Seit 2020 vergibt das C/O Berlin jährlich den Talent Award an eine*n Künstler*in unter 35 Jahren. Der Preis ist mit einer Ausstellung, einem Artist-Talk und einer Publikation dotiert. In der Kategorie Theorist gewann dieses Jahr der Künstler Sheung Yiu. In seiner Ausstellung (Inter)faces of Predictions befasst er sich mit dem Lesen von Gesichtern und konzentriert sich dabei auf drei Semantiken: Die Psychophysiognomie – dem Entziffern von Charaktereigenschaften anhand bestimmter Gesichtsmerkmale –, die Deutung einer Zukunft anhand bestimmter Merkmale wie der Position von Muttermalen und zuletzt die maschinelle Gesichtserkennung durch festgesetzte Punkte.
Das Herauslesen von Eigenschaften, Omen oder Parametern aus Gesichtern obliegt einer ähnlichen Logik: Etwas wird bestimmt und sofern die Interpretation zutrifft, gilt sie als bewiesen. Wird die Vorhersage jedoch nicht erfüllt, wird sie entweder trotzdem so lange behauptet, bis sie zutrifft, oder es werden andere Merkmale gefunden, die dann besser passen. Der Glaubenssatz bleibt bestehen, die zirkuläre Beweisfolge ist geschlossen.
Sheung Yiu zufolge steht für diese Argumentationsweise die Figur des Ouroboros, eine Schlange, die in ihren eigenen Schwanz beißt. So befindet sich in der Mitte des kreisförmigen Rundgangs auch die ringförmige Metallplastik Der Ouroboros meines Gesichts (2025). Die mittig platzierte Plastik wird von sechs Tafeln flankiert, die sich mit jeweils unterschiedlichen Lesarten von Gesichtern befassen: „Physiognomik“, „Sprache“, Kosmologie“, Wahrsagung“, „Punkte“ und „Linien“. Die Tafeln ähneln dem Bilderatlas Mnemosyne des Kunsthistorikers Aby Warburg. Ähnliche Motive werden einander zugeordnet, Muster erkannt und damit (historische / kulturelle) Narrative und Verweise scheinbar sichtbar gemacht. Die definierten Muster sind frei interpretiert und wirken leicht okkult.
Zwei Werkreihen befassen sich mit der Deutung der Zukunft: Die drei Holzschnitte zeigen drei unterschiedliche Traditionen des Gesichtslesens anhand von Muttermalen – das gleiche Merkmal steht für ein schlechtes Omen, Wohlstand oder Glück. Im Raum nebenan hängen an der Wand drei Passbild-Fotografien von Sheung Yiu. Auf deren Passepartouts sind Textzeilen aus einem chinesischen kosmologischen Kalender gedruckt. Sie verdeutlichen, wie die gesamte Zukunft allein aus der Mimik gelesen werden soll, aber auch, wie viel Bedeutung wir dieser Praxis noch heute beimessen. Eine ganz ähnliche Aussage verfolgen auch drei weitere Fotografien am Eingang der Ausstellung. Über dem Gesicht des Künstlers befinden sich Textzeilen, die das Auge beschreiben und damit den Charakter bestimmen.
Der Ouroboros tritt als Motiv noch einmal in der Videoarbeit Eine Welt, in der Gesichter Gesichter verschlingen (2026) auf. Darin läuft ein Avatar des Künstlers durch eine trostlose Steppenlandschaft und stellt sich dabei allerlei Fragen über das Lesen von Gesichtern stellt. Der Avatar sieht dem Künstler verblüffend ähnlich. Seine Mimik wirkt glaubhaft, wenn auch etwas steif. Und so stellt sich die Frage, ob diese Technik tatsächlich in der Lage ist, echte Gefühle zu zeigen, geschweige denn, selbst zu fühlen? Handelt es sich bloß um eine antrainierte, auf Wahrscheinlichkeiten basierende Reaktion? Und inwiefern unterscheidet sich das von uns selbst? Reagieren wir nicht in den meisten Fällen auch nach einer Matrix, folgen (gesellschaftlichen) Erwartungen und Normen?
Unterschiedliche Perspektiven richten sich auf den gleichen Gegenstand: Sheung Yiu nutzt sein eigenes Gesicht und verdeutlicht die Wandelbarkeit verschiedener Lesarten. Das problematische Gehalt und die potenzielle Gefahr vor (ideologischem) Missbrauch wird nicht konkret angesprochen, ist aber in der ernsten Tonlage der Ausstellung deutlich zu erkennen.
Sheung Yiu
(Inter)faces of Predictions . C/O Berlin Talent Award 2025
7. Feb – 10. Jun 2026
C/O Berlin Foundation
Amerika Haus
Hardenbergstraße 22-24
D-10623 Berlin
co-berlin.org







