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Das Lonka Projekt: Ein fotografisches Denkmal für die Holocaust-Überlebenden

von Urszula Usakowska-Wolff (27.04.2021)


Das Lonka Projekt: Ein fotografisches Denkmal für die Holocaust-Überlebenden

29.09.19 Agnes Keleti, Budapest, Hungary, Photo © Bea Bar Kallos / The Lonka Project, 2019 (Hungary, Israel)

Ein altes Foto. Darauf sind Jungvermählte abgebildet. Sie lächeln und sehen glücklich aus: wie Menschen, die am Anfang eines gemeinsamen Weges stehen. Das Bild zeigt Eleonora und Jerzy Nass, die Eltern der israelischen Fotografin Rina Castelnuovo. Sie haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg in der polnischen Stadt Katowice kennengelernt, geheiratet und Zahnmedizin studiert. 1950 emigrierten sie nach Israel. Über ihre grauenhaften Erlebnisse im von Hitlerdeutschland besetzten Polen haben sie – wie die meisten Holocaust-Überlebenden – wenig oder erst im vorgerückten Alter gesprochen. Als Eleonora 2018 starb, spürte ihre Tochter, dass „die Verantwortung für die Vergangenheit“ von nun an auf sie übertragen wurde. Zusammen mit ihrem Mann, dem Fotojournalisten Jim Hollander, starteten sie das Lonka Projekt, benannt nach Eleonoras Kosenamen. Mit dem Projekt wollten sie möglichst viele, vor allem junge Menschen erreichen, die wenig oder nichts über den Holocaust wissen. Sie luden renommierte Fotografinnen und Fotografen wie zum Beispiel wie Steve McCurry, Roger Ballen, Kristian Schuller, Maurice Weiss oder Marissa Roth ein, Porträts der Holocaust-Überlebenden in ihrer häuslichen Umgebung zu machen und ihre Geschichten aufzuschreiben.

Die Resonanz war überwältigend: Nach knapp drei Jahren versammelt das Lonka Projekt 300 Porträts der Holocaust-Überlebenden aus 30 Ländern. Aus einer Privatinitiative entwickelte sich eine weltumspannende Aktion. Ihr Ergebnis ist ein einmaliges Dokument, das die Überlebenden würdigt, ihre Geschichte während und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Erinnerung bringt und veranschaulicht, wie sie ihr Leben meisterten trotz ihres schrecklichen Leids, das ihnen und ihren Nächsten von den Nationalsozialisten und ihren Helfern zugefügt wurde. Die Botschaft der Überlebenden an die Jugend und Erwachsene von heute lautet: „Nicht zu hassen, denn Hass vermag es, deinen Feind zu töten, aber zerstört dabei auch dich.“ Sie stammt von Eddi Jaku, 1920 in Leipzig geboren, der das KZ Buchenwald und das Vernichtungslager Auschwitz überlebte, 1950 nach Australien einwanderte und beschloss, jeden Tag zu lächeln. 2020 veröffentlichte der 100-Jährige sein Buch Der glücklichste Mensch der Welt. Der sechs Jahre jüngere Marian Turski, der das Ghetto Litzmannstadt (Lodz), Auschwitz, Buchenwald und Theresienstadt überlebte, Journalist und Vorsitzender des Historischen Jüdischen Instituts in Warschau ist, mahnte in seiner Rede aus Anlass des 75. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz: „Auschwitz ist nicht plötzlich, einfach so, vom Himmel gefallen. Lasst nicht zu, dass Minderheiten diskriminiert werden. Seid nicht gleichgültig!“. Auch ihre Porträts sind im Lonka Projekt zu sehen.

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01.08.19 Mordechai Perlov, Johannesburg, South Africa, Photo © Roger Ballen / The Lonka Project, 2019 (USA)

Nachdem das Projekt im Januar 2020 am Sitz der Vereinten Nationen in New York City öffentlich präsentiert wurde, sollte zum Holocaust-Gedenktag 2021 eine Schau mit über 100 Fotografien in der SPD-Bundeszentrale in Berlin feierlich und unter großer Publikumsbeteiligung eröffnet werden. Der Lockdown machte es unmöglich; die Ausstellung, die durch das persönliche Engagement von Gisela Kayser, künstlerische Leiterin des Freundeskreises Willy-Brandt-Haus, erstmals in Deutschland gezeigt werden sollte, kann bis auf weiteres nur online besichtigt werden. Die 29 Porträts, die im Atrium des WBH hängen, waren nur kurze Zeit zugänglich. Sie bleiben aber bis zum 27. Juni dort, sodass man sie vielleicht irgendwann persönlich erleben kann. Aber auch ein virtueller Rundgang durch das Lonka Projekt ist unbedingt zu empfehlen. Die Gesichter und Geschichten der Überlebenden wühlen auf, rühren zu Tränen, werfen erneut Fragen auf, wie die nationalsozialistische Ideologie ihre Anhänger und Mitläufer dazu bringen konnte, dass sie Menschen, die sie für minderwertig hielten, ohne Bedenken töteten, sie in den Konzentrationslagern zu einer auf dem Unterarm tätowierten Nummer degradierten, auf unvorstellbare Art quälten und erniedrigten. Diese Bilder sind auch deshalb so bewegend, weil das wohl die letzten Porträts der lebenden Überlebenden sind. Die meisten sind zwischen 80 und 101 Jahre alt.

