logo art-in-berlin.de
Berlin Daily 27.11.2022
Screening Mein sprechender Goldfisch

15 Uhr: Miniserie von Etgar Keret & Shira Geffen im Rahmen der Ausstellung „Inside Out – Etgar Keret“. + Gespräch
W. Michael Blumenthal Akademie | Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz 1 | 10969 Berlin

Die Frau des Dichters. Über die Malerin Güler Yücel.

von Daniela Kloock (11.11.2022)


Die Frau des Dichters. Über die Malerin Güler Yücel.

© missingFILMs, DFF, Güler Yücel in "Die Frau des Dichters" (2021)

Helke Misselwitz, eine der wichtigsten FilmemacherInnen der letzten DEFA Generation, bringt uns in „Die Frau des Dichters“ nicht nur die Malerin Güler Yücel nahe, sondern auch Datca, einen paradiesischen Ort im Mittelmeer. Auf dieser Halbinsel am äußersten Zipfel der Ägäis wohnte und arbeitete bis kurz vor ihrem Tod Güler Yücel (1935-2020), die Gattin des in der Türkei bekannten Lyrikers Can Yücel.

Knallrote Wunderblumengewächse, urige Steinküsten, Olivenhaine, Mandelblüten und herrliche Wochenmärkte - ein unversehrt wirkendes Stückchen Erde scheint dies zu sein. Doch die langen Einstellungen sollen nicht nur die Schönheit dieser Landschaft festhalten, sondern eine direkte Verbindung zu den Gemälden der Künstlerin herstellen. Da Güler Yücel ausschließlich figurativ und episodisch malte, ist dies eine charmante Grundidee. Die Kamera greift ein Motiv aus den Gemälden auf, wie beispielsweise eine gemalte Hochzeitsszene, und „übersetzt“ dies dann ins klassisch-dokumentarisch Gefilmte.

„Ich kann nichts malen, was ich nicht gesehen habe“, erklärt die Malerin, die in bunt wallenden Gewändern wie eine Priesterin aus der Antike durch ihren Garten flaniert und immer wieder ihre faszinierenden Leporellos in die Kamera hält. Wie asiatische Rollbilder sind sie eigentlich schon fast selbst Film. Die Fülle an Szenen, Figuren, Tieren, Landschaften ist so groß, dass man kaum weiß, wohin man erst schauen soll. Es sind poetische, in klaren Farben gehaltene Szenen, die an Marc Chagall erinnern. Das ländliche Leben, die Mandelblüte, Olivenernte, Szenen aus ihrem eigenen Leben und immer wieder ihren Ehemann, den Dichter, gilt es zu entdecken. Und so wie in Marc Chagalls Bildern Kühe auftauchen, so wimmelt es in den Leporellos von Güler Yücel von rot gehörnten Ziegen. Mit diesen Tieren habe sie sich immer identifiziert. Sie seien unerschrocken, mutig, erklärt die Künstlerin, und an anderer Stelle ist zu hören, es sei immer die weibliche Ziege, die die Herde anführt.

Responsive image
© missingFILMs, DFF,"Die Frau des Dichters" (2021)

Dass die Frauen auf Datca angeblich das Sagen haben, dies zieht sich thematisch wie ein roter Faden durch den Film. Denn neben Güler Yücel lässt Helke Misselwitz auch andere Insel-Bewohnerinnen zu Wort bzw. stumm ins Bild kommen. Denn es gibt auch noch die unbeweglich und schweigend aufgenommenen Frauen und Mädchen. Fast wirken diese Einstellungen wie abgefilmte Fotografien. Nur der Ton, das Rauschen der Blätter oder leise Hintergrundgeräusche deuten darauf hin, dass eine Film-Kamera lief. Schön sind auch diese Bilder. Sie erinnern an die Fotografien der niederländischen Künstlerin Rineke Dijkstra. Nur leider eröffnen sie eine weitere gestalterische Ebene, die unerklärt bleibt.

Was ist das nun für ein Film? Die unkonventionelle Melange an Stilen, Ideen und Themen irritiert. Ein bisschen wirkt das Ganze so, als hätte man nach seiner vermutlich langen und sicherlich stellenweise mühsamen Entstehungszeit nicht recht gewusst, was aus dem ganzen Material werden soll. Eine Traumreise in ein Insel-Paradies, eine kleine Matriarchatsstudie, eine Etüde über das Bildermachen und -sehen oder eine Hommage an Güler Yücel?

