An der Schnittstelle von Sprachsystemen und deren Übersetzung setzt die Ausstellung Glitch im Garten des Flüsterns an, die am Freitag, den 13. Februar im Architekturforum Aedes eröffnet hat.
Der im Titel angekündigte „Glitch“ verweist auf Störung und produktive Fehlfunktion – und damit auf ein zentrales Motiv der Schau: Sowohl Ana María Caballero als auch Nicole L’Huillier – die beiden künstlerischen Positionen in der Ausstellung – experimentieren mit der Einbindung von Künstlicher Intelligenz in ihre Arbeit. Kuratiert wird die Ausstellung von Clara Meister, die sich intensiv mit Sprache und Übersetzung in der Kunst auseinandersetzt.
Obwohl beide Positionen um Text und KI kreisen, könnten die gezeigten Arbeiten unterschiedlicher kaum sein. Beim Betreten des Raums befindet man sich unmittelbar in Nicole L’Huilliers installativer Arbeit Cuchicheos (2022). Wie eine Girlande hängt sie von der Decke des Backsteingebäudes bis hinunter zum Boden. Am Eröffnungsabend sind es vor allem Kinder, die – mal knieend, mal auf Zehenspitzen – ihr Ohr an eines der großen rechteckigen Fahnenelemente legen. Die Erwachsenen zögern länger, bevor sie sich trauen, dem „Garten des Flüsterns“ zu lauschen.
Im Kontrast dazu wirkt die Arbeit Being Borges (2023) der Poetin und Künstlerin Ana María Caballero kühl. Ebenfalls von der Decke abgehängt und ebenfalls rechteckig, bilden doppelseitige weiße Tafeln im hinteren Teil des Raumes einen Parcours. Für kleinere Kinder hängen sie zu hoch – doch deren Aufmerksamkeit bleibt ohnehin bei L’Huilliers Installation.
Jede der leicht transluzenten Kunststofffahnen von L‘Huillier – an überdimensionale farbenfrohe Ravioli aus Gummi erinnernd – enthält einen Lautsprecher, der Geräusche in den Raum trägt. Diese lassen sich nicht eindeutig benennen und gerade darum geht es. Das vielschichtige Flüstern basiert auf einem Gedicht der chilenischen Dichterin Gabriela Mistral, wurde jedoch mithilfe KI-gestützter Verfahren der maschinellen Sprachverarbeitung so transformiert, dass keine kohärente Erzählung und kein eindeutig identifizierbares Sprachsystem mehr erkennbar sind. Gespräche der Besucher*innen sowie zwei schwarze, geflügelte Lautsprecherobjekte, die ebenfalls Klänge beisteuern, verdichten sich zu einer wispernden Kakophonie.

Auf einer Seite jeder Tafel ist in der Installation von Ana María Caballero ein Bildschirm angebracht, auf der anderen mehrere Textfassungen. Caballero setzt sich mit Das Buch der imaginären Wesen von Jorge Luis Borges auseinander. Sie verwendet das spanische Original, die englische Übersetzung sowie ihre eigene poetische Variation als sogenannte Prompts für ein Bildgenerationsmodell. Die daraus resultierenden Darstellungen der fantastischen Wesen erscheinen auf den gegenüberliegenden Monitoren.
Ein simultanes Vergleichen von Text und Bild ist jedoch nicht möglich: Wer die Beziehung zwischen Eingabe (Prompt) und Ausgabe (Bild) nachvollziehen möchte, muss jede Tafel mehrmals umrunden. Diese räumliche Anordnung verweist subtil auf ein verbreitetes Bedürfnis im Umgang mit KI – Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Tatsächlich bleiben viele generative Modelle aufgrund ihrer komplexen statistischen Gewichtungen nur eingeschränkt erklärbar; sie sind keine „Blackbox“ im mystischen Sinn, wohl aber in ihrer konkreten Entscheidungsfindung schwer zu durchdringen.
Während der Text in seinen drei Fassungen eine poetische Verdichtung, Mehrdeutigkeit und emotionale Tiefe entfaltet, wirken die kleinformatigen, sepia-KI-Bilder flach und linear. Die Differenz zwischen sprachlicher Imagination und algorithmischer Visualisierung tritt deutlich hervor.
Zwischen Caballero und L‘Huillier bewegt sich das Publikum durch einen „Garten“, in dem menschengemachte Texte durch KI transformiert werden. Die Texte fungieren als Samen; die algorithmischen Modelle bilden den Nährboden, in den sie eingebracht werden. Die Künstlerinnen initiieren diesen Prozess – und überlassen seine konkrete Ausformung partiell einer Maschine, die Muster berechnet, aber keine Intention kennt.
Der Landesverband Berliner Galerien (LVBG) und Aedes erweitern die Ausstellung – den Garten – um eine diskursive Dimension: Am 23. Februar findet im Maschinenraum in der Zionskirchstraße 73a die Konferenz KI und Kunstmarkt statt, die die ökonomischen und institutionellen Implikationen dieser Technologien in den Blick nimmt.
Ana María Caballero und Nicole L’Huillier
Glitch im Garten des Flüsterns
14. Februar – 18. März 2026
Öffnungszeiten:
Mo 13:00–17:00
Di–Fr 11:00–18:30
Do 11:00–20:00
Sonn- und Feiertag 13:00–17:00
Aedes
eine Ausstellung des Landesverbands Berliner Galerien (LVBG)
Christinenstr. 18-19
10119 Berlin








