Anzeige
me

Berlin Daily 09.05.2021
Labore des Zusammenlebens

18 Uhr: Lecture Performance "Truhtifiction" von Arne Vogelgesang+Gespräch zwischen Nicola Gess und Arne Vogelgesang. Wie umgehen mit umkämpften Wahrheiten in der Informationsgesellschaft?
Livestream

Wimper und Kniescheibe - John Bocks absurdes Theater in der Berlinischen Galerie

von Inge Pett (19.08.2017)
vorher Abb. Wimper und Kniescheibe - John Bocks absurdes Theater in der Berlinischen Galerie


John Bock, Da-Dings-Da ist im Groß-Da da weil der Wurm im Moby Dick wohnt, 2014, Video, 25 Min., © John Bock, Courtesy Sprüth Magers

„War eine Superzeit“, lobte John Bock den Direktor der Berlinischen Galerie, Thomas Köhler. Am 24. Februar eröffnete in dessen Museum die Ausstellung „John Bock. Im Moloch der Wesenspräsenz“. Dabei war es für den Hausherrn sicher nicht einfach, dem Künstler bedingungslos zu vertrauen, denn nicht von ungefähr ist dieser berühmt-berüchtigt für seine unorthodoxen Installationen, die ein Museum schon mal ins Wanken geraten lassen können - durchaus nicht nur im sprichwörtlichen Sinne.

So hatte Block bereits 1999 im Kunstmuseum Wolfsburg eine Installation in den Hohlräumen der Ausstellungswände geplant, was aus baustatischen Gründen heikel war. Daraufhin behalf er sich mit einer tierischen Installation. Die Hauptrollen waren einem Huhn und einer Schildkröte zugedacht, was wiederum empörte Tierschützer auf den Plan rief. Nein, langweilig wird es nicht mit John Bock. „Regeln überschreiten“ lautet das Credo des 1965 geborenen und auf einem Bauernhof aufgewachsenen Bildhauers, Zeichners, Autors, Aktionskünstlers und Filmemachers. Dazu zähle es eben, die Durchgänge in einem Museum zu blockieren, Störmomente einzubauen.

So gesehen kommt Köhler glimpflich davon, darf sich vielmehr über eine „Freakshow, Bühne, Versuchslabor und Kino zugleich“ freuen - die erste große Museumsausstellung des international renommierten Künstlers. Bock genießt es offensichtlich, seine Arbeiten der letzten fünf Jahre in Berlin auszustellen: „Zuhause ist man immer mehr gefordert“, betont er.

Bereits den Ausstellungstitel darf sich der Besucher auf der Zunge zergehen lassen, weiter geht der rhetorische Reigen mit Werktiteln wie „Da-Dings-Da ist im Groß-Da-da weil der Wurm im Moby Dick wohnt“ von 2014 oder „Große Erscheinung der ins Licht getretenen TRIEBKREATUR“ von 2014.

Es ist ein äußerst bizarrer, teils verschreckender und klaustrophobischer visueller und akustischer Kosmos, der sich dem Besucher der Berlinischen Galerie auftut. So in der Installation „Der Pappenheimer“, an der sich auf weißem Untergrund der Bügel einer Brille mechanisch hebt und senkt wie die Beine einer Dame bei der Schenkelgymnastik. Etwas unterhalb hat Bock einen Kugelschreiber montiert, dessen Spitze rhythmisch raus- und wieder reingleitet und den Besucher zum Grinsen verleitet. Der Künstler selber liebt diesen Einfall. „Das ist einer dieser Glücksmomente, wie sie nur alle zehn Jahre vorkommen – und durch Sonne“.



John Bock, Cowwidinok, 2013, Video, 82:30 Min., © John Bock, Courtesy Sprüth Magers, Foto: David Schultz

Sinnlich oder komisch? Klamaukig oder hochintelligent? So genau kann man das nie sagen. Auch nicht bei der blauen Tüte, die sich aufbläht, zusammenfällt, aufbläht. Als „lustvolles Feiern des Absurden“ bezeichnet Kuratorin Stefanie Heckmann die Ausstellung, der die Zusammenarbeit mit dem Künstler sichtbar Freude bereitet hat. „Es ist, was es nicht ist“, so der Künstler.

