Links: Klara Lidén, Untitled (ChromeLine), 2024. Courtesy Collection Shane Akeroyd. Rechts: Klara Lidén, Rosie Rosie (Detail), 2026. Courtesy die Künstlerin, Galerie Neu, Berlin, Sadie Coles HQ, London und Reena Spaulings Fine Art, New York. Installationsansicht der Ausstellung Klara Lidén – Kunstwerke in den KW Institute for Contemporary Art, Berlin 2026. Foto: Frank Sperling.

Das Frühjahrsprogramm des KW Institute for Contemporary Art besinnt sich auf die ihm zugrunde liegenden Fragen: auf das Verhältnis von Institution und Stadtraum, von Kunst und Prozess. Die Ausstellung Kunstwerke der Künstlerin Klara Lidén, die sich über drei Stockwerke des gleichnamigen Ausstellungshauses erstreckt, beruft sich auf den Ort als ein Forum des künstlerischen Schaffens und seiner Verankerung in einem urbanen Umfeld.

Lidéns erste Einzelausstellung in Berlin – jener Stadt, die seit über zwanzig Jahren ihr Zuhause ist – nimmt die Neugier ihres Publikums ernst. Erkunden, entdecken, sich überraschen lassen: All das fügt sich zu einem fulminanten Ausstellungserlebnis. Abfallbehälter aus verschiedenen Metropolen stehen unprätentiös in der großen Halle im Erdgeschoss. Hinzu kommen die temporären Durchgänge der Installation Rosie Rosie (2026), die Berliner Passant*innen sonst vor Baustellen schützen. In ihrer Neuverortung werden sie zum Mittelpunkt einer pointierten Reflexion über Aneignung und Kontextverschiebung. Der offensichtliche Humor dieser Setzungen wirkt unmittelbar – erfrischend, klug und anregend.

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Klara Lidén, S.A.D, 2012. Courtesy die Künstlerin und Reena Spaulings, New York. Installationsansicht der Ausstellung Klara Lidén – Kunstwerke in den KW Institute for Contemporary Art, Berlin 2026. Foto: Frank Sperling.

Mit einem unscheinbaren Durchgang auf derselben Etage übertreten Besucher*innen die Schwelle zwischen Ende und Neubeginn einer Stadt: Bis auf einen freigehaltenen Fluchtweg ist er vollständig mit ausgedienten Weihnachtsbäumen aus Berliner Haushalten gefüllt. Was andernorts als entsorgtes Beiwerk gilt, entfaltet hier poetische Kraft, gerade in einer Jahreszeit, die noch von Schneeregen und Glätte geprägt ist und in der wir alle auf den Frühling hoffen. Der Duft von Tannennadeln verstärkt die sinnliche Dimension dieser Arbeit und verleiht ihr eine versöhnliche Note.

Über mehrere Stockwerke hinweg ergänzen weitere Relikte des öffentlichen Raums – ein Bushaltestellenschild, eine Apotheken-Leuchtreklame – diese skulpturale Neuordnung des Alltäglichen. Lidén verschiebt gewohnte Bedeutungen und eröffnet neue Perspektiven auf das, was uns tagtäglich umgibt. Ihre Videoarbeiten, die einen zweiten Schwerpunkt der Schau bilden, führen diese Auseinandersetzung auf persönlicher Ebene fort. Als ehemalige Architekturstudentin tanzt, fällt oder gleitet sie – mitunter im Moonwalk – durch Städte, in denen sie lebt oder gelebt hat. Zwischen öffentlichem Raum und individuellem Ausdruck entsteht ein fragiles Gleichgewicht, das Konventionen leise, aber bestimmt ins Wanken bringt.

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Klara Lidén, Unheimlich Manöver, 2007. Courtesy Moderna Museet, Stockholm. Stiftung 2011 von Lena und Per Josefsson, 2011 (Nordic Collection). Installationsansicht der Ausstellung Klara Lidén – Kunstwerke in den KW Institute for Contemporary Art, Berlin 2026. Foto: Frank Sperling.

Wie die urbanen Fundstücke (oder ist es Diebesgut?) wirken auch diese filmischen Momente zugleich beiläufig und subversiv: eine radikale, doch unspektakuläre Geste der Selbstermächtigung. Raum wird hier nicht behauptet, sondern selbstverständlich und ohne Effekthascherei eingenommen. Eine umgekehrte Facette dieser Strategie zeigt sich in Arbeiten wie der Installation Unheimlich Manöver (2007), die den vollständigen Hausrat eines von Lidén bewohnten Stockholmer Apartments versammelt. Indem das Private in den institutionellen Rahmen überführt wird, verschiebt sich auch hier eine Grenze – diesmal zwischen Intimität und Öffentlichkeit.

Kunstwerke schärft den Blick für das Unspektakuläre, verwandelt vermeintliche Nebensächlichkeiten in bedeutungsvolle Setzungen und öffnet – mit leisem Schmunzeln oder lautem Lachen – einen Denkraum, der lange nachhallt. Wer vom winterlichen, grauen Berlin genug hat, sollte sich diese Schau mit ihrem Friedensangebot an die Stadt nicht entgehen lassen – sie ist unbedingt sehenswert.

Klara Lidén
Kunstwerke

21.Februar—10. Mai 2026

Öffnungszeiten:
Mi – Mo, 11:00–19:00

KW Institute for Contemporary Art
KUNST-WERKE BERLIN e. V.
Auguststraße 69
10117 Berlin
www.kw-berlin.de