Anzeige
Boris Lurie

logo art-in-berlin.de
Berlin Daily 19.04.2024
Performance von WILD ACCESS

21 Uhr: im Rahmen der Ausstellung »in mir draußen« mit Rike Scheffler | Nail Do?an Bärenzwinger | Im Köllnischen Park | Rungestr. 30 | 10179 Berlin

Die Aneignung der Steine. Lucy Ravens Film-Installation in der Neuen Nationalgalerie

von Maximilian Wahlich (20.04.2024)


Die Aneignung der Steine. Lucy Ravens Film-Installation in der Neuen Nationalgalerie

Lucy Raven, Ready Mix, Ausstellungsansicht Neue Nationalgalerie, 10.2.-21.4.2024 © Courtesy die Künstlerin und Lisson Gallery / Dia Art Foundation / Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Der obere Ausstellungsraum der Neuen Nationalgalerie ist ein riesiges Foyer. Edle Materialien wie Granitfußboden, Marmorsäulen und Glaswände zeigen, prunken, repräsentieren. Der Raum ist offen und verbindet das Innen und Außen. So dehnt sich die Ausstellungsfläche bis an den Rand der Terrasse. Dort geht es einige Dutzend Meter in die Tiefe der Baugrube für das berlin modern, eines von Berlins Neubauprojekten.
Mitten in der Halle befindet sich eine große Leinwand. Zu sehen ist Lucy Ravens (*1977 in Tucson, Arizona, USA) 45-minütige Videoarbeit "Ready Mix" (2021). Das Licht fällt sanft – der Raum ist hell und das Video scharf. Dieser Ort würde sich auch bestens als Kinosaal eignen. Die Aufenthaltsdauer gestaltet sich gut, die meisten Menschen schauen den ganzen Film.

Es raucht Staub. Ohrenbetäubendes Rauschen. Tausende von Steinen knallen auf ein Sieb. Sie rasseln wie Tropfen auf ein Feld. Fließbänder transportieren Steinberge durch Waschanlagen. Maschinen reinigen, zermalmen, sortieren. Sie vibrieren hektisch, rottern unentwegt, ruhelos. Sie sind laut und schwer mit massiven Armierungen, Schrauben, Stahlbehältern. Die Geräuschkulisse ist laut. Der Ton und die streng komponierten Bilder scheinen wie in einer Montage zusammengesetzt.
Die Bilder erinnern an abstrakte Gemälde: Aus der Luft sind große Lastwagen zu sehen, die Steine abtragen und abkippen - ihre Container entleeren das feuchte, dunkle Geröll auf eine trocken staubige Halde. Reifenspuren ziehen sich wie breite Pinselspuren durch den hellgrauen Fond. Die Motive sind ruhig – klare Linien, starke Kontraste und ins Auge springende Details spicken monotone Flächen: Stein für Stein wird vor der Kamera eine Mauer aufgeschichtet, bis auf einen kleinen Ausschnitt, durch den wir hinter der hochgezogenen Mauer einen Traktor fahren sehen. Monotones Fugenraster wird zur handwerklichen Schönheit. Oberflächen werden aufgeraut, geglättet und weich, zerschlagen und kantig. Das alles in grau, schwarz und weiß. Zement verteilt sich, wird porös und mit Wasser glatt gestrichen.

Responsive image
Lucy Raven, Ready Mix, Ausstellungsansicht Neue Nationalgalerie, 10.2.-21.4.2024 © Courtesy die Künstlerin und Lisson Gallery / Dia Art Foundation / Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Lucy Ravens „Ready Mix“ ist anlässlich der Grundsteinlegung auf der Baustelle nebenan zu sehen, auf der der neue Museumsbau für die Kunst des 20. Jahrhunderts entsteht. Viele Bauwerke sind noch heute von den Architekturen der Moderne geprägt. Ein Beispiel für diesen Stil ist die Neue Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe entworfen. Der Architekt machte eine Ausbildung als Steinmetz und entwickelte ein Gespür für edle Materialien. Der Film porträtiert die Bergung und Herstellung von Baumaterialien für eine Architektur der Moderne. Im Foyer der Neuen Nationalgalerie, das wiederum von einer hohen Wertigkeit an (steinernen) Materialien zeugt, wird das Material schließlich zum Hauptdarsteller. Die Steine bearbeiten sich, passiv – ohne Menschen.
Gedreht wurde der Film in einem Beton- und Kieswerk in Bellevue/Idaho, USA. In dem Film treten nur selten Menschen auf: meistens sind sie anonymisiert als Traktorfahrer*innen, mal ist eine Hand zu sehen, dann wieder ein Hosenbein. Der Ort ist unwirtlich und scheint beinahe ausgestorben. Hier könnte auch die Kritik an der Neuen Sachlichkeit greifen: Einst Maschinenliebe und Ästhetisierung von Arbeitsbedingungen, nun ein Kult um das Material.

