A Becoming Resemblance by Heather Dewey-Hagborg and Chelsea Manning
Courtesy of Heather Dewey-Hagborg, Chelsea E. Manning and Fridman Gallery, New York
Photo: Paula Abreu Pia


Heute wird im Haus der Kulturen der Welt die 31. Ausgabe der transmediale –festival for art and digital culture eröffnet, die unter dem Titel „face value“ den Verknüpfungen von Kapitalismus und Faschismus im digitalen Zeitalter nachspürt. Das Leitmotiv der diesjährigen Ausgabe, nämlich der Blick unter die Oberfläche, klingt bereits in der Doppeldeutigkeit des Titels an: Wörtlich übersetzt meint „face value“ den unveränderbaren, fixierten Nennwert, also etwa die Ziffer auf einem Geldschein oder einer Münze. Der (meist als Warnung ausgesprochene) Hinweis „not to take something at face value“ meint hingegen, einen Sachverhalt nicht kritiklos hinzunehmen, ihn nicht „für bare Münze zu nehmen“. In vier Festivaltagen wartet die transmediale unter der künstlerischen Leitung von Kristoffer Gansing mit über 60 Veranstaltungen auf, die sich als Hybride aus Kunst, Philosophie, Wissenschaft und Politik der Frage widmen, „welche Wertschöpfungsprozesse zu den extremen politischen, ökonomischen und kulturellen Gräben der Gegenwart geführt haben“. Achtung, Spoiler: Das Internet als Nährboden für Populismus, Rassismus und Hate Speech wird in den Workshops, Diskussionen, Vorträgen, Performances und Film-Screenings eine zentrale Rolle spielen.

Wie üblich umfasst die transmediale auch dieses Jahr ein Ausstellungsprogramm. Unter dem Titel „Territories of Complicity“ zeigt die Kuratorin Inga Seidler in der Ausstellungshalle 1 acht Werke, die allesamt den 2010er-Jahren entstammen. Beim Betreten der Halle ist zunächst jedoch keine der Arbeiten sichtbar – dafür sorgt das exzeptionelle Display der Berliner Architekt*innen-Gruppe raumlabor. Erst wer die Treppen hinabsteigt und sich in die Container-Struktur begibt, kann sich in acht Boxen den darin installierten Arbeiten widmen. Wie Seidler erklärt, verweist das Setting auf das Phänomen des Freihafens, einem zollfreien Gebiet, in dem importierte Waren gelagert und weiterverarbeitet werden können. Kritisiert werden diese Ausnahmegebiete unter anderem, weil sie zahlreichen Kunsthändlern als steuerfreie Depots und Geldwaschanlagen dienen. In diese Kerbe schlägt das Kunst- und Forschungsprojekt Demystification Committee mit seiner Arbeit „Offshore Investigation Vehicle“. Das Projekt gründete ein internationales Unternehmen, das Bademode vermarktet und in diesem Rahmen die Strukturen von Offshore-Finanzgeschäften und den damit verbundenen verdeckten Bewegungen von Geldern untersucht. Auf der Homepage des Projektes können sowohl die Bademode erworben als auch die wissenschaftlichen Ergebnisse der Offshore Studies eingesehen werden. Die Absurditäten des internationalen Handels stehen in anderem Kontext auch in Lisa Raves „Europium“ im Fokus. In der 30minütigen essayistischen Videoarbeit erzählt die englische Künstlerin von dem titelgebenden fluoreszierenden Element, das in Papua-Neuguinea gewonnen und in Europa für Smartphone-Screens und als Fälschungsschutz für europäische Banknoten verarbeitet wird.
Neben dem Handel bietet das Motiv des Freihafens auch Platz für Themen wie Transport und Grenzen, die etwa der irische Künstler Yuri Pattison in seiner Videoarbeit mit dem vielsagenden Titel „citizens of nowhere (context collapse)“ aufgreift, in der er Miniaturmodelle von berühmten Städten und Denkmälern filmt. Das Künstlerduo Forensic Oceanography (Lorenzo Pezzani & Charles Heller) präsentiert in seiner Installation „Blaming the Rescuers“ die Ergebnisse seiner Forschung zu der Arbeit von NGOs bei der Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer. Auf einem der Screens ist zu lesen: „Today, NGOs are under attack, wrongly accused of ´colluding with smugglers`. This report refutes these accusations through empirical analysis“.

Neben der Schau „Territories of Complicity“ zählt zum Ausstellungsprogramm auch eine Gastausstellung in Halle 2, wo Heather Dewey-Hagborg mit „A Becoming Resemblance“ 30 mögliche Bildnisse der Whistleblowerin Chelsea Manning zeigt, die sie aufgrund der Analyse ihrer DNA als 3D-Drucke gefertigt hat. Darüber hinaus ist im Foyer des HKW eine Installation zu sehen, in der Nick Thurston unter dem Titel „Hate Library“ die Sprache von rechtsextremen Gruppierungen in Europa auf Online-Plattformen vom Digitalen ins Analoge holt, indem er einschlägige Beiträge auf Papier als Booklets präsentiert.

Die Herangehensweise der „Artistic Research“ als Motor zur Sichtbarmachung von Missständen zieht sich als roter Faden durch das gesamte Ausstellungsprogramm. Sie bringt es mit sich, dass man sich als Besucher*in mit vielschichtigen Werk-Komplexen konfrontiert sieht, die nicht nur Eindrücke, sondern auch dichte Informationen vermitteln. Die kritische Analyse der digital strukturierten Gegenwart und deren politischer Charakter zeichnet das Festival aus, das von Do, 1. bis So, 4. Februar dauert. Die Festivalpässe sind bereits ausverkauft, Einzeltickets zu den diversen Veranstaltungen können aber noch erworben werden.

Haus der Kulturen der Welt
John-Foster-Dulles-Allee 10
10557 Berlin
https://2018.transmediale.de/de