Erbse und Stuhl können im Kosmos von John Bock ebenso selbstverständlich aufeinandertreffen wie Wimper und Kniescheibe. In unserer Dependenzenwelt sehe man nicht mehr den Freiheitsbegriff, so der Künstler, auf dessen Sprache und Metaphern - im rasanten Tempo entwickelt - man sich erst einmal einhören muss. Was ist Ironie, was hingegen todernst? Es ist ein riesiges absurdes Theater, das Bock heraufbeschwört, eine interdisziplinäre Fortsetzung der Experimente Samuel Becketts oder Eugène Ionescos unter Einbeziehung der Neuen Medien.



John Bock, Escape, 2013, Video, 7:30 Min., © John Bock, Courtesy Sprüth Magers, Anton Kern Gallery / Gió Marconi Gallery / Regen, Projects / Sadie Coles HQ, Foto: David Schultz

Nicht selten bleibt dem Besucher das Lachen im Halse stecken wie etwa in der Killergeschichte, in der der Verfolger seine Gedärme aus dem Leib holt, mit ihnen redet, um dann damit den Verfolgten zu erwürgen. Einer Wurstkette gleich baumeln diese Gedärme an der Windschutzscheibe eines Auto vis á vis der Leinwand.

In seinen Filmen arbeitet Bock mit namhaften Schauspielern wie Lars Eidinger, denen Bock am Vernissageabend eine Rolle zuschreibt. Sowohl auf der Leinwand als auch im Publikum vertreten, kann es so zu einer Doppelung kommen, ebenso wie Bocks „Quasi-Ich“ aus Holz, von einer Schauspielerin zersägt wurde, während der Künstler selber sich ein paar Meter entfernt handwerklich beschäftigt.

„Wenn ich zu viele Filme gemacht habe, suche ich wieder den Kontakt zu den Rezipienten“ erklärt Bock. „Ich knete Köpfe und packe sie in Becher und verschenke sie, ein ruhiges Laissez-faire“. Damit das Laissez-faire den Besucher nicht langweilt, liegen neben dem Knetenden diverse Essiggurken in zusammengerollten Socken - „ein kleines erotisches Element fürs Auge“.

Ausstellungsdauer: 24.02.–21.08.2017

ÖFFNUNGSZEITEN
Mittwoch–Montag 10:00–18:00 Uhr
Dienstag geschlossen

BERLINISCHE GALERIE
Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Stiftung Öffentlichen Rechts
Alte Jakobstraße 124–128
10969 Berlin
www.berlinischegalerie.de

Inge Pett

weitere Artikel von Inge Pett

Newsletter bestellen




top

Titel zum Thema :

berlin daily (bis 16.5.2021)
berlin daily mit ausgewählten Tagestipps zu Veranstaltungen rund um die zeitgenössische Kunst in einer wöchentlichen Vorschau:

Movement Research | Testplatz Wedding
OPEN CALL: Bis 17. Mai werden für das Open Call basierte Projekt Movement Research | Testplatz Wedding acht performative Projekte gesucht, ...

Filmfestival artspringnale
Im Rahmen des artspring berlin Kunstfestivals: Filmfestival artspringnale - Screening ist am 7. Mai um 18 Uhr.

Jeans-Dance am Straßenmast: Sofia Hultén in der Galerie Daniel Marzona
Ausstellungsbesprechung: Sofia Hultén bringt Hosen zum Tanzen, reißt Baggern Zähne aus, offenbart den phallischen Charakter der Drainagerohre und verwandelt Toilettenkabinen in scherenschnittartige Gartenskulpturen, die wie Pergola-Hütten anmuten.

Förderung für Projekträume und -initiativen ausgeschrieben
Ausschreibung: Die Senatsverwaltung für Kultur und Europa vergibt, vorbehaltlich der Freigabe der Haushaltsmittel, ab 2022 eine zweijährige Basisförderung für Projekträume und -initiativen im Bereich Bildende Kunst.