Das Lonka Projekt ermöglichte ihnen, über die traumatischen Erlebnisse aus der Jahren 1939-1945 im besetzten Polen, Belgien, in den Niederlanden, baltischen Ländern, Frankreich, Griechenland, Rumänien, Serbien, Frankreich, Deutschland, aber auch in den sowjetischen Gulags oder in einem japanischen Internierungslager in Indonesien zu sprechen: den Menschen, die ausgelöscht, bestenfalls so gebrochen werden sollten, dass sie ihren Willen und die Hoffnung darauf verlieren, im Nachhinein normal leben zu können. Doch sie haben es geschafft dank ihrer bewundernswerten Vitalität und Beharrlichkeit. Sie haben alles verloren: ihre Heimat, ihre Kindheit, ihre Verwandten, Freunde, ihr gesamtes Hab und Gut. Sie sahen, wie ihre Nächsten in die Gaskammern getrieben wurden. Viele überlebten als einzige aus ihrer Familie, blieben allein, mussten, häufig in fremden Ländern, von Null anfangen, eine neue Sprache lernen, um eine neue Existenz aufzubauen. Viele überlebten als einzige aus ihrer Familie, blieben allein, mussten, häufig in fremden Ländern, von Null anfangen, eine neue Sprache lernen, um eine neue Existenz aufzubauen. So ist das Projekt eine fotografische Hommage, ein Denkmal für die Überlebenden, deren Symbol Lonka ist. Sie wurde 1926 als Eleonora Eule in Bielsko-Biała (Bielitz) in Südpolen geboren und wuchs behütet in Krakau auf. Schon in ihrer Kindheit war sie eine begabte Pianistin, die am liebsten Chopin spielte. 1941, zwei Jahre nach dem Überfall des nationalsozialistischen Deutschland auf Polen, zwang die SS die jüdische Bevölkerung Krakaus ins dortige Ghetto zu ziehen. Das Ghetto wurde 1943 liquidiert, Lonkas Bruder und Vater wurden an einen unbekannten Ort deportiert: Sie hat sie nie wieder gesehen. Zusammen mit ihrer Mutter Felicja wurden sie in fünf Konzentrationslager verschleppt, und am 8. Mai 1945 in Theresienstadt von der Roten Armee befreit. Da war Lonka so geschwächt, dass sie nicht mehr gehen konnte. Nach dem Krieg zog sie nach Katowice, wo sie ihren zukünftigen Mann Jerzy Nass, der den Holocaust in einem Kellerversteck überlebte, kennenlernte. Seit 1950 lebten sie in Israel. Ähnlich sind auch die Kriegsschicksale der anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Lonka Projekts, von denen aus Platzgründen hier nur einige wenige etwas ausführlicher beschrieben werden können:

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Tsafrir Abayiv: Shaul Paul Ladany, © Tsafrir Abayov / The Lonka Project, 2019 (Israel) Tel Aviv

Shaul Paul Ladany, emeritierter Professor für Ingenieurwissenschaften, Erfinder, Marathonläufer und mehrfacher israelischer Landesmeister im Gehen, wurde 1936 in Belgrad geboren. Nach dem deutschen Überfall auf Jugoslawien flohen seine Eltern nach Ungarn. 1944 kamen sie ins Konzentrationslager Belgen-Belsen. Ladany verließ das Lager zusammen mit 1.700 Juden in dem s.g. Kasztner-Zug, den die Deutschen für ein üppiges Bestechungsgeld in die Schweiz schickten. Nach dem Kriegsende wanderte die Familie nach Palästina ein. 1968 nahm Ladany an den Olympischen Spielen in Mexiko, 1972 in München teil, wo er dem Anschlag der palästinensischen Terrorgruppe Schwarzer September, dem elf israelische Olympiateilnehmer zum Opfer fielen, nur knapp entging. 1997 veröffentlichte er seine Biografie, die 2008 auch auf Englisch unter dem Titel King of the road. From Bergen-Belsen to the Olympic Games erschien. Auf dem Porträt im Lonka Projekt dreht Shaul Paul Ladany seine tägliche Runde in der Wüste Negev.

