Kathleen Reinhardt, die Direktorin des Georg Kolbe Museums und neue Kuratorin des Deutschen Pavillons der kommenden Kunstbiennale in Venedig, steht in der Kritik. Ihr wird vorgeworfen, den "Tänzerinnen-Brunnen" von Georg Kolbe, nicht eindeutig und entschieden genug als NS-Raubkunst benannt zu haben.
Der Brunnen wurde 1922 von Kolbe im Auftrag von Heinrich Stahl, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, für dessen Villa angefertigt. Stahl und seine Ehefrau Jenny wurden aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit von den Nationalsozialisten verfolgt. Sie mussten ihr gesamtes Vermögen sowie ihren Besitz den Nationalsozialisten überlassen. Die Villa wurde unter Wert verkauft. Somit ist der Brunnen unzweifelhaft als Raubkunst der Nationalsozialisten einzustufen.
Das Ehepaar kam in das Konzentrationslager Theresienstadt, das Heinrich Stahl nicht überlebte. Seine Frau überlebte und starb 1967 in den USA. Der Brunnen galt als verschollen. 1978 tauchte jedoch zunächst der untere Teil und dann die Tänzerinnenfigur wieder auf und wurde von der Kolbe Stiftung übernommen bzw. gekauft, wie die FAZ berichtete. Ein Jahr später wurde das Werk in seiner ursprünglichen Form wiederaufgebaut.
Im Sommer 2024 begann das Museum, die Geschichte zu recherchieren und aufzuarbeiten. Kathleen Reinhardt arbeitete bereits seit 2023 im Rahmen des Projekts "The Fountain" interdisziplinär an der historischen Einordnung und Kontextualisierung. Im Jubiläumsjahr der Institution 2025 wurde der Dialog mit den Nachfahren proaktiv vom Museum erneut aufgenommen. Die wünschten sich bereits seit über 20 Jahren eine Plakette an dem Brunnen. Begriffe wie „NS-Raubkunst“ oder „NS-verfolgungsbedingter Vermögensentzug“ wurden jedoch vom Museum nicht verwendet, was von den Erben auf Unverständnis stößt.
Angesichts der massiven Medienkritik hat das Kolbe Museum nun mit einem Statement reagiert, in dem nochmals betont wird, dass es sich eindeutig zu den Prinzipien der Washingtoner Erklärung bekennt.
Alles in Ordnung? Befremdlich bleibt, dass die Museumsleitung im Vorfeld von Kathleen Reinhardts Direktorenschaft, nicht viel früher aktiv geworden ist. Zwar wurde der Kontakt mit den Erben seit 1980 gesucht, wie es in dem Statement heißt, aber bei der aktuellen Auseinandersetzung fragt man sich, welche Einsichten daraus erfolgt sind. Wie wir wissen, ist die Restitutionsgeschichte in Deutschland untrennbar mit dem staatlichen Unrecht des NS-Regimes und dem systematischen Kunstraub verbunden. Deshalb sind Transparenz, ethisches Handeln der Institutionen und ein kontinuierliches Engagement für die Provenienzforschung unerlässlich.
Bei weiterer Recherche zu diesem Thema fällt auf, dass u.a. auf den Webseiten zum Thema „Tänzerinnen-Brunnen” des Bezirksamtes Charlottenburg-Wilmersdorf noch nicht einmal ein Hinweis auf Raubkunst zu finden ist.






