Wo Christoph Büchel am Werk ist, herrscht Irritation. Die Ausstellungen des Schweizer Künstlers verwandeln das Museum in eine absurde Parallelwelt, in der der Besucher zum Übungsobjekt wird. Von Bildern, die an sauber gestrichenen Wänden hängen, keine Spur. Mit Büchels Schau „Deutsche Grammatik“ zeigte die Kunsthalle Fridericianum in Kassel im Herbst 2008 wie alternative Ausstellungsinszenierung funktionieren kann. Damit widersprach man in allen denkbaren Punkten der Idee des White Cube, die spätestens seit den 70er Jahren als ideale Präsentationsform umstritten diskutiert wird.
Doch welche Strategien haben heute Kuratoren, Architekten und Ausstellungsdesigner um Kunst, Raum und Betrachter zusammenzubringen? Dieser Frage ging man am vergangenen Freitag im Rahmen eines Symposiums unter dem Titel „Beyond the White Cube? Ausstellungsarchitektur, Raumgestaltung und Inszenierung heute“ in der Berlinischen Galerie nach. Die Zielsetzung war bereits in der Ankündigung klar definiert: den Umgang mit dem Konzept des White Cube anhand von Fallbeispielen aus Geschichte und Gegenwart historisch zu verorten und auf seine gegenwärtige Relevanz zu prüfen. Man verstehe sich als Diskussionsforum für einen interdisziplinären Austausch. Zugleich diente das Symposium als Anregung für die geplanten Neugestaltung der Sammlung des Hauses.
Um diesem Anspruch gerecht zu werden waren bekannte Ausstellungsmacher geladen, unter ihnen der künstlerische Leiter des Fridericianums Rein Wolfs, der neben der aufsehenerregenden Büchel-Schau auch schon Projekte mit Künstlern wie Maurizio Cattelan, Paweł Althamer oder Rirkrit Tiravanija realisierte. Aber auch Berliner Vertreter, wie die Kuratorin des KW- Institute for Contemporary Art Susanne Pfeffer oder die freie Kuratorin und Gründerin des Salon Populaire Ellen Blumenstein waren unter den Gästen. Für den theoretischen Hintergrund sorgte u.a. Prof. Beatrix von Pilgrim von der HfG Karlsruhe, die eine Einführung in die Entwicklung der Szenografie und ihrem Verhältnis zum Ausstellungsraum gab.
Ausgangspunkt der Tagung bildete ein kleiner Exkurs in das frühe 20. Jahrhundert. An Beispielen von Ludwig Justi oder dem MoMA in New York erläuterte Dr. Charlotte Klonk frühe experimentelle Strategien zur Gestaltung des Ausstellungsraumes. Die wegweisenden Jahre der Postmoderne auslassend, warf man dann schnell den Blick auf heutige Tendenzen. Interessante Ansätze lieferte hierzu Wilfried Kuehn, Architekt und Professor für Ausstellungsdesign und kuratorische Praxis. Seiner These nach spiegelt sich das gut belichtete Künstleratelier mit seiner spartanischen, aber funktionalen Einrichtung immer schon im Ausstellungsraum wider. Die Zukunft des Ausstellungsmachens sieht er vor allem in der Verschränkung der Kompetenzen, dem „Curatorial Design“. Ein moderner Slogan für eine nicht mehr ganz so neue Praxis der Zusammenarbeit an den Instituten. Dennoch lieferte sein Architekturbüro Kuehn Malvezzi schon mehrfach spannende Ergebnisse, wie beispielsweise der Umbau der Binding Brauerei in Kassel für die documenta 11 (2002).
Die Podiumsdiskussion am Ende des Tages zeigte vor allem Eines: Jede kuratorische Arbeit, sei sie nun architektonisch oder kunstwissenschaftlich ausgerichtet, setzt das Werk in den Mittelpunkt. Der „White Cube“ ist dabei, trotz seiner Konventionalität immer noch ein Konzept, das Anwendung findet, doch die Vielfalt an Präsentationsformen hat sich enorm ausgeweitet. Das macht die Arbeit des Kurators spannend und schwer zugleich. Gibt es also überhaupt eine Antwort auf die Frage was uns „beyond the White Cube“ erwartet? Die Uneinigkeit der Teilnehmer des Symposiums hat gezeigt, dass es sich hier vielleicht gar nicht um die relevante Frage handelt. Nicht die Wandfarbe oder die Ausrichtung des Werkes im Raum sind heute diskussionsbedürftig, sondern vielmehr die Beziehungen, die zwischen Kunst und Betrachter, Kunst und Kurator bestehen. Doch warten wir ab, was die geplante Neupräsentation der Sammlung in der Berlinischen Galerie zeigen wird.
Beyond the White Cube? Ausstellungsarchitektur, Raumgestaltung und Inszenierung heute
von - Marlen Bonke
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