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Wohnst du schon oder lebst du noch ?

von Maximilian Wahlich (28.01.2021)
vorher Abb. Wohnst du schon oder lebst du noch ?


„Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genau so gut töten wie mit einer Axt.“ Diesen Satz notierte Heinrich Zille (1858-1929) an den Rand einer Zeichnung aus den 1920er Jahren. Heute ist eine andere Zeit, doch ist der Satz ungebrochen aktuell: Mieten steigen. Berliner Wohnraum ist knapp und begehrt. Gleichzeitig wächst der Anspruch an Wohnfläche pro Person. Doch die Baukosten erhöhen sich, unbebauter Grund wirft mehr Rendite ab als bebaute Flächen. Initiativen wie Deutsche Wohnen & Co enteignen! oder DIESE e.G. lehnen sich dagegen auf. Wohnen, längst zum politischen Druckmittel geworden, weckt zudem vermehrt das Interesse der Wissenschaft.

Wohnen ist ein heterogenes Forschungsfeld. Es umfasst Studien zu den visuellen Codes von Wohnkatalogen, stilistischen Untersuchungen zu Modellhäusern oder zu ästhetischen Praktiken in der Design- oder Architekturtheorie. Als Teilbereich der Forschung gelten Wohnungsfragen bei Humangeograph*innen ebenso wie bei Jurist*innen, Ökonom*innen, Stadtplaner*innen und Urbanist*innen. Jüngst erschien im transcript Verlag eine neue Schriftenreihe zur Interdisziplinären Wohnungsforschung. Die ersten beiden Bände, unter den Titeln Wohnungsforschung und Wohnungsfragen ohne Ende?!, geben einen Einblick zur aktuellen Auseinandersetzung. In beiden Büchern stellen vor allem Wissenschaftler*innen namhafter Universitäten aus dem deutschsprachigen Raum ihre Untersuchungen vor. Einige Aufsätze im ersten Band analysieren Berliner Bauprojekte, Problemstellungen und Typologien. Dieser Berlin-Bezug ist auch Anlass dieser Besprechung bei art-in-berlin. Im Grunde passen die soziologischen und sozioökonomischen Ansätze weniger in den Kontext eines Kunstportals, dennoch, das Thema Wohnen und bezahlbarer Raum (u.a. auch Ateliers) betrifft uns alle ganz persönlich: unsere vier Wände schützen unsere Privatsphäre, das Esszimmer lädt die Öffentlichkeit ein, hohe Wohnkosten beschneiden unsere Freiheiten, und befristete Mietverträge verhindern das Ankommen an einem Ort... Wir mutieren zunehmend zu ratternden Zahnrädern, die damit beschäftigt sind, fortlaufend irgendwelche Fixkosten zu decken.

Den Berliner Stadtraum behandeln vor allem vier Aufsätze der Stadt- und Architekturtheoretikerin Anne Kockelkorn, der Politikwissenschaftlerin Inga Jensen und die Vorstellung des Bündnis kommunal & selbstverwaltet Wohnen.
Inga Jensen geht es um verschiedene Formen der (Re-)Kommunalisierung. Dabei listet sie nicht nur Ursachen des knappen Wohnraums auf, der Aufsatz besticht vor allem durch die Benennung und Problematisierung einiger Strategien zur (Re-)Kommunalisierung. Darunter könnte - laut Jensen - zum Beispiel der Ankauf großer Wohnungsbestände durch den Staat oder Genossenschaften fallen, wobei die Kosten an den regulären Markt gebunden wären. Da dies voraussichtlich zu einem enorm hohen finanziellen Aufwand führen würde, müsste die Wertermittlung von Immobilien hinterfragt werden - alternativ zum gängigen Verkehrswert ließe sich der Ertragswert heranziehen. Eine weitere Option sind das kommunale Vorkaufsrecht oder der Neubau bezahlbaren Wohnraums, was zwar einerseits den notwendigen Bedarf am ehesten abfinge, andererseits an die Grenzen verfügbarer Bauflächen stößt. Ergänzt wird diese Argumentation passenderweise durch Jensens Interview mit Florian Schmidt, Bezirksrat von Friedrichshain-Kreuzberg, der sich mehrfach in Protesten um bezahlbaren Wohnraum, Stadtentwicklungsprojekten und (Re-)Kommunalisierungen hervortat.
In Anne Kockelkorns Aufsatz geht es um die komplexen Wechselwirkungen zwischen der Wohnraumwirtschaft und dem belebten Wohnraum: Dabei exemplifiziert sie anhand mehrerer Projekte wie allein schon deren Architektur einem üblichen Investorenbau widersprechen. Sie dringt tief ein, bis hin zu den Innenräumen einiger Bewohner*innen, deren Grundrisse und Wohnräume einer profitorientierten Architektur entgegenwirken.

Der soziologische Fokus erscheint gerade beim Reader sehr eng gefasst. Beispielsweise wird im Kapitel für historische Kontexte Friedrich Engels Aufsatz „Zur Wohnungsfrage“ ins Programm aufgenommen – meine Anmerkung ist an der Stelle, dass ich neben Engels noch andere historische Positionen vermisse, ebenso wie Ansätze aus Philosophie, Kunstwissenschaft oder Kulturwissenschaft, die sich ja allesamt auch mit soziologischen Fragen verknüpfen ließen. Wie steht es beispielsweise um Hannah Arendts Ideen zum Wohnen? Warum kommt das Bremer Mariann Steegmann Institut nicht zu Wort? Wo sind Perspektiven der Chicagoer Schule oder die Stimmen von Personen wie der Architektin und Theoretikerin Denise Scott Brown?
Unabhängig davon werden jedoch viele Instrumente zur Verbesserung unserer Wohnsituationen vorgestellt, worunter unter anderem selbstverwaltete Projekte und Hausgemeinschaften mit einem Mieter*innenrat fallen oder auch der Gemeinschaftssinn von Genossenschaften. Zudem werden sämtliche Aufsätze mit einem ausführlichen Literaturapparat begleitet, was richtig Lust auf eine weiterführende und tiefgreifende Beschäftigung mit dem Thema macht.

Im Video-Interview skizzieren die Herausgeber*innen die Schriftenreihe.

Band 1: Barbara Schönig / Lisa Vollmer (Hg.), Wohnungsfragen ohne Ende?! Ressourcen für eine soziale Wohnraumversorgung, Bielefeld 2020, ab 25,99 €, www.transcript-verlag.de/Wohnungsfragen ohne Ende?!

Band 2: Sebastian Schipper / Lisa Vollmer (Hg.), Wohnungsforschung. Ein Reader, Bielefeld 2020, ab 21,99 €, www.transcript-verlag.de/Wohnungsforschung

Maximilian Wahlich

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