DIE FRAU DES DICHTERS
Regie: Helke Misselwitz
D 2021, 94 min., Deutsch/Türkisch mit Untertiteln, FSK: 0
Trailer: www.youtube.com

Daniela Kloock

weitere Artikel von Daniela Kloock

Newsletter bestellen




top

Titel zum Thema Filmbesprechung:

ECHO - ein unkonventionelles Langspieldebüt von Mareike Wegener
Filmbesprechung: Wie die Regisseurin nüchterne Informationen mit märchenhaften Sequenzen verknüpft, ist toll. Auch dass und wie sie es wagt das Thema „Schuld- und Vergangenheitsbewältigung“ mit komischen und grotesken Elementen/Dialogen zu verknüpfen, ist erfrischend direkt.

Die Frau des Dichters. Über die Malerin Güler Yücel.
Filmbesprechung von Daniela Kloock

Vorsichtshalber sollten wir davon ausgehen, dass wir alle in Gefahr sind
Filmbesprechung: „Wir könnten genauso gut tot sein“ ist der erste Langfilm und Abschlussfilm (HFF) der Regisseurin Natalia Sinelnikova. Schon allein der Titel erregt Aufmerksamkeit, das Thema erst recht.

Sag mir, wo die Blumen sind…
Filmbesprechung: „Hive“ – das preisgekrönte Filmdebut der albanisch-kosovarischen Regisseurin Blerta Basholli

Abschied nehmen – ein Film von Jessica Krummacher über das Sterben
Filmbesprechung: Sehr offen, fast schwebend artifiziell, beschäftigt sich der Film Zum Tod meiner Mutter, sensibel und klug, mit dem endgültigen Abschiednehmen, ein Kunststück, ein Kunstwerk.

Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush – der neue Film von Andreas Dresen
Filmbesprechung: Die Geschichte eines unschuldigen Guantanamo-Häftlings als Komödie zu inszenieren, dieses Wagnis geht Andreas Dresen ein.

MONOBLOC – wie ein Plastikstuhl sein Image verändert
Filmbesprechung: In den Sommermonaten hat der Monobloc seinen großen Auftritt. Beim Grillfest, in der Strandbar, auf dem Campingplatz oder Balkon, vor der Eisdiele oder Fritten Bude, überall begegnet man dem weißen Plastikstuhl.

Jahresrückblick: Unsere besten Filmbesprechungen
Für Kunst+Film ist bei art-in-berlin Daniela Kloock zuständig. Hier eine Auswahl ihrer Filmbesprechungen 2021.

In den Uffizien - ein Dokumentarfilm von Corinna Belz und Enrique Sánchez Lansch
Filmbesprechung: Zehn Ausstellungsräume mit Kunst des 16. Jahrhunderts sollen neu konzipiert werden. Schnell wird klar, hier sucht jemand die Konfrontation... Ab morgen in den Kinos.

Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit. Ein Film von Julia Lokshina
Filmbesprechung: Um den Bedarf an Steaks, Koteletts und Schinken abzudecken, werden hierzulande 55 Millionen Schweine geschlachtet.

Im Land meiner Kinder
Filmbesprechung: Der Film geht existentiellen Fragen zu Identität, Integration und Selbst- und Fremdwahrnehmung nach. Polemik oder erzieherischer Impetus - welcher so viele deutsche Filme zu dem Thema charakterisiert, bleiben außen vor.

Unsere besten Filmbesprechungen 2020
Besprochen von Daniela Kloock, die sich auf art-in-berlin Fotografieausstellungen sowie Veranstaltungen im Kunstkontext widmet und vor allem leidenschaftlich Filme schaut.

Urlaub in einer ganz anderen Zeit - "Schönheit und Vergänglichkeit“ von Annekatrin Hendel
Filmbesprechung: Schräge Vögel, Individualisten und jede Menge Außenseiter fanden sich in der Subkultur Ostberlins der 1980er Jahre. (Daniela Kloock)

SIBERIA von Abel Ferrara
Filmbesprechung: Seit dieser Woche in den Kinos: SIBERIA.

Undine. Der neue Film von Christian Petzold
Filmbesprechung: „Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten“, sagt eine Frau zu dem ihr gegenübersitzenden Mann, in einem idyllischen Straßencafé, an einem Sommertag. ...

top

zur Startseite

Anzeige
schwerin glanzstuecke

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Vostell

© 1999 - 2020, art-in-berlin.de Kunstagentur Thomessen Hartlieb-Kühn GbR.