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„Sei ein Wurm“ - das verlockende Bilderuniversum von Dagie Brundert

von Daniela Kloock (26.08.2023)
vorher Abb. „Sei ein Wurm“ - das verlockende Bilderuniversum von Dagie Brundert

Dagie Brundert, Kiss the Moment, Ausstellungsansicht, © Bernd Brundert

Wer sich fragt, was Wurmlöcher und Swing-Synchronitäten mit Kunst zu tun haben, sollte sich – trotz oder gerade wegen der derzeitigen Hitze - in die kühlen Räumlichkeiten der unterirdischen Betonhalle von silent green begeben. Hier gibt es derzeit und leider nur kurz Erstaunliches zu entdecken. KISS THE MOMENT, so der Titel der Ausstellung, die erstmalig Einblick in das umfassende Oeuvre von Dagie Brundert ermöglicht. Die hierzulande viel zu wenig bekannte Filmkünstlerin experimentiert bereits seit über 35 Jahren mit einem Bildträger, von dem jüngere Generationen bestenfalls von ihren Großeltern wissen, dass er existiert hat.

Für Dagie Brundert, die zuweilen als deutsche Pipilotti Rist bezeichnet wird, war es Liebe auf den ersten Blick. In den späten 1980er Jahren, während ihres Studiums an der UDK, damals noch HDK Berlin, entdeckte sie – just zu der Zeit als Video aufkam - die Super 8 Kamera, bzw. den Super 8 Film. Ihr erster Kurzfilm 23 Barbiepuppen kippen um (1988) zusammen mit Gesine Jochems, ein humorvoller 3 ½ Minüter, wurde bald ein gefeierter Klassiker der Super-8-Szene. In der Ausstellung im silent green fungiert der Film jetzt als kongenialer „door opener“, perfekt zum aktuellen Barbie-Hype.


Kiss the Moment, Dagie Brundert zus. mit Gesine Jochems, 23 Barbiepuppen kippen um, Filmstill, © Dagie Brundert, Gesine Jochems

Verzaubert, Raum- und Zeitverlierend flaniert man alsbald durch die kühlen Räumlichkeiten, durch das einzigartige „Dagie-Bilderuniversum“. Circa 40 ihrer Kurzfilme werden gezeigt, wunderbar in Szene gesetzt und flankiert von ihren zum Teil groß aufgezogenen Lochkamerafotografien. Nicht ohne Grund fallen der Chronistin Walter Benjamin Vokabeln ein. Der ent-auratisierten Wahrnehmung, den glatten, kalten Oberflächen setzt Dagie Brundert ihr entschiedenes Wabi-Sabi entgegen. Was wie eine Zauberformel klingt, ist dem Vernehmen nach ein Prinzip des Zen-Buddhismus. Hier und ihr geht es um das Verhüllte, nicht auf den ersten Blick Erkennbare, um das Vergängliche und Zufällige, um die Schönheit im Einfachen, zuweilen auch Banalen.

Dabei kann vieles, vor allem das Unbeachtete oder Übersehene, zu einer Geschichte werden, wenn man „seine Antennen auf Empfang stellt“, wie die Künstlerin zu sagen pflegt. Es kommt also nicht von ungefähr, dass zufällig Gefundenes, wie etwa die Barbie Puppen, ein reitender kleiner Plastik-Cowboy oder ramponierte Miniatur- Astronauten ihre Animations- und Stop-Motion Filme bevölkern. Neben Katzen und anderen Tieren ist auch häufig sie selbst auf den Bildern zu sehen. Wir erfahren etwas von Fischfreilassung und Schmetterlingsküssen, von Wurmlöchern und Pilzen, begleiten die Filmemacherin bei ihren ungewöhnlichen Wald- und Wiesenerkundungen, folgen schaukelnd und staunend all diesen miniaturisierten Wunderfilmen.


Dagie Brundert, Bruder und Schwester, Filmstill, © Bernd Brundert

Doch es ist nicht nur die Wahl der Motive, welche den Reiz und einzigartigen Charme der Filme ausmacht. Ganz entscheidend ist, wie Dagie Brundert ihre Filme vertont. Eigenwillige Geräusch/Musik/Text Mixturen sind das, mal sphärische Klänge, mal harter Beat, mal Gedichte, mal trilinguale Wort- und Sprachspiele, Haikus, kunstvoll ineinander verwoben und übereinander gelagert. Eine atmosphärisch dichte, teilweise traumartige Stimmung wird so erzeugt. Vielleicht ist es diese eigenwillige Bild-Ton-Melange und natürlich der spielerisch leicht wirkende Grundton der Filme, welcher gelegentlich an die Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist erinnern mag. Grundverschieden sind jedoch ihr Medium und ihr Umgang damit.


Dagie Brundert, Tempelhofer Schnee, Filmstill, © Bernd Brundert

Damit wäre man wieder bei Walter Benjamin. Es ist die Aura des analogen Bildträgers, seine Körnigkeit, seine ausgewaschenen Farben, nicht zuletzt die Wertigkeit des Materials selbst, die die Filme und Fotografien von Dagie Brundert so einzigartig machen. Ein Loch in einer Dose, ein Stück Film- oder Fotopapier und Licht, voilà, die einfachste und älteste Art und Weise, optische Abbildungen zu erhalten. Da ist nichts perfekt, komplett zu kontrollieren, nichts zu duplizieren, zu reproduzieren. Eine einzige Aufnahme, ein einziges Bild und zack! Der Zufall und viel Erfahrung spielen hier die Hauptrollen. Dagie Brunderts unermüdliche Versuche und Experimente, Filmkörner zu bannen, Photonen einzufangen, Lichtwellen zu binden bzw. alles, was möglich ist, mit dem Material zu versuchen, führten irgendwann fast folgerichtig dazu, mit selbst erfundenen Filmentwicklern zu arbeiten.

Hexenküche heißt so ein Teilbereich der Ausstellung. Gemüse, Obst oder Kräuter, dann und wann auch etwas Rotwein, noch lieber aber Kaffee, das sind die Zutaten bzw. Teile der Essenzen, mit denen die Künstlerin seit ungefähr 12 Jahren ihre Filme entwickelt. Kein Scherz! Wer keine Ahnung von Biochemie hat, lernt hier das kleine Einmaleins. Die Phenole, Vitamin C und Waschsoda werden gemischt, dazu die passende Temperatur, circa 27 Grad, und fertig ist der biodynamische Filmentwickler. Das ist nicht nur nachhaltiger und ungefährlicher, sondern zeitigt auf dem Bildträger Effekte, die nicht vorhersehbar sind. Es entstehen eigenartige, dem Zufall überlassene Einfärbungen, malerische, zum Teil abstrakte Einzelbilder. Während der Zeit der Ausstellung wird Dagie Brundert in ihrer Hexenküche täglich einen frisch zubereiteten Super-8-Filmstreifen als „Loop du Jour“ präsentieren.
Dass Film so viel mehr sein kann als Kino, dafür ist diese sorgfältig kuratierte Ausstellung der beste Beweis.

Ausstellung bis 27.8.
Eintritt frei

Artist Talk am 24.8.19 Uhr
Dagie Brundert
Filmbeispiele, Vortrag und Diskussion -

silent green
Gerichtstraße 35
13347 Berlin
www.silent-green.net

Daniela Kloock

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