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Berlin Daily 13.04.2024
Dialogische Führung

From A to B (to Z and back) oder: Zur selben Zeit in verschiedene Richtungen gehen. 15 Uhr: Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestr. 128/129, 10115 Berlin | 17 Uhr: Haus am Lützowplatz, Lützowplatz 9, 10785 Berlin

Mein Haus sieht aus wie ein Antragsformular. Sung Tieu im Neuen Berliner Kunstverein

von Maximilian Wahlich (06.05.2023)
vorher Abb. Mein Haus sieht aus wie ein Antragsformular. Sung Tieu im Neuen Berliner Kunstverein

Sung Tieu, Window Trace (n.b.k.), 2023; Block G (Gehrenseestrasse, Berlin), 2023; Form (for Residence Permit), 2023, Ausstellungsansicht Sung Tieu. No Jobs, No Country, Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.), 2023. Foto: © n.b.k. / Jens Ziehe

Wir betreten einen hell erleuchteten Raum. Auslegeware: Weißer Teppich, der jede Spur aufsaugt. Schuhe müssen ausgezogen werden, aus Vorsicht die cleane Ruhe zu beschmutzen. Es öffnet sich eine weiße Zelle, eine Kammer mit schmalen Fensterritzen wie Schießscharten. Wohnen will hier niemand, der Ort ist ungastlich und kühl.
Wir stehen im Showroom des n.b.k., in dem regelmäßig neue, noch junge Positionen der Kunstszene gezeigt werden. Derzeit sind hier unter dem Titel No Jobs, No Country vier Arbeiten der Berliner Künstlerin Sung Tieu zu sehen.

In die Wand eingelassen sind vier Gipsarbeiten. Format DIN-A4, glatt poliert, die Farbigkeit betonähnlich. Sie haben streng rechtwinklige Rillen und Einkerbungen. Sie erinnern an geometrische Fassadenaufrisse von Plattenbauten. Mit dem Titel der Serie Form (for Residence Permit) assoziiert Tieu die nüchternen Skelette, die schmucklos abgeschmackten Fassaden mit dem Layout jener Formulare für den Aufenthaltstitel in Deutschland. Sung Tieu sieht eine formale Verbindung.
Weiter gefasst, thematisieren ihre Arbeiten die Organisation von Menschen in Fläche und Volumen. Tieus Arbeit dreht sich letztlich um die Frage: Wie viel Raum wird einem Menschen zugestanden? Was scheint angemessen und wie bemessen sich Ansprüche? Raumanspruch, der beginnt schon beim breitbeinigen Sitznachbarn in der U-Bahn. Er reicht weiter bis zum geräumigen Altbau mit Stuckfassade, die sich ostentativ in den Straßenraum einprägt. Antithese ist dann der kleine Raum, die Wohnkammer mit Nasszelle. Für arme Menschen nicht nur notwendiges Sparprogramm, durch die Auflagen des Jobcenters auch ein staatliches Repressionsinstrument.


Sung Tieu, Window Trace (n.b.k.), 2023; Block G (Gehrenseestrasse, Berlin), 2023, Ausstellungsansicht Sung Tieu. No Jobs, No Country, Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.), 2023. Foto: © n.b.k. / Jens Ziehe

Der Ausstellungsraum ist kühl, ausgetüncht und blass. Vor dieser Kulisse wirken die Materialien ihrer Kunstwerke noch fester und härter. Die Kombination aus industriellen und natürlichen Materialien erinnert an die Archaik des Minimalismus. Block G (Gehrenseestraße, Berlin), eine massive Stahlplastik, steht mittig im Raum. Der schwarze Quader ist ca. 150 cm hoch und nur von oben einsehbar. Das Innere bildet die Windungen eines verworrenen Grundrisses ab. Sie sind engmaschig, erinnern an Eingeweide. Der Grundriss scheint nur aus Flurflächen zu bestehen. Der Boden ist mit Erdklumpen aus der Lichtenberger Nachbarschaft des Hauses befüllt. Dadurch wird die Höhlenatmosphäre verstärkt.
Window Trace (n.b.k.) übersetzt die winkligen Verzweigungen und die triste Dunkelheit in den schicken Ausstellungsraum des n.b.k. Schmale Schlitze lassen etwas Licht von außen in den Raum. Der natürliche Lichteinfall ist minimal, Einblicke von außen unmöglich. Wie zugezogene Gardinen schützen sie das Innere, das Geborgene und Heimelige.
Mit dem Brückenschlag wird eine empfindliche Ambivalenz spürbar: Plattenbauten, Bauten des Brutalismus und Betonkomplexe sind für viele Menschen ein notwendiges Übel. Diese Wohnbauten avancieren neuerdings bei sogenannten Minimalisten zum angesagten Trend.


Sung Tieu, © Foto / Photo: Vu Thi Hanh

Jahre bevor der 1970er-Charme chic wurde, wohnte Sung Tieu selbst für drei Jahre in einem Plattenbau-Wohnkomplex in der Gehrenseestraße in Berlin-Lichtenberg. Die insgesamt neun formgleichen Blöcke sind auch Nährboden der ausgestellten Arbeit. Erbaut wurden die Wohnhäuser Anfang der 1980er Jahre. Die Baukosten sollten so billig wie möglich ausfallen. Die Wohnungen geizten mit Raum. Die Unterkünfte waren sparsam. Untergebracht wurden hier ab 1982 DDR-Vertragsarbeiter*innen, insbesondere aus Vietnam. Die Menschen lebten auf engstem Raum, man billigte ihnen gerade einmal 5 m² Wohnfläche pro Person zu.
Die rigide Politik traf auch nach der Wende weiterhin diskriminierte oder an der gesellschaftlichen Peripherie stehende Menschen: Das Haus wurde zum Wohnheim für Asylbewerber*innen und später für Bürgerkriegsflüchtlinge. Seit 2003 stehen sämtliche Gebäude leer und sollen perspektivisch abgerissen und durch ein neues Quartier aufgewertet werden (typisch Berlin).

Sung Tieu. No Jobs, No Country
11. März 2023 – 7. Mai 2023

Außerdem: Realities Left Vacant
Nadja Abt, Tekla Aslanishvili, Marianna Christofides, Silvina Der Meguerditchian, Christian Diaz Orejarena, Sofia Duchovny, Ahu Dural, Cornelia Herfurtner, Göksu Kunak, Isaiah Lopaz, Alina Schmuch
11. März – 7. Mai 2023

Billboard
Carrie Mae Weems. Queen B (Mary J. Blige)
11. März – 27. August 2023

Neuer Berliner Kunstverein n.b.k.
Chausseestr. 128/129
10115 Berlin
Tel. +49 30 280 70 20
www.nbk.org

Maximilian Wahlich

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