Thomas Arslan ist einer der erfolgreichsten Filmemacher hierzulande. Seine Berlin-Trilogie über deutsch-türkische Jugendliche machten den Regisseur und Drehbuchautor in den späten 1990er Jahren bekannt. „Geschwister“ (1996), „Dealer“ (1998) und „Der Schöne Tag“ (2001) sind gleichermaßen genaue wie stilsichere Beobachtungen der Alltagsrealität junger Erwachsener mit sogenanntem Migrationshintergrund. Es folgten die Road-Movies „Gold“ (2013) und „Helle Nächte“ (2017) u.a., sowie die beiden Thriller „Im Schatten“ (2010) und „Verbrannte Erde“ (2024), die beide in Berlin spielen. „Verbrannte Erde“ hatte bei der diesjährigen BERLINALE Premiere und wurde von der Kritik einhellig gefeiert.
Der Neue Berliner Kunstverein (n.b.k.) widmet Thomas Arslan eine umfangreiche Überblicksschau, in deren Zentrum die sich wandelnde Metropole Berlin steht. Dazu gibt es Ausschnitte seiner Filme zu sehen. Sie zeigen, wie genau der Regisseur die Stadt, in der er seit 1980 lebt, in den Blick nimmt. Quasi flanierend kann der Besucher mit einem Kopfhörer versehen von Screen zu Screen wandern, ohne unterbrochen zu werden. Er folgt so den einzelnen Film-Figuren bei ihren Bewegungen durch den (städtischen) Raum, begleitet - quasi wie ein sich mitbewegender Beobachter - das Geschehen. Die Szenen vermitteln eindrucksvoll, wie sich Berlin über die letzten Jahrzehnte verändert hat, wie sich Räume durch den Verkehr, aber auch durch die Masse an Menschen massiv verdichtet haben.
Seit Beginn seines Studiums lag ein besonderer Fokus des Regisseurs auf der Frage nach den Blicken/Blickverhältnissen. Was zeigt die Kamera bzw. was macht eine Kamera mit den gefilmten Menschen? Hierzu wird Arslans formal strengster Film, „19 Portraits“ (1990) gezeigt. Männer und Frauen aus dem Bekanntenkreis sollten vor der Kamera Platz nehmen und dort eine Minute lang verweilen. Mehr zusätzliche Informationen bekamen die Protagonisten nicht. Man sieht zwar keine Promis wie bei Andy Warhol – als Hommage auf dessen weltberühmte „Screen Shots“ war dieses Projekt angedacht – und es trinkt bei ihm auch niemand Bier oder putzt sich die Zähne. Trotzdem ist es spannend zu verfolgen, dass beispielsweise keiner der Gefilmten zu sprechen oder zu agieren beginnt. Aber alle versuchen auf ihre Weise, dem Blick der Kamera standzuhalten.
Den Höhepunkt der Ausstellung bilden die zwei im letzten Raum gezeigten Arbeiten, die sich explizit mit der Transformation der Metropole Berlin beschäftigen. „Am Rand“ (1991) und „Am Rand - Revisited“, letzterer ein Film, der extra für den n.b.k. entstanden ist. Hier sucht der Regisseur erneut die Orte auf, wo er kurz nach der Wende im ehemaligen innerstädtischen Mauerbereich gedreht hat. Die beiden Filme werden parallel präsentiert und machen nachvollziehbar, wie und wo sich die massiven Bebauungen und Verdichtungen im Stadtraum vollzogen haben. Stadtgeschichte als Zeitgeschichte, hierzu muss man dieselbe Perspektive einnehmen. Spätestens nach dem Betrachten dieser beiden Filme beginnt man den städtischen Raum, der uns häufig so unbeachtet umgibt, genauer in den Blick zu nehmen.
Die Ausstellung zeigt darüber hinaus Begleitmaterial zu den einzelnen Filmen, Recherchefotos, Notizen etc.. Sie erweitern das Feld, so dass es insgesamt viel zu sehen und zu entdecken gibt. Außerdem sind im Kino Arsenal ab Samstag den 15. Juni bis Anfang August sämtliche Filme Thomas Arslans zu sehen, und es gibt eine Preview von „Verbrannte Erde“ am 16. Juni, in Anwesenheit des Regisseurs.
Ausstellungsdauer: 8.6. – 4.8.2024
Neuer Berliner Kunstverein
Chausseestrasse 128/129
10115 Berlin
www.nbk.org







