In den letzten zwei Monaten war im MEINBLAU-Projektraum die Ausstellung ALIENS ANYWHERE Part I: mit Arbeiten von Erez Israeli (Israel), David Krippendorff (D/USA) und Joachim Seinfeld (D) zu sehen. Jetzt folgte ALIENS ANYWHERE Part II: mit Arbeiten von Sharon Paz (Israel), Hadas Tapouchi (Israel) und Simon Wachsmuth (AUT). Beide Ausstellungen verbindet die Auseinandersetzung mit jüdischer Identität und einer deutschen Gegenwart, in der eine differenzierte Erinnerungskultur durch die kontrovers geführte Israel–Palästina-Debatte aus dem Blickfeld gerät. Im zweiten Teil der Ausstellung holen die drei jüdischen Künstler*innen mit unterschiedlichen Medien erneut die deutsche Geschichte ins Heute.
Direkt am Eingang des zweigeschossigen Ausstellungsraums befindet sich die Arbeit „Broken Sky“ (2025) der Video- und Performancekünstlerin Sharon Paz. Sie umfasst die zwei Fotografien und einen Text. Auf beiden Fotografien sind angedeutete Himmelsstücke zu sehen, die wie Protestschilder an Holzgriffen befestigt wurden. Auf dem einen Bild wird eines der Schilder auf einer Demonstration, auf der auch Regenbogenflaggen im Hintergrund auftauchen, gen Himmel gestreckt. Auf dem anderen Bild lehnen fünf dieser Himmelsstücke abgestellt an einer Wand. Sie wirken wie Puzzleteile, die sich nicht mehr zusammensetzen lassen. Neben den beiden Fotografien hängt ein Auszug aus dem Text von Sharon Paz: „Dein Körper wurde im nahen Kanal treibend gefunden. Es war kein schöner Anblick. Dein stilles Gesicht war aufgedunsen vom eindringenden Wasser. Eine Woche vor deiner Ermordung wurdest du zum vierten Mal aus dem Gefängnis entlassen und hast dich sofort den Protesten angeschlossen. Du bist auf die Bühne getreten, hast zur Revolution aufgerufen, hast du Menschen appelliert, diesen Wahnsinn zu stoppen. Stoppt den Krieg!“. „Broken Sky“ bezieht sich auf die letzten Tagen der Politikerin Rosa Luxemburg. Als Ich-Erzählerin versetzt sich Sharon Paz in die einflussreiche Vertreterin der europäischen Arbeiterbewegung, die 1919 nach Gefangennahme erschossen und anschließend in den Landwehrkanal geworfen wurde. Auf tief emotionale Weise fängt die Künstlerin Luxemburgs vermutlich letzte Eindrücke mit Ängsten, körperlichen Bedürfnissen und Hoffnungsgedanken ein. Paz schließt mit dem bewegenden Satz: „Keep painting my blank protest signs of broken sky, dark clouds, smoke clouds, dust clouds, they all blend.“ (auf Deutsch: Malt weiter meine leeren Protestzeichen des gebrochenen Himmels, dunkle Wolken, Rauchwolken, Staubwolken, sie alle mischen sich.)
„Broken Sky“ ist nicht nur ein bloßes Erinnern an eine deutsch-jüdische Politikerin und ein prägendes historisches Ereignis. Die Arbeit ist auch ein Aufruf zu Solidarität und zum Aktivwerden gegenüber jeglicher Form von Ressentiments gegenüber Menschen, die vermeintlich „anders“ sind.
Die zweite Arbeit von Sharon Paz ist die interaktive Videoinstallation „Dare to Dream“ (2020). Darin inszeniert die Künstlerin ein fiktives Interview zwischen der umstrittenen Filmregisseurin Leni Riefenstahl und der deutsch-jüdischen Hochspringerin Margaret „Gretel“ Bergmann. Ergänzend zur Videoinstallation führt Paz Zeichnungen, Drucke und Recherchematerial zu einem informativen Geflecht zusammen. Ausgangspunkt sind die Olympischen Spiele von 1936 im Berliner Olympiastadion. Riefenstahl drehte mit „Triumph des Willens“ (1935) und „Olympia“ (1936) propagandistische Filme, die das visuelle Vokabular der NS-Ideologie prägten.
