen und Privatsammler als Partner der Kunstmessen“ spricht hingegen der Museumsdirektor der Berlinischen Galerie, Thomas Köhler, über das Spannungsverhältnis von Privatsammlern und Museen, über deren Annäherung und Allianzen. Konsequenter Weise werden als Nächstes die Strategien der Kunstberater, mit deren Hilfe sich Sammlungen – je nach Interesse der Sammler – sinnvoll aufbauen lassen oder deren Kenntnisse bei Kunst als Kapitalanlage gefragt sind. Der jüngste Skandal um den Düsseldorfer Kunstberater Helge Achenbach, bei dem es um Millionensummen geht, zeigt welche Machtpositionen Berater in diesem Segment erlangen. Achenbach wird u.a. vorgeworfen, dem Essener Unternehmer Albrecht, Kunstwerke für seine Sammlung zu erhöhten Einkaufspreisen vermittelt und seine Provision manipuliert zu haben.
Vergleichbar ist der Einfluss von Kunstsachverständigen, auch hier ließen sich Skandale - man denke nur an Beltracchi - aus der jüngsten Vergangenheit zitieren, wobei der Text „“Zwischen Markt und Wissenschaft: Kunstsachverständige und Experten“ von Nils Büttner und Behrend Finke bis ins 17. Jhd. zurückgeht, um die mögliche Problemstellung darzulegen. Erklärt wird außerdem ganz anschaulich, was eine Expertise ist oder welche weiteren Faktoren neben Sachkenntnis für Gutachten notwendig sind.
Den Abschluss des zweiten Kapitels bildet ein Text zu Kunstmarkt und Kunstkritik des Kulturjournalisten Stefan Lüddemann, der eingangs diagnostiziert, dass der Kritik lediglich noch „eine traurige Restrolle als Zaungast und Bittsteller“ zukommt. Lüddemann sieht die Kunstkritik zwar in einer Bedeutungskrise, weil sie sich im „Konsens mit dem Kunstbetrieb eingerichtet“ hat. Und daran trägt nicht nur der Markt Schuld, sondern die Kritik selbst, die allzu lange in der Suche nach einem neuen Selbstverständnis verharrte. Schließlich legt Lüddemann fünf Kriterien vor, die dazu dienen sollen, eine gute Kunstkritik zu verfassen, wie bspw. die Frage „Bieten sich mit dem Werk Ansätze, über Kunst und ihre Leistung neu nachzudenken? oder Überzeugt das Werk in seiner Struktur – gerade dann, wenn sie überrascht oder provoziert?“. Fragen und Ansätze, in der Kunst als Chance und Risiko begriffen werden soll und die letztendlich die Kunstkritik – jenseits ökonomischer Bewertungsversuche und Zwänge – zum Kunstmarkt kraftvoll zu positionieren sucht.
Im dritten Teil des Buches stehen Problemstellungen in den Bereichen Management, Recht und Vermittlung im Vordergrund. Es beginnt mit einem Überblick zur Kunst und Kulturförderung (von Olaf Zimmermann / Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates). Peter M. Lynen kommt nochmals zu Wort und betrachtet kunstwirtschaftsrechtliche Fragen, bevor sich der Jurist und Kunstsammler Stefan Haupt anhand zahlreicher Beispiele aus dem Kunstkontext dem Urheberrecht widmet. Mit dem Thema Recht im Rahmen von Kunstkriminalität und ihrer Auswirkung auf den Kunstmarkt beschäftigt sich die Kunsthistorikerin und ehemalige Geschäftsführerin der Art Loss Register GmbH Ulli Seegers. Konkret geht es hier um Kunstdiebstahl, Hehlerei, Beutekunst oder Raubkunst. Besonders die Raubkunst, die zwar immer wieder zu Diskussionen innerhalb der Museumsszene führt, aber deren Herkunft – laut Autorin – „zur Gretchenfrage für jeden Kunsthändler geworden,...“ ist oder – so ließe sich hinzufügen – geworden sein sollte. Denn, wo es keine Käufer gibt, dürfte es auch für Verkäufer schwierig sein. So befasst sich Seegers nicht grundlos am Ende ihres Textes mit „Rahmenbedingungen: Kulturgutschutz und Selbstverpflichtungen“.
Der letzte Beitrag zum Thema Recht führt in das komplexe Gebiet von „Kunst und Steuern“ (Felix Ganteführer) ein. Danach folgen Aufsätze zu Themen des Projektmanagement und Kunstvermittlung, zu dem auch der Text „Der Kunstmarkt im Internet“ des Kunsthistoriker Hubertus Kohle gehört. Kohle, der den Kunsthandel im Internet eher zwiespältig gegenübersteht, geht dennoch davon aus, dass sich ein geringer zweistelliger prozentualer Verkaufsanteil – vergleichbar den Zahlen im Buchhandel - auch in den verschiedenen Bereichen der Kunstdistribution durchsetzen wird.
Am Ende des Buches findet sich eine Autorenliste. Fast jedes Kapitel verfügt über eine ausführliche Literaturliste, sodass die Möglichkeit besteht, sich weiter in die Materie einzuarbeiten. Ein Stichwortverzeichnis wäre zum Schluss noch wünschenswert gewesen. Trotzdem liegt mit dem „Handbuch Kunstmarkt“ ein solides und fundiertes Überblickswerk vor, das besonders Kunstmarktinteressierten und vor allem Berufseinsteigern wichtige Informationen liefert.
Mit Beiträgen von Barbara Alder, Nils Büttner, Dirk Boll, Friederike van Delden, Behrend Finke, Linda Frenzel, Felix Ganteführer, Patrick Glogner-Pilz, Gérard A. Goodrow, Monika Grütters, Stefan Haupt, Andrea Hausmann, Marlies Hummel, Andrea von Hülsen-Esch, Hubertus Kohle, Thomas Köhler, Stefan Lüddemann, Peter M. Lynen, Jörg Rössel, Thomas Rusche, Ulli Seegers, Nora Wegner, Maren Ziese und Olaf Zimmermann.
Andrea Hausmann (Hg.)
Handbuch Kunstmarkt
Akteure, Management und Vermittlung
transcript - Verlag für Kommunikation, Kultur und soziale Praxis
Bielefeld 2014,
480 Seiten, kart., zahlr. Abb.
ISBN 978-3-8376-2297-3
26,99 € *
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