Von der Erotik des Objekts. Giuseppe Desiato in der Galerie Isabella Bortolozzi
Ausstellungsbesprechung: Ein Nylonstrumpf erstreckt sich über einen nackten Körper, im oberen Eck funkelt ein diamantenes Schmuckstück. Devotionalien, Erinnerungen und Doppeldeutigkeiten zieren die großformatigen Fotoarbeiten Giuseppe Desiatos.

berlin daily (bis 9.5.2021)
Hier sind unsere Tipps für die Woche zu Veranstaltungen rund um die zeitgenössische Kunst:

Open Call: Vonovia Award für Fotografie 2021
Bis 30. Juni 2021 können FotografInnen und KünstlerInnen ihre Fotoserien zum Thema ZUHAUSE einreichen. Der Fotowettbewerb richtet sich an Profi- und NachwuchsfotografInnen und zählt mit 42.000 € Preisgeld zu den höchstdotierten Fotopreisen in Deutschland.(Sponsored Content)

Der Raum als Blob. Thomas Zipp in der Galerie Guido W. Baudach
Interessantes vom Gallery Weekend Berlin: Thomas Zipp. Response to Transient and Steady State Flickering Stimuli

artspring berlin Kunstfestival - 7. Mai - 6. Juni 2021
Unter dem Motto SIGNALE! lässt sich im Rahmen des Kunstfestivals artspring spots den ganzen Mai die Vielfältigkeit der Kunst- und Kulturproduktion in Pankow, Prenzlauer Berg, Weißensee über erleben: Ausstellungen, Konzerte, Performances, ... (Sponsored Content)

Unsere Empfehlungen zum Gallery Weekend Berlin
Diese Woche wurde noch gezittert, doch der Inzidenzwert liegt in Berlin weiterhin unter 150. Soll heißen, das Gallery Weekend findet statt und mit ihm viele Kunstevents.

Studienpreis des Landesdenkmalamtes Berlin
Kurzinfo: Zum ersten Mal wird bundesweit mit dem Studienpreis des Landesdenkmalamtes Berlin ein Preis eines Landesdenkmalamtes verliehen. Der Preis würdigt und fördert die Beschäftigung an Universitäten und Hochschulen mit der Berliner Denkmallandschaft.

WOLF VOSTELL VIRTUAL GALLERY
Wolf Vostell (1932-1998) - Wegbereiter der Dé-collage und Verwischung, Happening Künstler, Videokunst Pioneer, Maler, Grafiker und Bildhauer, Mitbegründer von FLUXUS. Freund der NO!art. (Sponsored Content)

Das Lonka Projekt: Ein fotografisches Denkmal für die Holocaust-Überlebenden
Besprechung: Aus einer Privatinitiative entwickelte sich eine weltumspannende Aktion. Ihr Ergebnis ist ein einmaliges Dokument, das die Überlebenden des die Holocaust würdigt.

berlin daily (bis 2. Mai 2021)
Viele Kulturinstitutionen mussten wieder schließen, trotzdem gibt es einiges zu sehen und zu hören. Hier sind unsere Tipps für die Woche.

Presse: Leistungsschau ohne Messekorsett von Christian Herchenröder / 07.09.2008

Presse: Zurück in die Zukunft von UTE THON, BERLIN / 05.09.2008

Presse:

Presse:

Presse: „Eigentlich suche ich noch ein ausgestopftes Krokodil“ Catrin Lorch / FAZ (06.12.05)

Presse: Mahrem ñ Anmerkungen zum Verschleiern bei Tanas Berlin
Katrin Bettina Müller / TIP (30.6.08)

Presse: Mahrem ñ Anmerkungen zum Verschleiern Claudia Wahjudi / Zitty (02.07.2008)

Presse: Es werde Lichtbild Nicola Kuhn / Tagesspiegel (4.7.2008 )

Presse: Was bleibt am Ende übrig? Marcus Woeller / TAZ (12.7.08)

Presse: Citizen Koons Jörg Heiser/Frieze/11.08

top

zur Startseite

Anzeige
Responsive image

Anzeige
vonovia award-teilnahme

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Galerie Villa Köppe




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Haus am Lützowplatz




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
GEDOK-Berlin e.V.




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Verein Berliner Künstler




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Haus am Lützowplatz / Studiogalerie




© 1999 - 2020, art-in-berlin.de Kunstagentur Thomessen Hartlieb-Kühn GbR.