Gretel Bergmann wurde trotz ihrer herausragenden Leistungen 1936 aus antisemitischen Gründen kurz vor den Olympischen Spielen ausgeschlossen. Sie emigrierte in die USA, wo sie zahlreiche sportliche Erfolge erzielen konnte.
In ihrer Videoinstallation stellt Paz die beiden Biografien gegenüber. In kurzen Sequenzen ist sie als Riefenstahl auf dem Olympiagelände zu sehen oder in einzelnen Interviewaufnahmen, in denen sie perfekt ausgeleuchtet ist. Ein Seitenhieb auf Riefenstahl, die nach dem Krieg in Interviews akribisch Wert auf ihre visuelle Präsenz legte. Über den Gesprächsverlauf entscheiden die Besuchenden. Immer wieder hält das Video an, um die Auswahl zwischen zwei neuen Fragen zu treffen. Eine davon ist besonders entlarvend: Die Antwort auf die Frage, ob Riefenstahls Arbeit nicht auch eine politische gewesen sei. In Anlehnung an früher gegebene Interviews antwortet die Protagonistin: „Kunst und Politik sind zwei verschiedene Dinge. Ich wollte immer nur Filme machen.“ Dass Kunst jedoch auch bewusst politisch sein kann, demonstriert Paz in ihren drei Arbeiten „Broken Sky“, „Dare to Dream“ und „Homesick“ im Projektraum überzeugend. In beiden beschriebenenWiese Arbeiten versetzt sie sich in die Biografien der Protagonistinnen und erweckt sie neu zum Leben. Gleichzeitig präsentiert sie eine kritische Auseinandersetzung.

Auch in Simon Wachsmuths Arbeit ist ein biografischer Ansatz erkennbar. Der Medien- und Konzeptkünstler, beschäftigt sich in seiner Schlaf- und Textperformance mit archivarischen Materialien und Denkmälern, die als bewahrende Träger individueller und kollektiver Erinnerung dienen. In „Ich arbeite, ich raube Tag und Nacht“ (2021) setzt sich Wachsmuth mit den existenziellen Ängsten von Heinrich von Kleist und Else Lasker-Schüler auseinander und führt sie performativ an der Heinrich-von-Kleist-Skulptur im Kreuzberger Viktoriapark zusammen.
Zwei Schwarz-Weiß-Fotografien und eine zusammengerollte Leinwand dokumentieren Wachsmuths Performance zu Füßen der Kleist-Skulptur. Auf der ersten Fotografie befindet sich eine Figur in Kapuzenpulli, die auf einem ausgebreiteten Untergrund eine Decke aufschüttelt. Die Decke dient in der zweiten Aufnahme als Schutz vor Kälte und bedeckt die Beine der Person. Dabei wacht die Statue leuchtend hell über dem Liegenden, der inmitten dieses öffentlichen Raums hilflos und verletzbar wirkt.
In seiner Schlafperformance versinnbildlicht Wachsmuth real erlebte Momente, wie schlaflose Nächte, die durch finanzielle Sorgen und existenzielle Ängste geprägt sind. Gleichzeitig beginnt er einen Dialog mit dem Heinrich-Kleist-Denkmal zu führen. Der Dichter litt unter prekären Verhältnissen, die er in seinen Briefen festhielt. Diese sowie Briefe der jüdischen Dichterin Else Lasker-Schüler las der Künstler in der nahegelegenen Parkbühne vor. Die Lesung ist in der Ausstellung als Audiodatei zu hören. Lasker-Schüler erhielt 1932, kurz vor der nationalsozialistischen Machtergreifung, den vergebenen Kleist-Preis, allerdings nur zur Hälfte. Auch sie musste emigrieren, zunächst in die Schweiz, wo sie keine Arbeitserlaubnis erhielt, später nach Palästina. Ihr Leben blieb jedoch von existenziellen Nöten geprägt. Die Schlaf- und Textperformance von Simon Wachsmuth kann durch die künstlerische Transformation der historischen Bezüge in die Gegenwart nicht nur als Auseinandersetzung mit der jüdischen Identität, sondern auch als Hinweis auf die sich bis heute kaum veränderten Lebensumstände von Künstler*innen gelesen werden.