Wir haben die Begrenztheit unserer Ressourcen erkannt und nun schauen wir nochmal ganz genau hin. Auffällig ist, dass gegenwärtig mehrere künstlerische Arbeiten um das Material als Baustoff kreisen: Der Gewinner des Wettbewerbs „Kunst am Bau“ für das neue Bauhaus-Archiv setzt sich mit dem verbauten Beton, Glas und Holz auseinander. In der Akademie der Künste wurde erst kürzlich eine Ausstellung zu nachhaltigem Bauen gezeigt, in der das Material des Bauwerks auf seine restauratorischen Herausforderungen und seine Klimaneutralität hin untersucht wurde.
Ravens Film ist ein weiterer Beitrag in dieser Reihe. Allerdings bleiben in dieser Filmarbeit die klimatischen und sozialen Bedingungen weitgehend unsichtbar. Ravens Film ergötzt sich an einem Material und seiner Herstellung, bleibt dabei rein und sauber aufgeräumt - damit ja kein Partikelchen Staub auf die Kunstwerke rieselt. Trotz dieser Kritik ist die kunstvoll sortierte Bildsprache ein gelungener Kontrast zum Berliner Baugeschehen.

Schwarz-Weiß-Video
Quadrophonie-Sound, Bildschirm aus Aluminium / Sperrholz und Sitzstruktur aus Aluminium
45 Minuten
Regisseurin und Editorin: Lucy Raven

Lucy Raven
10.02.2024 bis 21.04.2024
Neue Nationalgalerie
Potsdamer Straße 50
10785 Berlin

www.smb.museum


Maximilian Wahlich

weitere Artikel von Maximilian Wahlich

Newsletter bestellen




top

Titel zum Thema Neue Nationalgalerie:

Die Aneignung der Steine. Lucy Ravens Film-Installation in der Neuen Nationalgalerie
Nur noch bis morgen.
--> Besprechung

Die Neue Nationalgalerie ist wieder sichtbar
Kurzinfo: Am 29. April 2021 ist die Schlüsselübergabe vorgesehen, anschließend folgen Tage der Offenen Tür. Doch schon jetzt ist Stahl- / Glaskonstruktion der Neuen Nationalgalerie wieder sichtbar.

>Barons´ Hill< Pavel Braila in der Neuen Nationalgalerie
Ein Boden aus Gold und eine Sonate von Bach, dazu sechs Videoprojektionen, die in langsamen Kamerafahrten Architekturfragmente und Teile einer dekorreichen Innenausstattung zeigen. Pavel Brailas Arbeit >Barons´ Hill< veredelt die obere Halle der Neuen Nationalgalerie ...

Melancholie - Ausstellung erfolgreich zu Ende gegangen
Nach knapp 4 Monaten Ausstellungszeit hat die Ausstellung "Melancholie. Genie und Wahnsinn in der Kunst" in der Neuen Nationalgalerie am Sonntag, den 7.5.06, ihre Tore geschlossen.

Christina Weiss im Vorstand des Verein der Freunde der Nationalgalerie
Am 3.4.06 wurde die ehemalige Staatsministerin für Kultur und Medien, Christina Weiss, einstimmig in den Vorstand des Vereins der Freunde der Nationalgalerie gewählt.

Edle Gefühle und hehre Kunst
In Paris war sie eine Sensation und wurde von über 300.000 Besuchern gesehen: die Ausstellung "Melancholie. Genie und Wahnsinn". Jetzt wird sie - größer und umfangreicher - in Berlin in der Neuen Nationalgalerie gezeigt: "Melancholie bei Mies" wie Dr. Peter-Klaus Schuster bemerkte.

Carsten Nicolai in der Neuen Nationalgalerie (25.02.-03.04.05)
Ausstellungstipp: Unter dem Titel " syn chron. Architektonischer Körper als Interface. Raum. Licht. Ton hat Carsten Nicolai hat für die obere Halle der Neuen Nationalgalerie ...

Content - Rem Koolhaas "OMA AMO" - Neue Nationalgalerie

Das MoMA in Berlin
Das MoMA in Berlin - Meisterwerke aus dem Museum of Modern Art, New York

Neue Nationalgalerie - Content


Kunst in der DDR. Eine Retrospektive der Nationalgalerie
Ausstellungshinweis. . .
(Einspieldatum: 24.7.03)

Armani - Neue Nationalgalerie (bis 13.07.03)
Die Ausstellung Giorgio Armani in der Neuen Nationalgalerie wurde vom Solomon R. Guggenheim Museum in New York organisiert und war dort bereits im Jahr 2000 (Einspieldatum: 9.05.2003)

Neue Nationalgalerie Berlin / Keith Sonnier Ba-O-Ba Berlin


Neue Nationalgalerie | Korrespondenzen - Antithesen | Berlin


Preis der Nationalgalerie für junge Kunst vergeben

Presse: Deutsche Künstler abseits von Ost-West-Mustern Carsten Probst/Deutschlandfunk (14.11.2011)

Presse: Alles sehr nackt Hanno Rauterberg | Zeit Online (22.11.2011)

Presse: Gesamtdeutsche Kunst Roland Mischke/Main Post (24.11.2011)

top

zur Startseite

Anzeige
Magdeburg unverschämt REBELLISCH

Anzeige
Responsive image

Anzeige
SPREEPARK ARTSPACE

Anzeige
artspring berlin 2024

Anzeige
Alles zur KI Bildgenese

Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
a.i.p. project - artists in progress




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
ifa-Galerie Berlin




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Haus am Lützowplatz




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Kommunale Galerie Berlin




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Der Divan - Das Arabische Kulturhaus




© 1999 - 2023, art-in-berlin.de Kunstagentur Thomessen Hartlieb-Kühn GbR.