Ágnes Keleti, 1921 in Budapest geboren, eine bereits vor dem Krieg erfolgreiche Sportlerin, wurde 1941 aus ihrem Turnverein ausgeschlossen, weil sie Jüdin war. Sie musste sich verstecken, besorgte sich falsche Ausweispapiere und arbeitet als Dienstmädchen. Nach Kriegsende kehrte Ágnes Keleti zum Kunstturnen zurück, nahm 1952 an den Olympischen Spielen in Helsinki und 1956 in Melbourne teil. Sie gewann zehn olympische Medaillen, davon die Hälfte Gold. Nach der blutigen Niederschlagung der Ungarischen Revolution 1956 durch die Sowjettruppen beantragte sie politisches Asyl in Australien und emigrierte dann nach Israel. Wie auf ihrem Porträt zu sehen, ist sie auch mit 100 topfit und voller Lebensfreude.

Israel Meir Lau, 1937 im polnischen Piotrków Trybunalski geboren, ist ein Überlebender der Ghettos in Piotrków, Tschenstochau und des Konzentrationslagers Buchenwald. Dort kümmerte sich ein minderjähriger russischer Häftling namens Fiodor um ihn, er versteckte den Jungen im Lager, brachte ihm Essen. Unmittelbar vor der Befreiung des KZ Buchenwalds „schossen die Deutschen von den Wachtürmen wie verrückt auf die Häftlinge. Fiodor riss mich zu Boden, bedeckte mich mit seinem Körper. Er riskierte sein Leben, um mich zu retten“, schrieb Lau 2008 in einem Brief an Yad Vashem. Als die US-Armee im April 1945 Buchenwald befreite, fotografierten die amerikanischen Soldaten den Achtjährigen. Zusammen mit seinem älteren Bruder Naphtali, auch er ein Buchenwald-Überlebender, emigrierte er nach dem Krieg nach Palästina. Als Rabbiner setzte er die Familientradition fort. Israel Meir Lau bekleidete u.a. das Amt des aschkenasischen Oberrabbiners von Israel und wurde 2008 zum Vorsitzenden des Beirats der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ernannt.

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Ausstellungsansicht, © Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Anita Lasker, 1925 in Breslau in einer assimilierten jüdischen bürgerlichen Familie geboren, kam 1942, nach der Deportation ihrer Eltern in ein Vernichtungslager, zusammen mit ihrer Schwester Renate in ein Waisenheim, und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Sie wurden von der Gestapo inhaftiert, weil sie falsche Papiere (auch für französische Kriegsgefangene) produzierten und versuchten, nach Frankreich zu flüchten. 1943 überstellte man sie als Kriminelle nach Auschwitz, was sie vor der „Selektion“, also dem Tod in der Gaskammer bewahrte. Weil Anita Cello spielen konnte, fand sie einen Platz im Lagerorchester. Ende 1944 wurde die beiden Schwestern ins KZ Bergen-Belsen verlegt, wo sie am 15. April 1945 die Befreiung erlebten. Nach dem Krieg zogen sie nach London; Anita studierte an der Guildhall School of Music, heiratete den Pianisten Peter Wallfisch und bekam zwei Kinder. Anita Lasker-Wallfisch war Mitbegründerin des English Chamber Orchestra. 1996 veröffentlichte sie ihre Memoiren Inherit the Truth (auf Deutsch unter dem Titel Ihr sollt die Wahrheit erben. Die Cellistin von Auschwitz. Erinnerungen, Weidle Verlag 1997). 2019 wurde sie für ihren Einsatz gegen Judenhass und Ausgrenzung mit dem Deutschen Nationalpreis, 2020 mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

In ihrer beeindruckenden Rede zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus sagte sie 2018 im Deutschen Bundestag: „Ich hatte geschworen, nie wieder meine Füße auf deutschen Boden zu setzen. Mein Hass auf alles, was deutsch war, war grenzenlos. Wie Sie sehen, bin ich eidbrüchig geworden – schon vor vielen, vielen Jahren -, und ich bereue es nicht. Hass ist ganz einfach ein Gift, und letzten Endes vergiftet man sich selbst.“

DAS LONKA PROJEKT
Eine fotografische Hommage an die Holocaust-Überlebenden
Initiatoren und Co-Direktoren: Rina Castelnuovo und Jim Hollander
Kuratorin in Berlin: Gisela Kayser, Künstlerische Leiterin Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V.

Vorerst nur als virtueller Rundgang:
www.fkwbh.de
Weitere Informationen zu dem Projekt:
thelonkaproject.com/updates

Urszula Usakowska-Wolff

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Das Lonka Projekt: Ein fotografisches Denkmal für die Holocaust-Überlebenden
Besprechung: Aus einer Privatinitiative entwickelte sich eine weltumspannende Aktion. Ihr Ergebnis ist ein einmaliges Dokument, das die Überlebenden des die Holocaust würdigt.

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