Die dritte Künstlerin in der Ausstellung ist die Fotografin und Videokünstlerin Hadas Tapouchi. In einer raumhohen Installation aus 16 Fotografien dokumentiert sie verdrängte und vergessene Orte der NS-Zwangsarbeit. Ihre Arbeit „Memory Practice: Berlin - Transforming“ begann bereits 2013 und ist eine fortlaufende Dokumentation von Berliner und Brandenburger Orten, die sich mit den Spuren der rund 3.000 Zwangsarbeiterlager während des Zweiten Weltkriegs befasst. Doch die Fotografien offenbaren - zumindest auf den ersten Blick - keine offensichtlichen Verweise auf die Verbrechen. Stattdessen Plattenbauarchitektur bei strahlend blauem Himmel, ein gepflasterter Wege mit Blick auf eine Wiese, Parkanlagen mit Bäumen, Straßen oder Plätze mit parkenden Autos. Die Ausschnitte wirken wie Momentaufnahmen.
Hadas Tapouchi widmet sich der Transformation des urbanen Raums basierend auf der Forschung des Historikers Rainer Kubatzki. Was heute so idyllisch an der Nonnendammallee in Berlin-Haselhorst erscheint, wird in Dokumenten vom September 1943 als zentrales Lager der Organisation Todt erwähnt. Todt, benannt nach Fritz Todt, war eine paramilitärische Bautruppe während des NS-Regimes. Sie baute unter anderem den Westwall, die U-Boot-Stützpunkte an der französischen Küste und Luftschutzanlagen für die Zivilbevölkerung. Hierfür wurden mit Kriegsbeginn Zwangsarbeiter*innen, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge eingesetzt. Auf Tapouchis Aufnahme findet sich kein Indiz für diese topografische Geschichte. Ähnlich verhält es sich bei der Fotografie „Berlin, Alexanderstraße 37, Hotel Englischer Hof“: Im rechten Bildrand ist der Schatten einer Person zu sehen, die auf das gegenüberliegende Gebäude blickt. Getrennt von einer unbefahrenen Straße leuchtet das kantige Bauobjekt hell hinter hohen Bäumen hervor. Was heute ein Plattenbau ist, wurde ab Februar 1942 als „Ausländerheim“ von Siemens und Halske genutzt. Im Juni darauf übernahm die AEG AT das Gebäude und renovierte es, bis es am 24. Mai 1944 bei einem Luftangriff zerstört wurde. Über eine halbe Million Menschen wurden allein in Berlin zur Zwangsarbeit herangezogen - allen voran große Industriebetriebe wie Siemens oder AEG, aber auch kleinere Unternehmen setzten Zwangsarbeiter*innen auf Baustellen, im Eisenbahnbetrieb, in Haushalten oder im Handwerk ein. Davon wurden etwa 21.000 jüdische Berliner*innen zur Zwangsarbeit verpflichtet, bis zu ihrer Deportation Anfang 1943 in Konzentrations- und Vernichtungslager.
In „Memory Practice: Berlin - Transforming“ hinterfragt Hadas Tapouchi wie Vergessen und Erinnerung in der Gegenwart zu verblassen drohen und wie wichtig eine Auseinandersetzung damit ist.
In ALIENS ANYWHERE sind individuelle Verfasstheiten eng mit der deutschen Gegenwart und Vergangenheit verknüpft. Leid und Schmerz vieler und einzelner werden in scheinbar poetischen und subtilen Bildern aufgegriffen. Sie zeigen, dass das politische Potenzial in der Kunst keineswegs durch Instrumentalisierung oder Didaktik geprägt sein muss. Und obwohl die drei Positionen verschiedene Ansätze veranschaulichen, haben sie doch eines gemeinsam: Sie machen etwas sichtbar, erinnern und mahnen zu einer resilienten Haltung, damit die Zukunft nicht in der Vergangenheit versumpft.
Aliens Anywhere Part II: Sharon Paz, Hadas Tapouchi, Simon Wachsmuth
20. Juni bis 13. Juli 2025
Donnerstag bis Sonntag, 14 – 19 Uhr
MEINBLAU e. V.
Christinenstraße 18-19
Pfefferberg Haus 5
10119 Berlin
meinblau.de





