In Zukunft muss die Hauptstadt ohne Kultursenator auskommen. Denn die Kultur ist, so Klaus Wowereit, von jetzt ab Chefsache und fällt somit in den Aufgabenbereich des Regierenden Bürgermeisters. Die Aufregung ist groß, nicht nur "Kulturaktivisten" sehen zukünftige Chancen schwinden, sondern auch in den Medien wird die Entscheidung heftig kritisiert: ...
Als "Ein Stück aus dem kulturpolitischen Tollhaus." empfindet Jochim Stoltenberg in "Die Welt"(8.11.06) die Senatsentscheidung und kommentiert weiter: "Als könne der Regierungschef mal eben nebenbei Berlins letzten Stolz, nämlich die weltweit anerkannten Opern, Orchester, Theater und Museen bis hin zur reich gefächerten Off-Szene nicht nur bewahren, sondern auch kreativ bereichern. ...
Wowereit ist bislang nicht gerade als Intellektueller, Kunstverständiger oder Netzwerker in der nationalen wie internationalen Kulturszene bekannt. Kuschelrock liegt ihm näher. Wie sich mit einem solchen Kultursenator im Nebenjob Berlins zumindest deutschlandweit einmalige Musik-, Theater - und Museumslandschaft aus sich heraus weiterentwickeln soll, bleibt das Geheimnis Wowereits. ..."
Auch Harry Nutt von der Frankfurter Rundschau (8.11.06) sieht Wowereits Enscheidung eher kritisch und als etwas: "... Kurt-Krömerhaftes. Kurt Krömer ist nicht etwa der neue Staatssekretär von Klaus Wowereit, sondern ein Komiker, der kleinbürgerlich schrill ("Na, Du alte Kackbratze" lautet der Titel seines Programms) derzeit Berlins stärkste Charme-Offensive darstellt. In seinen Worten dürfte sich Wowereits Entscheidung etwa so angehört haben: "Kultur? Ditte machen wa jetzte selba" ... .
In der Taz gibt es sogar "Buhrufe für den Kulturmeister" von Nina Apin, sie stellt fest: "Berlins Kulturschaffende wollen sich nicht von einer Teilzeitkraft im Senat repräsentieren lassen. Die rot-rote Koalition hatte am Montag verkündet, auf einen Kultursenator zu verzichten. Den Job sollen künftig der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und ein Staatssekretär erledigen...."
Und die "Berliner Zeitung" wendet sich in ihrer Online-Ausgabe direkt an die Leser und fragt: "Klaus Wowereit will das Amt des Kultursenators abschaffen und sich künftig selbst um diesen Bereich kümmern. Wie finden Sie das?" Bisher haben 762 Leser geantwortet: 34,3% mit "gut"; 56,6% mit "schlecht" und 9,2% haben keine Meinung zu dem Thema. Die Bewertung "Schlecht" entspricht auch der Meinung von Birgit Walter, die bereits gestern schrieb:
"Denn natürlich ist es ein hochgradig fatales Signal, das Berlin da aussendet: Es degradiert ein Ressort zu einem Anhängsel des Regierenden Bürgermeisters, das eigentlich ein "Zugpferd" genannt wurde. Das in Ermangelung einer vorzeigbaren Industrie ein Zukunftsressort werden sollte."
Auch Heinrich Wefing vom faz.net (7.11.06) hat eine Meinung und liegt mit dieser im allgemeinen Trend:
"Nicht nur symbolisch ist die Kultur enthauptet worden. Deutlicher als durch die Umtopfung der Verwaltungstätigkeit in die Senatskanzlei kann ein Regierungschef sein administratives Desinteresse an Theatern, Museen und Bibliotheken kaum dartun. Eine eigensinnige Kulturpolitik, die sich notfalls auch einmal im Konflikt mit dem Regierenden profiliert, ist in der jetzt gewählten Konstruktion unmöglich...."
Sucht man in der Medienlandschaft hingegen nach gemäßigteren, unaufgeregteren Stimmen zu diesem Thema findet sich wenig bis gar nichts. Selbst wenn es kaum positive Aspekte bei der Beurteilung in dieser Angelegenheit gibt, so wäre eine distanzierte, besonnene Argumentation, anstelle der nahezu hysterischen Aufgeregtheit in der Kommentierung, wünschenswert.
Berlin Daily 16.07.2026
Kuratorische Führung
17 Uhr: im Rahmen der Kyiv Biennial – A Bird That Cannot Land. KUNST-WERKE BERLIN e. V. | Auguststr. 69 | 10117 Berlin
Allgemeine Hysterie oder begründete Empörung? Pressestimmen zu: Berlin ohne Kultursenator
von ch
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