Performance von Leyla Yenirce, © Christian Vagt

Derzeit findet rund um die Uferhallen in Kooperation mit dem Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) das Festival A Hidden Well (dt.: Ein versteckter Brunnen) statt. An jedem Wochenende von Donnerstag bis Sonntag im September gibt es hier und verteilt im Kiez unterschiedliche Kunstaktionen.

Der Festivaltitel A Hidden Well bezieht sich auf die Kiezgeschichte vom Gesundbrunnen. Am Ende des 19. Jahrhunderts entstand die Idee, hier eine Badeanstalt zu errichten, sprichwörtlich einen gesunden Brunnen. Doch mit der Industrialisierung verschmutzte der angrenzende Fluss Panke. Fabriken entstanden und ab den 1920er-Jahren wurden in den Uferhallen Busse der BVG repariert. Nachdem die BVG das Areal 2005 aufgegeben hatte, wandelte es sich zu einem wichtigen Atelier- und Kulturzentrum in Berlin. art-in-berlin berichtete immer wieder über dortige Aktionen oder Ausstellungen.
Vor einigen Jahren wurde das Gelände dann zur Beute von Investor:innen, im Handumdrehen kam der Umbauplan mit dem Ziel, mehr Raum für hohe Preise zu schaffen. Die Künstler:innen vor Ort machten sich stark, mobilisierten die Berliner Politik und können jetzt erst einmal bleiben.

Zur Eröffnung des Festivals gab es Performances auf dem Gelände der Uferhallen und eine Ausstellung in den Räumen des Berliner Programms Künstlerische Forschung , die seit kurzem im Wedding arbeiten. Eindrücklich und atmosphärisch wirkte die Sound-Performance Troubadour 3 (2025) der Künstlerin Leyla Yenirce. Yenirce referiert auf den Troubadour, eine mittelalterliche Berufsbezeichnung für Sänger und Dichter. Es geht ihr um die Frage, wie ein Publikum unterhalten werden möchte, was für Erwartungen bestehen und wie sie als Künstlerin diesen gerecht werden kann. Im hinteren Bereich des großen Areals fanden sich die Besuchenden zwischen hohen Wänden, gestaucht in eines der Shed-Dach-Register.
Anfangs leise und zart, baute sich der Sound immer mehr zu einem klaren Rhythmus auf, unterbrochen und wieder neu aufgelegt. Dichte Nebelwolken umhüllten die Besuchenden, und ein dröhnender Bass ließ den Boden vibrieren. Diese Effekte lösten die Grenzen auf zwischen den rund 50 Anwesenden und der Performance, alle wurden Teil des grauen Schleiers und der surrenden Umgebung.

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DAS SPRECHENDE ECK: AKTIONSRAUM ERZÄHL-CAFÉ von Maximiliane Baumgartner, © Jens Ziehe

Im Ausstellungsraum des Berliner Programms Künstlerische Forschung ist Maximiliane Baumgartners Arbeit Das sprechende Eck: Aktionsraum Erzähl-Café (2025) zu sehen. Die Künstlerin widmet sich dem Erzähl-Café, zwischen 1987 fast 20 Jahre lang ein prägender Raum im Wedding. Dort erzählten die Menschen von ihrer Kindheit, ihren Erfahrungen und gemeinsamen Erinnerungen. Eingeladen wurden Bewohner:innen aus dem Wedding ebenso wie prominente Personen, darunter u. a. die Schriftstellerin und Journalistin Inge Deutschkron oder der Politiker Klaus Gysi.
Baumgartner nähert sich diesem Raum und seinen Protagonist:innen über Archivmaterial an: Fotografien von aufeinandergestapelten Kassetten (Tonaufnahmen von den Abenden im Erzähl-Café) und übereinandergelegte Zeitungstitelseiten. Die künstlerische Gestaltung betont die Fülle an Material, bleibt dabei jedoch illustrativ. Die Fotos werden ergänzt durch Gemälde, die skizzenhaft mit schnellem Pinselstrich Szenen aus dem Erzähl-Café wiedergeben. Die Tonspuren wiederum sind an vier weiteren Stellen in der Umgebung zu hören. Dort taucht man direkt ein in die Nachmittage im Erzähl-Café, wo die Menschen über ihr Leben gesprochen haben. Der Wedding bekommt dabei eine Stimme: prosaisch, manchmal poetisch und oft humorvoll.

Neben der Badstraße mit ihren Dönerbuden in schönen Gründerzeit-Bauten, abseits vom hippen Mitte-Flair, finden an den nächsten Wochenenden neben Baumgartners Ausstellung noch weitere Veranstaltungen statt, u.a. zwei Performances, ein Nachbarschaftsflohmarkt, eine Plakatinstallation an drei U-Bahnstationen, ein Bargespräch, Brunch und kollektiver Spaziergang mit Verkostung. (Programm)

A Hidden Well
noch bis 28. September 2025

Öffnungszeiten Ausstellungen: Do, 12–20 Uhr / Fr–So, 12–18 Uhr

Orte: Uferhallen, Uferstr. 8-11 | Berliner Programm Künstlerische Forschung (Uferstr. 13) | ABA Projectspace / Uqbar (Schwedenstr. 16)

www.nbk.org