Aus allen Jahrhunderten kommen unvollendete Kunstwerke. Doch kann man darüber streiten, ob Michelangelo, Schubert oder Cézanne absichtlich fragmentarisch arbeiteten oder mittendrin einfach keine Lust mehr hatten. Allerdings wurde das Unvollendete spätestens mit Goyas Grafik auch zum wichtigen ästhetischen Prinzip: Der Betrachter muss für sich das Kunstwerk selbst vollenden. Die Ausstellung des Kunstfestivals transmediale.07 in der Akademie der Künste, das in diesem Jahr unter dem Motto "unfinish!" steht, versammelt 11 zeitgenössische Kunstwerke internationaler Künstler. Gerade im Bereich der neuen Medien spielt der Prozess der Vollendung, bzw. Nicht-Vollendung eine elementare Rolle: Interaktive Installationen lassen ein Kunstwerk immer wieder anders aussehen, Videos können unendlich oft hintereinander laufen, das Internet befindet sich in einem ständigen Veränderungsprozess.

Bezieht man den Titel der Ausstellung auf Aram Bartholls Objekt "Random Screen" (Abbildung), so kann man hier genauer von einer Art Rück-Übersetzung sprechen: Auf einem 5x5 Bildfelder großen Screen blinken die Pixel. Ein Blick in die offene Rückseite des Kastens zeigt jedoch keine computergesteuerten Glühbirnen oder LEDs, sondern überraschenderweise normale Teelichter, über denen locker zerschnittene Bierdosen hängen und deren Hitze die Dosen nach dem Prinzip einer Weihnachtspyramide antreiben. Die Dosen besitzen auf der Seite eingeschnittene Löcher, durch die das Kerzenlicht fällt. Die 25 Felder der Vorderseite blinken je nach Drehgeschwindigkeit der Dosen in unterschiedlichen Intervallen. Durch diese spielerische Übersetzung ins Analoge wird deutlich, wie sehr die digitale Darstellungsart von Bildern bereits unsere Gegenwart bestimmt.

Die Ausstellungsteilnehmer Antoine Schmitt, Herwig Turk und Günter Stöger sind ebenfalls auf der Suche nach den ästhetisch-künstlerischen Qualitäten moderner Alltagsphänomene: Schmitt, der mit der Installation "Still Living" (Abbildung) für den transmediale-Award nominiert wurde, zeigt auf vier Bildschirmen farbige Diagramme, Balken und Kurven in ständiger Bewegung. Achsen und Sektoren bleiben jedoch unbezeichnet und eröffnen so einen großen Assoziationsspielraum. Durch die andauernden Schwankungen wird noch dazu der unfertige Charakter jeder Statistik betont. Turk und Stöger haben für ihr "Setting 04_2006" den performativ-tänzerischen Charakter alltäglicher Laborarbeit entdeckt: In ihrem Video wiederholen die Hände einer Wissenschaftlerin an einem weiß gefliesten, vollkommen leeren Labortisch die Bewegungen ihrer Arbeit.

Mit jedem neuen Ausstellungsbesucher verändert sich David Rokebys beängstigend reale interaktive Video-Installation "Taken": Die Besucher werden von Kameras aufgenommen, ihr Bild wird zusammen mit den Aufnahmen früherer Besucher in einer großen Projektion gezeigt, während auf einer zweiten Fläche die realen Gesichter, einem überdimensionalen Fahndungsfoto ähnelnd, nebeneinander an die Wand geworfen werden. Das Bild eines Überwachungsstaates, der sich moderner Technik bedient, wird noch düsterer, wenn in der Installation den Gesichtern mittels Schrifteinblendungen willkürlich Charaktereigenschaften zugeordnet werden, ohne dass man sich dagegen wehren könnte.

Jedes der ausgestellten Kunstwerke zeigt einen eigenen, mal mehr mal weniger deutlich erkennbaren Bezug zum Thema des Festivals. Und auch wenn die hauseigene Klimaanlage die Komposition der Klangkünstler Deupree und Chartier übertönt oder Christoph Sorges von On Kawara beeinflusste Installation "Sorge und Kapitalismus" in einem Nebengang abgestellt ist, bekommt man einen nachhaltigen Eindruck moderner Medienkunst, die das Unvollendete nicht wie die Klassiker Michelangelo, Schubert oder Cézanne wortwörtlich nimmt, sondern als Idee und Denkfigur hinter dem Kunstwerk.

Abbildung:
Aram Bartholl (de) - "Random Screen"
transmediale.07 - Installation

Antoine Schmitt (fr) - "Still Living"
transmediale.07 - Installation
Nominierung für den transmediale Award

transmediale.07 - "unfinish!"
31.01.2007-04.02.2007

Öffnungszeiten: täglich 10-21 Uhr

Akademie der Künste
Hanseatenweg 10
10557 Berlin-Tiergarten

www.transmediale.de