Anzeige
Georges Braque – Wegbereiter der Avantgarde

logo art-in-berlin.de
Berlin Daily 03.08.2021
Film ist Erinnerungsarbeit

19 Uhr: Künstler*innengespräch mit Bettina Böhler und Edgar Reitz. Auch als Livestream
Akademie der Künste | Pariser Platz 4 | 10117 Berlin

MONOBLOC – wie ein Plastikstuhl sein Image verändert

von Daniela Kloock (19.05.2021)
vorher Abb. MONOBLOC – wie ein Plastikstuhl sein Image verändert

Filmstill: Monobloc, DOK.fest München

In den Sommermonaten hat der Monobloc seinen großen Auftritt. Beim Grillfest, in der Strandbar, auf dem Campingplatz oder Balkon, vor der Eisdiele oder Fritten Bude, überall begegnet man dem weißen Plastikstuhl. Er ist so wunderbar praktisch, leicht, wetterfest und stapelbar. Obwohl allgegenwärtig, denkt jedoch niemand groß über ihn nach. Dabei ist er, kaum zu glauben, das meistverkaufte Möbelstück der Welt.

Wie es zu dazu kommen konnte, und welche Fragen und Widersprüche sich hinter der Erfolgsgeschichte des Stuhls verbergen, das will der Hamburger Regisseur Hauke Wendler mit seinem Film zeigen. Um sich dem eine Milliarde Mal verkauften Objekt zu nähern, wählt er unterschiedliche Zugangsformen. Mal wird der Kunststoffstuhl aufwendig inszeniert wie für einen Werbespot. Da steht er dann einsam im künstlich hergestellten Regen oder mit vielen seinesgleichen am Strand von St. Peter-Ording. Besonders gelungen ist jedoch Wendlers Idee mit dem LKW-Container. Darin zwei Monoblocs auf denen Platz nehmen kann, wer etwas über den Stuhl zu sagen hat. Und das ist tendenziell nichts Gutes. Situierte HanseatInnen sind erzürnt, Plastik? Pfui Teufel! Bestenfalls wird der Stuhl belächelt, eher jedoch gehasst und verflucht. Und keinem der Befragten kommt es in
den Sinn, dass der Monobloc vor allem eins ist, nämlich preiswert.

Responsive image
Filmstill: Monobloc, DOK.fest München

Ganz traditionell dokumentarisch gefilmt sind die Interviews, die die Geschichte seiner Herstellungsweise erzählen. Wir lernen etwas über das Spritzgussverfahren und über Polypropylen. Beides war die Voraussetzung, um aus nur einem einzigen Material, einer Form, und in nur einem einzigen Guss, das Möbel herzustellen. Dieses sensationelle Verfahren, welches der Ingenieur Henry Massonnet in den 1970er Jahren erfand, gab dem Monobloc dann auch seinen Namen. Der Film zeigt eines der letzten Interviews mit Massonnet, oder begleitet wenig später MitarbeiterInnen des Vitra-Museums, die den Stuhl aus heutiger Sicht ästhetisch und sozial bewerten. Hier wird bereits deutlich, wie stark der Monobloc polarisiert. Ästhetisch jenseits eines „guten Geschmacks“, Plastikmüll eben, für die anderen aber geniale Erfindung und ein veritabler Stuhl für die Welt. Dass Letzteres alles andere als untertrieben ist, beweist der Film.

Der Zuschauer begleitet den Regisseur und sein Team auf einer bunten, großen Reise in sechs Länder auf fünf Kontinenten. Dabei verändert sich immer mehr die Perspektive. Je länger der Film dauert, desto mehr wird klar, wie unsere Werturteile auf einem verwöhnten, um nicht zu sagen arroganten Blick auf die Welt beruhen. So erfahren wir zum Beispiel etwas über die Umwandlung des Monoblocs zum Rollstuhl. In Uganda ermöglicht ein so angepasster Stuhl gehandicapten Menschen, die sich niemals einen richtigen Rollstuhl leisten könnten, die Fortbewegung. In Indien begleitet die Kamera einen dortigen Plastikstuhl-Unternehmer, der aus dem eigentlich weißen Grundmuster ausbricht und Stühle in allen Farben und Mustern herstellt. Auch hier werden einzelne Geschichten erzählt, die alle in dieselbe Richtung führen. Ein Stuhl ist besser als auf der Erde zu sitzen. Vor allem wenn diese kalt ist, was in vielen Ländern der Erde durchaus der Fall ist. Und in Brasilien, um auch das Thema Recycling angesprochen zu haben, begleitet der Regisseur eine Frau, die ihren Lebensunterhalt damit bestreitet, dass sie kaputte Plastik-Stühle einsammelt und in einer Fabrik zur Weiterverarbeitung abgibt.

Responsive image
Filmstill: Monobloc, DOK.fest München

Immer wieder eingestreut sind die sympathischen Kommentare des Autors, in die auch die Schwierigkeiten der Produktion und der Finanzierung des Films einfließen. Auffallend ist die tolle Musik. Taco van Hettinga passt sich mit seinen Kompositionen an die jeweiligen Länder an.

