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Neubezug und hoffen auf bessere Zeiten. Das Werkbundarchiv an neuem Ort

von Maximilian Wahlich (25.05.2024)


Neubezug und hoffen auf bessere Zeiten. Das Werkbundarchiv an neuem Ort

Smogkugel, 1985, Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Foto: Armin Herrmann

Das Werkbundarchiv – Museum der Dinge eröffnet nach sieben Monaten Schließzeit mit der Sonderausstellung „Profitopolis oder der Zustand der Stadt“ an neuem Ort. Der Ort: ein Neubau in Berlin-Mitte, circa 2 Kilometer entfernt vom ehemaligen Standort in Kreuzberg. Das Gebäude wirkt aufgeräumt, luftig und offen. Eine große Glasfront ermöglicht den Einblick vom Gehweg in die Innenräume.

Das Werkbundarchiv musste seine alten Räumlichkeiten verlassen, weil das Gebäude profitabler „entwickelt“ werden sollte. Wir haben hier ausführlich darüber berichtet.
Die aktuelle Sonderausstellung befasst sich mit eben diesem Immobiliengeschäft, ein hitziger Markt mit hohem Risiko und enormen Gewinnmarschen. Ein Markt, der Menschen ein Zuhause verspricht, Sicherheit und Gemütlichkeit kosten extra.

Entlang der Wände werden Bauprojekte der letzten 100 Jahre vorgestellt, die den sozialen Wohnungsbau und einen nachhaltigeren Umgang mit der Ressource bebaubarer Flächen fördern wollten. Bekannte Namen treten auf: Adolf Damaschke mit seiner Bodenreform, die Berliner Siedlungen der 1920er-Jahre, die mittlerweile zu großen Teilen an Konzerne verkauft wurden, sowie unterschiedliche stadtplanerische Ansätze, attraktive und lebendige Orte zu schaffen.

Mittig im Raum steht ein langer Tisch, wo gegenwärtige Antworten und Werke zeitgenössischer Künstler*innen und Kollektive zu sehen sind. Darunter fällt Architects 4 Future, die mit ihrem Programm für eine nachhaltige Stadt eintreten. Im selben Bereich wird eine Videoarbeit von ufoufo gezeigt, die den Abriss bestehender Gebäude unter dem Gesichtspunkt der Umweltverschmutzung und der Auslöschung von Geschichte kritisieren. Sind die Zeugnisse unserer Vergangenheit (vorzugsweise der DDR) erst einmal beseitigt, wird nicht nur das Stadtbild glattgebügelt. Viel eher werden damit auch die Orte der Bewohner*innen entfernt und ihre Geschichte als nicht mehr zeitgemäß hingestellt. Statt der alten Häuser entstehen seltsame Neubauten mit lyrisch-lächerlichen Namen: „Rosengärten Berlin“ oder „Kudamm Karree“. Sie erinnern an absurde Bezeichnungen von Farben, die Geschmack, Stil und Behaglichkeit vermitteln sollen. Nun, den Wahnsinn der Kapitalgewinnung durch Bauten porträtiert die Mitinitiatorin des Weddinger Projekts „ExRotaprint“ Daniela Brahm in ihrer satirischen Serie „MAD Berlin“. Thema sind die Machenschaften der Konzerne und die widersprüchlichen Aussagen von Politiker*innen. Durch die naiven Bleistiftzeichnungen erscheint die Immobilienbrache als kindliches Spiel – die Bewohner*innen einer Stadt werden dabei zu kleinen Bauernfiguren, Springer, Turm und Pferd stehen symbolisch für Politik, Baubranche und Kapitalmarkt. Die Künstlerin Tracey Snelling verleiht den Bewohner*innen ein Gesicht und und setzt ihr Leben in detailverliebten Modellen der Leipziger Straße 40 oder des berühmten Gebäuderiegels am Kottbusser Tor, dem Zemtrum Kreuzberg, in Szene.

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„Anti-Monopoly. Das Spiel für freie Marktwirtschaft“, 1983, Hersteller: Altenburg-Stralsunder Spielkartenfabriken AG, Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Foto: Armin Herrman

Die Ausstellung bietet einen historischen Überblick und verknüpft sie mit gegenwärtigen Diskursen zu Stadt, Menschen und Immobilien. Doch verspricht der Titel eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Immobilienmarkt und seiner Logik. Viele Fragen bleiben offen:
Welches System steckt hinter der Immobilienwirtschaft? Wer wohnt eigentlich in den gesichtslosen Neubauten zu einer Miete von 30€ je Quadratmeter, wenn die Berliner*innen im Schnitt über rund 2000€ Nettoverdienst verfügen? Warum ist Wohnraum so teuer geworden? Was macht den Wohneigenturm attraktiv – welche juristischen Mittel schützen Eigentum und welche steuerlichen Freiräume ermöglichen Abschreibungen? Wo findet Verdichtung statt und in welchem Verhältnis steht sie zur Siedlungsfläche? Welchen Einfluss haben prestigeträchtige Orte wie Museen auf den Mietspiegel in der Nachbarschaft oder: Welche Rolle spielt die Stadt Berlin bei der Standortsuche eines Museums, das ohne eigene Finanzmittel dem machtpolitischen Spiel kaum standhalten kann?
Hoffentlich wir, dass das Werkbundarchiv seine Räume möglichst lange behält, um sich mit der Nachbarschaft gut zu verbünden und so einen sozial nachhaltigen Beitrag zu leisten.

Im Herbst/Winter wird die Dauerausstellung eröffnet, die dann dem Deutschen Werkbund und der Produkt- und Gestaltungskultur des 20. und 21. Jahrhunderts gewidmet ist.

Profitopolis oder der Zustand der Stadt
23. Mai 2024 – 28. Feb 2025

Öffnungszeiten: Do – Mo, 12 – 19 Uhr

Werkbundarchiv – Museum der Dinge
Leipziger Straße 54, 10117 Berlin
+49 (0)30 92 10 63 11

museumderdinge.de

Maximilian Wahlich

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