Rineke Dijkstra, Odessa, Ukraine, August 6, 1993, © courtesy of the artist, Galerie Max Hetzler, Marian Goodman Gallery and Galerie Jan Mot

Noch knapp eine Woche (bis 10.2.25) ist Rineke Dijkstra in der Berlinischen Galerie zu sehen.

Junge Menschen am Strand, im Club und in ihrem Zuhause, portugiesische Stierkämpfer kurz nach dem Verlassen der Arena und eine Gruppe Schulkinder, die sich über Picassos La femme qui pleure unterhalten – den Fotografien und Videoarbeiten der niederländischen Rineke Dijkstra (*1959 in Sittard, Niederlande) kann man sich nur sehr schwer entziehen. Rund 80 Arbeiten sind in ihrer Ausstellung Still – Moving Portraits 1992 – 2023 in der Berlinischen Galerie zu sehen und jedes einzelne besitzt diese „visuelle Verführungskraft“, von der BG-Direktor Thomas Köhler in seinem einleitenden Katalogtext spricht.

Anhand von Werken aus acht Serien lässt die Retrospektive teilhaben an Dijkstras Faszination für jene Lebensphasen und Momente, in denen sich Identität formt. „Life is a constant chain of transformation“, so die Künstlerin. Was sie besonders interessiert, sind die Räume zwischen den einzelnen Perlen – um bei dem Bild der Kette zu bleiben: „The moments when things are open, when nothing is fixed yet”. Jenen Zwischenmomenten, in denen Veränderung stattfinden kann, spürt die Künstlerin nach. Hierfür sind zweifelsohne die Kindheit und Jugend wichtig, weshalb uns in ihrem Werk so viele junge Menschen begegnen, aber auch prägende Ereignisse, die uns als erwachsenen Personen widerfahren. So zum Beispiel die Geburt eines Kindes. Tief berührend und unvergesslich sind ihre Bilder der Serie New Mothers (1994) in denen sie drei Frauen unmittelbar nach der Geburt ihrer Kinder fotografierte. Die Tatsache, dass die Frauen sich in einem so besonderen, komplexen, empfindlichen Moment – eine Stunde, ein Tag und eine Woche nach der Geburt - nackt von ihr fotografieren ließen, erzählt viel über Dijkstras Herangehensweise an und ihren Umgang mit den von ihr Porträtierten. Der liebevolle, interessierte, respektvolle Blick, den sie den Menschen entgegenbringt, ist jedem Bild anzumerken.

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Rineke Dijkstra, The Buzz Club, Liverpool, UK / Mystery World, Zaandam, NL 1996-97 (videostill), © courtesy of the artist, Galerie Max Hetzler, Marian Goodman Gallery and Galerie Jan Mot (JPG, 294 KB)

Rineke Dijkstra nimmt ihre Porträts mit einer auf Stativ befestigten 4x5-Zoll-Großformat-Plattenkamera auf, der Prozess der Aufnahme erfordert Zeit und Geduld, da die Fotografierten einige Augenblicke stillhalten müssen. Gleichzeitig steht für die Künstlerin die natürliche Pose im Vordergrund. So mischen sich beispielsweise in den im Tiergarten Berlin aufgenommenen Bildern der Serie Parks Inszenierung und Spontaneität: Das Spiel der jungen Menschen ist für einen Augenblick angehalten, der Körper ist für kurze Zeit in seiner ihm eigenen Bewegung unterbrochen, um das Bild möglich zu machen. Die Bilder, entstanden 1999 während ihres DAAD-Stipendiums in Berlin, bilden den Anfang der Ausstellung in der Berlinischen Galerie.

Für die Videoarbeit The Buzz Club, Liverpool, UK/Mystery World Zaandam, NL (1996-1197) installierte die Künstlerin ein kleines Studio in den Nachtclubs und lud jugendliche Club-Besucher*innen ein, vor der Kamera zu tanzen und zu posieren. Die Videoarbeit sowie die zum Teil noch nie gezeigten Fotografien der Serie The Buzz Club (1995) erinnern die Erwachsenen an die Zeit der Adoleszenz als eine Zeit des Suchens: Diese Phase des Übergangs ist von Unsicherheit geprägt, aber auch von dem Willen, sich zwischen den Polen Konformität und Rebellion zu definieren und sein Selbstbild nach Außen zu präsentieren.

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Rineke Dijkstra, Almerisa, Asylumcenter Leiden, the Netherlands, March 14, 1994,© courtesy of the artist, Galerie Max Hetzler, Marian Goodman Gallery and Galerie Jan Mot

Zu vielen der von ihr Porträtierten hält Dijkstra über Jahre Kontakt und baut teilweise eine enge Verbindung zu ihnen auf. So verfolgt die Serie Almerisa (1994-heute) das Aufwachsen des Mädchens Almerisa, dem Dijkstra 1994 in einer Geflüchtetenunterkunft begegnete. Und Olivier (The French Foreign Legion (2000-2003) begleitet den jungen Protagonisten während seiner Zeit bei der Französischen Fremdenlegion.
Wie ist es Olivier in der Fremdenlegion ergangen und was kam danach? Wie geht es den Neuen Müttern Julie, Tecla und Saskia heute? Welchen Weg haben die Kinder auf dem Bild Coney Island, N.Y., USA, June 26, 1993 eingeschlagen und was ist aus den drei Jugendlichen des Porträts Jalta, Ukraine, July 30, 1993 geworden? Der Anblick der Porträts ruft diese Fragen unmittelbar hervor. Die Bilder verraten etwas über die Dargestellten, vermitteln zuweilen sogar das Gefühl der Nähe, des Bekanntseins. Wir wollen wissen, wie die Geschichte dieser Menschen weitergeht.

Vielleicht liegt hier der Grund für die unglaubliche „visuelle Verführungskraft“ der Bilder von Rineke Dijkstra: Wir lieben Geschichten und ihre Bilder sind voll davon. Und: Als Menschen sind wir – allem Individualismus zum Trotz – soziale Wesen und von einem Interesse für andere Menschen und ihre Geschichten geprägt. Ihre Arbeiten knüpfen hier an und machen uns diese Tatsache bewusst.

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Rineke Dijkstra, Almerisa, Rotterdam, the Netherlands, October 27, 2018,© courtesy of the artist, Galerie Max Hetzler, Marian Goodman Gallery and Galerie Jan Mot

Öffnungszeiten
Mi – Mo 10 – 18 Uhr
Dienstags geschlossen

Berlinische Galerie
Alte Jakobstraße 124 – 128
10969 Berlin
www.berlinischegalerie.de