So entlässt uns der Film am Ende nicht nur ein bisschen demütiger und nachdenklicher, sondern durchaus auch gut gelaunt. In München hatte Monobloc online seine Weltpremiere, ein baldiger Kinostart ist diesem klugen Film wirklich zu wünschen.
________________________

Der Film feiert beim DOK.fest München seine Deutschlandpremiere und ist noch bis zum 23.5. auf der website des Festivals abrufbar.

Mehr zum DOK.fest München und seinem Programm in unserem Artikel vom 31.5.2021.
Und noch eine weitere Filmbesprechung in diesem Rahmen zu: „White Cube“, der neue Film des niederländischen Künstlers Renzo Martens

Daniela Kloock

weitere Artikel von Daniela Kloock

Newsletter bestellen




top

Titel zum Thema Filmbesprechung:

MONOBLOC – wie ein Plastikstuhl sein Image verändert
Filmbesprechung im Rahmen des DOK.fest München: In den Sommermonaten hat der Monobloc seinen großen Auftritt. Beim Grillfest, in der Strandbar, auf dem Campingplatz oder Balkon, vor der Eisdiele oder Fritten Bude, überall begegnet man dem weißen Plastikstuhl.

Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit. Ein Film von Julia Lokshina
Filmbesprechung: Um den Bedarf an Steaks, Koteletts und Schinken abzudecken, werden hierzulande 55 Millionen Schweine geschlachtet.

Im Land meiner Kinder
Filmbesprechung: Der Film geht existentiellen Fragen zu Identität, Integration und Selbst- und Fremdwahrnehmung nach. Polemik oder erzieherischer Impetus - welcher so viele deutsche Filme zu dem Thema charakterisiert, bleiben außen vor.

Unsere besten Filmbesprechungen 2020
Besprochen von Daniela Kloock, die sich auf art-in-berlin Fotografieausstellungen sowie Veranstaltungen im Kunstkontext widmet und vor allem leidenschaftlich Filme schaut.

Urlaub in einer ganz anderen Zeit - "Schönheit und Vergänglichkeit“ von Annekatrin Hendel
Filmbesprechung: Schräge Vögel, Individualisten und jede Menge Außenseiter fanden sich in der Subkultur Ostberlins der 1980er Jahre. (Daniela Kloock)

SIBERIA von Abel Ferrara
Filmbesprechung: Seit dieser Woche in den Kinos: SIBERIA.

Undine. Der neue Film von Christian Petzold
Filmbesprechung: „Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten“, sagt eine Frau zu dem ihr gegenübersitzenden Mann, in einem idyllischen Straßencafé, an einem Sommertag. ...

Das Wachsfigurenkabinett
BERLINALE Galavorstellung: Das Wachsfigurenkabinett (1924) mit Live-Musik am Freitag 17.30 Uhr einmalig im Friedrichstadtpalast. Unsere Filmbesprechung ...

J´accuse (dt. Verleihtitel „Intrige“) von Roman Polanski
Filmbesprechung: Der Film ist ein Meisterwerk. Ein Film für die große Leinwand, Bilder voller kompositorischer Schönheit - mit Tiefe, mit Stimmung - eine kunstvolle Choreographie, beeindruckende Plansequenzen und ein toller Erzählrhythmus.

"So long my son". Ein Film von Wang Xiaoshuai
Filmbesprechung von Daniela Kloock

Fahrenheit 11/9 von Michael Moore
Filmbesprechung: „How the fuck could this happen?“. Dies fragt sich Michael Moore in seinem neuen Film „Fahrenheit 11/9“ und sucht Antworten darauf, ... Ab Donnerstag, den 17.01.2019, im Kino.

Wackersdorf von Oliver Haffner
Filmbesprechung: Dieser Film ist ein seltener Glücksfall – ein gelungener Spagat zwischen Heimatfilm und Politkrimi. Er erzählt präzise und geduldig über Macht und Ohnmacht, ohne dabei effekthascherisch oder langatmig zu wirken.

Seestück von Volker Koepp
Filmbesprechung: „Niemand weiß, wie Antidepressiva auf Fische wirken“, niemand weiß, wie viel Chemie überhaupt in der Ostsee schwimmt. Der Meeresforscher mit dem wilden Bart, der dies sagt, wirkt trotz seiner traurigen Befunde erstaunlich gut gelaunt.

Auf der Suche nach Ingmar Bergman. Film von Margarethe von Trotta
Gastbeitrag von Daniela Kloock.

Andres Veiel – Werkschau in Berlin. Bundesplatz-Kino
Gastbeitrag: Andres Veiel sticht in Wunden, legt Traumata frei, macht Dinge sichtbar, die im verborgenen schlummernd wirkmächtig sind.

top

zur Startseite

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Ateliers suchen mieten anbieten

Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Akademie im Kurt Tucholsky Literaturmuseum




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Meinblau Projektraum




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Haus am Kleistpark




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Kommunale Galerie Berlin




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Alfred Ehrhardt Stiftung




© 1999 - 2020, art-in-berlin.de Kunstagentur Thomessen Hartlieb-Kühn GbR.