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Widersprüchliche Realitäten. Fotografien von Dietmar Riemann im Willy-Brandt-Haus

von Ferial Nadja Karrasch (29.02.2024)
vorher Abb. Widersprüchliche Realitäten. Fotografien von Dietmar Riemann im Willy-Brandt-Haus

Schaufenster, 1986–89, © Situation Kunst / Dietmar Riemann

„Es ist offen“ - drei Worte, arrangiert zu einer Aussage, die mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt. Sie stehen in weißer Farbe auf dem heruntergelassenen Rollladen eines Ladens, der demzufolge eben nicht offen ist. Denn nicht nur das Rollo des Schaufensters, sondern auch jenes des Eingangs und des daneben liegenden weiteren Fensters sind heruntergelassen. Hier ist niemand, hier gibt es nichts. Was bedeutet also offen? Was ist „es“ und wann ist „ist“? Die in dieser Fotografie aufeinandertreffenden Informationen widersprechen sich und erzeugen eine Spannung, der nachgegangen werden will.

Die Aufnahme ist Teil einer zwischen 1986 und 1989 hauptsächlich in Ost-Berlin entstandenen „Schaufenster“-Serie des Fotografen Dietmar Riemann (geboren 1950 in Hainichen/Sachsen, lebt in Mosbach/Baden). Wir sehen gänzlich leere Fischtheken, spärlich bestückte Auslagen eines Gemüseladens (zwei Kisten Tomaten, eine Schale Äpfel, jeweils einen Weiß- und einen Rotkohl, vereinzelte Zwiebeln), DDR-Flaggen und -Fähnchen zwischen Konserven oder gleich als schaufensterfüllendes Dekor. Das alles gerahmt von Fassaden, die bessere Zeiten gesehen haben, von denen der Putz bröckelt.
Der Entstehungszeitraum dieser Bilder umfasst den Moment von Riemanns Antragstellung auf Ausreise aus der DDR bis zur Bewilligung drei Jahre später - nach zahlreichen Ablehnungen und nur drei Monate vor dem Zusammenbruch der DDR. Im Kontext dieser Zeit betrachtet, umfassen die Bilder in Riemanns „Schaufenster“-Serie nicht nur die kritisch wahrgenommene Gegenwart, den Ist-Zustand, sondern auch die Zukunft: Sie schildern die Wirklichkeit in einer Weise, die dem Diktat des Sozialismus entgegenläuft und das Scheitern des sozialistischen Staates vorwegnimmt. So entpuppt sich das auf den ersten Blick banale Motiv eines Schaufensters als Ausdruck einer politischen, subversiven Haltung, die für den Fotografen mit einem hohen Risiko verbunden war.

Sich dieser politischen Brisanz der Aufnahmen bewusst, kommt man allerdings nicht umhin zu schmunzeln. Zu skurril sind die Fotografien zum Teil, wenn etwa haufenweise Blumen in der Auslage der Fleischerei arrangiert sind oder zwei einsame Brote auf ihre Käufer warten. Oder lacht doch nur die „zu spät“ und im Westen Geborene?

Die Ausstellung „Dietmar Riemann: Innere Angelegenheiten. Fotografien von 1975-89“, präsentiert vom Freundeskreis Willy-Brandt-Haus, ist voll von diesen Momenten, in denen die Bilder unmittelbar Emotionen hervorrufen, Informationen und Einblicke geben und dann Fragen aufwerfen, die unsere Gesellschaft, unsere Geschichte, Gegenwart und Zukunft betreffen und die um allgemein existentielle Themen kreisen.
Konzipiert wurde die Schau von der Bochumer Stiftung Situation Kunst in Zusammenarbeit mit Studierenden der Ruhr-Universität Bochum und war bereits in Bochum, Rostock und Wiesbaden zu sehen. Insgesamt werden knapp 170 Fotografien in sechs Serien präsentiert, die in ihrem sozialdokumentarischen Charakter verschiedene Facetten des alltäglichen Lebens in der DDR widerspiegeln und gleichzeitig allgemeine gesellschaftliche Belange aufzeigen.

