Eine kleine grüne Oase, die etwas versteckt hinter dem Bröhan-Museum und dem Museum Berggruen in Berlin-Charlottenburg liegt. Es ist der Bettina Berggruen Garten mit einem quadratischen Zierrasen, einer Blumenwiese, mehreren prächtigen Linden und einer langen Holzbank, auf der man bequem sitzen, sich erholen und ohne Probleme den richtigen Abstand halten kann. Dieser schöne Ort, der zum Verweilen und Entspannen einlädt, ist eine Idylle, allerdings mit einem subversiven Akzent. Auf dem Rasen tummeln sich zwei überlebensgroße Doppelskulpturen, die krampfhaft und aussichtslos versuchen, sich voneinander zu lösen. Am Rumpf zusammengewachsen, muten sie wie siamesische Zwillinge an. Die Köpfe dieser ohnmächtigen Giganten sind kahl, jeder von ihnen hat eine fliehende Stirn, große Augen, Nasen und Münder, kleine Ohren und keine Arme. Ihre Tuniken sind mit Stricken gebunden; sie stehen auf je drei Doppelbeinen, die wie Stelzen aussehen. Es sind Riesen, die sehr dynamisch wirken, aber auf der Stelle treten, denn jedem Schritt nach vorn scheint ein Schritt nach hinten zu folgen. Oder wird hier Stillstand als eine Art Bewegung exerziert?
Untrennbar miteinander verbunden
Zweimal zwei sind vier, doch in diesem Fall bestehen zwei Skulpturen aus vier Figuren. Sie heißen United Enemies, sind das Werk von Thomas Schütte und sorgen dafür, dass der Besuch im Bettina Berggruen Garten zu einem aufregenden körperlichen und intellektuellen Erlebnis wird. Der Anblick der im wörtlichen und übertragenen Sinn untrennbar miteinander verbunden Riesen beflügelt die Fantasie und stimuliert das Nachdenken: über hehre Ziele und ihre Machbarkeit, vorgetäuschte Größe und faktische Kleinmut, die Dualität der menschlichen Natur und ihrem Spagat zwischen Gut und Böse, über die Nähe von Schönheit und Hässlichkeit, über den Körper, in dem wir wie in einem Panzer gefangen sind und der Haut, aus der wir nicht heraus können. Und über Hassliebe, die die Vereinigten Feinde auch so überzeugend verkörpern. Doch unabhängig davon, wie wir diese beiden Doppelskulpturen interpretieren, sind sie typisch für Thomas Schütte. Der 1954 in Oldenburg geborene und in Düsseldorf lebende Bildhauer, Zeichner, Grafiker und Fotograf findet für jedes Material das richtige Medium, und für jedes Medium das richtige Material. Er bevorzugt Techniken und Motive, die als antiquiert belächelt werden: voluminöse figurative Skulpturen, Köpfe und Vasen aus Keramik, Blumenradierungen, Porträts, Akte und mit einigen wenigen Linien skizzierte Szenen aus dem Alltagsleben.Kunst von dieser Welt
Thomas Schütte ist ein zeitgenössischer Klassiker, der sich der Tradition verpflichtet fühlt. Er setzt sich in seinen Arbeiten mit den Großen Meistern und Meisterinnen der Kunstgeschichte wie zum Beispiel Hokusai, Honoré Daumier, Henri Laurens, Amadeo Modigliani, Wilhelm Busch, Marcel Duchamp oder Louise Bourgeois auseinander. Im Mittelpunkt seines Interesses steht der Mensch, den er häufig verzerrt und verkrampft, aber immer mit viel Empathie und Sympathie darstellt: als eine tragikomische Figur und ein Janusgeschöpf, das gleichzeitig nach hinten und nach vorn blickt. Berühmt sind seine monumentalen, über 2,5 Meter großen Stahlskulpturen aus der Serie Große Geister und Ganz große Geister. Für seine bis zu anderthalb Tonnen schweren Plastiken aus der Werkreihe Frauen, von denen er in den Jahren 1998-2009 sage und schreibe 18 geschaffen hat, wurde er 2005 auf der Biennale von Venedig als bester internationaler Künstler mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Thomas Schüttes Kunst ist von dieser Welt; sie befasst sich mit dem Leben, wozu das Streben, Eifern, Scheitern, Erhabenheit, Lächerlichkeit, Vergänglichkeit und unendliche Dummheit gehören. Das spiegelt sich auch in seinen beiden Doppelskulpturen United Enemies – Vereinte Feinde, die, stellenweise schon mit Patina bedeckt, gleichermaßen aktuell und zeitlos sind. Warum? Sie zeigen, dass Tragik und Komik immanente Seinselemente sind, denn zwei Seelen wohnen, ah, in meiner Brust …Thomas Schütte
United Enemies
Bettina Berggruen Garten
Schloßstraße 1, 14059 Berlin
Di - Fr 10:00 - 18:00 Uhr; Sa-So 11:00 - 18:00 Uhr
Ostermontag 11:00 - 18:00 Uhr; ansonsten Montag geschlossen
www.smb.museum