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Wände, Mauern, Zäune und andere Begrenzungen, 1985–89, © Situation Kunst / Dietmar Riemann

Parallel zur „Schaufenster“-Serie , die teilweise in Farbe zu sehen ist, entstand die Serie „Wände, Mauern, Zäune und andere Begrenzungen“ (1985-89), die trotz dem Verbot, die Berliner Mauer zu fotografieren, eben diese zeigt – eilig, teilweise aus vorbeifahrenden Zügen heraus, aufgenommen mit einer kleinen Sucherkamera Olympus XA. Diese hatte sich Riemann sich aus dem Westen besorgen lassen.
Die Bilder dokumentieren den Zustand von Überwachung und Kontrolle, von Unfreiheit, Perspektivlosigkeit und Missstand. Entgegen der auf den Häuserwänden, Schildern und Plakaten propagierten Sprüche geht hier nichts mehr vorwärts, ist das „Wohl des Volkes“ längst auf der Strecke geblieben.
Auch die Bilder der Serie „Ost-Berliner Hinterhöfe“ (1976/1986) erzählen eher Geschichten von Stillstand und Verfall als von optimistischer Zukunft.

Während diese drei Serien „die gestaltete Lebenswelt eines nur kurze Zeit später nicht mehr existenten Staates festhalten“, wie Eva Wruck es in ihrem Text im Ausstellungskatalog schreibt, nimmt Riemann in drei weiteren Serien den Mensch ins Bild: 1975-76/1979 entsteht die Serie „Renntage – Menschen auf der Trabrennbahn (Ost-)Berlin-Karlshorst“. Man kann sich gar nicht satt sehen an diesen Bildern, die schon in dieser frühen Arbeit so viel darüber verraten, wie der Fotograf Riemann auf seine Mitmenschen blickt. Es ist ein interessierter, zugewandter, liebevoller Blick, gepaart mit einem unglaublichen Gespür für den richtigen Augenblick und für die ideale Perspektive. Es würde nicht wundern, wenn der Regisseur Wes Anderson sich für seine Bildsprache bei diesen Bildern Inspiration holte. Es sind wunderbare Momente, an denen uns Riemann hier fünf Jahrzehnte später teilhaben lässt: Die drei älteren, fröhlichen Damen mit ihren Wettscheinen, der Herr mit der Fliege, der den Kopf reckt um besser sehen zu können, die Zuschauer:innen, die sich zur besseren Sicht auf eine Bank stellen – nicht ohne vorher die Schuhe auszuziehen.

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Renntage – Menschen auf der Trabrennbahn
(Ost-)Berlin-Karlshorst, 1975–76/1979, © Situation Kunst / Dietmar Riemann


Die Serie „Was für eine Insel in was für einem Meer - Menschen in den Samariteranstalten Fürstenwalde“ entstand 1979-80 als Abschlussarbeit seines Studiums an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, nachdem er zuvor als gelernter Werksfotograf im Braunkohlekraftwerk Boxberg gearbeitet hatte. Riemann wendet sich hier jenen Menschen zu, die in der DDR möglichst unsichtbar bleiben sollten, weil sie scheinbar nicht in die Erzählung des Glücksversprechens integrierbar waren: Menschen mit geistiger Behinderung. Die Bilder verraten nicht nur etwas über die Zustände der psychiatrischen Unterbringung, sondern bewahren zahlreiche Momente der Menschlichkeit: Fürsorge, Innigkeit, menschliche Nähe auf Seiten der otografierten, Zugewandtheit, aufrichtiges Interesse und Respekt auf Seiten des Fotografen.

All das findet sich auch in den Bildern der Serie „Warten – Fotografien aus dem Pflegeheim St. Elisabeth-Stift Berlin“ (1984-85), in denen sich Riemann mit Krankheit und Tod auseinandersetzt und diese Auseinandersetzung direkt an die Betrachterin weitergibt. Die Fotografien sind im Moment ihres Aufnahmezeitpunkts verankert und weisen doch über diesen hinaus, wirken ins Jetzt und werfen Fragen auf, die unsere heutige Gesellschaft, unseren Umgang mit verschiedenen Generationen und mit pflegebedürftigen Menschen betreffen.
Riemanns Fotografien sind unglaublich vielschichtig, sowohl in ihrem zeitgeschichtlichen Kontext als auch in ihrer Bedeutung für unsere Gegenwart. Es lohnt sich, den Emotionen und Fragen, die sie aufwerfen, nachzuspüren.

Dietmar Riemann – Innere Angelegenheiten. Fotografien 1975-89
23.02.2024 - 28.04.2024

Öffnungszeiten: Dienstag - Sonntag von 12 - 18 Uhr (letzter Einlass 17:30 Uhr)

WILLY-BRANDT-HAUS
Stresemannstr. 28
10963 Berlin
www.fkwbh.de

Ferial Nadja Karrasch

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