Halbnackt sitzt er da auf seinem Sockel, der kleine Affe, und macht einen ziemlich zerzausten und mitgenommenen Eindruck. John Isaacs wächserner "Monkey"-Skulptur ist der Großteil ihres Fells abhanden gekommen, die spärlichen Büschel stehen wild und ungeordnet ab, wie gerupft sieht das aus. Der Verwandlungsprozess in Richtung Mensch scheint dem Affen nicht gerade Spaß zu machen, er wirkt ganz und gar betrübt. Die nächste Spritze hält er schon in der Hand, vielleicht die letzte? An allen vier Extremitäten wurden der Kreatur menschliche Hände angesetzt, die allerdings nicht recht passen wollen, zu künstlich und glatt sind sie, und der Körper scheint ja allemal nicht damit klar zu kommen.
Isaacs Versuchstierchen, unschlüssig auf der Zwischenstufe zwischen Mensch und Tier, ist eines jener Mischwesen, denen man im Ausstellungsprojekt Tier-Werden, Mensch-Werden in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) begegnet. Hier werden Auflösungs- und Werdensprozesse animalischer und menschlicher Identitäten verhandelt – auf humorvolle und oftmals spielerische Weise. Identitäten, eben auch die menschliche, werden von den teilnehmenden Künstlern verflüssigt, dynamisch gestaltet und als artübergreifende Performance dargestellt. In der engen Zusammenarbeit mit Tieren erscheint so auch die menschliche Identität weniger klar umrissen, eindeutig oder gar überlegen.

Iris Schiefersteins „Hubby III“, ein zartrosanes androgynes Elfenwesen mit Hufen, Stummelschwänzchen und Flügelfäden steht in sich gekehrt in einer Ecke. Vielleicht ist Hubby ein bestraftes Mädchen, voller Scham, der langen Eselsohren wegen? Vielleicht sollte man sie aber auch einfach beneiden für ihre warmen, festen Fellstiefeletten und ihre Fähigkeit, jederzeit loszuflattern? Tier-Werden, Mensch-Werden bedeutet Neugier auch auf nicht-menschliche Eigenschaften. Und auch Tieren wird viel zugetraut: Elefanten zeichnen nicht nur gerne mit Stöckchen in den Sand. Das russische Künstlerduo Vitaly Komar und Alexander Melamid brachte ihnen ab 1995 in einem inzwischen beendeten Projekt zudem das Malen von Bildern bei, mit deren Erlös seitdem in Thailand ein Elefantenschutzprojekt finanziert werden kann. In künstlerischen Projekten wie diesem werden Tieren Aufgabenfelder überlassen, zu deren Bewältigung eigentlich menschliche Fähigkeiten erforderlich wären. Durch das „Mensch-Werden“ der Tiere, die die Aufgaben meistern, geraten die Zuschreibungskriterien für genuin menschliche oder animalische Eigenschaften ins Wanken.

Catherine Bell verwischt ganz konkret die Grenzen zwischen menschlichem und tierischem Körper durch den Austausch von Körperflüssigkeiten. Die Videoprojektion zeigt die Künstlerin 2006 in einem Haufen Tintenfische sitzend. Nach und nach saugt sie die Sepia aus 40 glitschigen Tieren, bis sich die helle Haut, die blonden Haare und die Kleidung der Künstlerin dunkel einfärben. Mit dieser Tortur imitiert Bell die Strategie des Tintenfisches, sich in der Sepiawolke aufzulösen und unsichtbar zu machen. Sie nutzt diese Fähigkeit für ein Trauerritual: als Reaktion auf den schmerzlichen Verlust eines nahestehenden Menschen hilft nur der Rückzug in die Dunkelheit. Kathy High schlägt den umgekehrten Weg ein. Die Gedenkstätte, die sie für ihre transgenen Ratten Matilda, Tara und Star errichtet hat, erstrahlt im Licht und verschafft den anonymen Versuchstieren Öffentlichkeit. Die Ratten wurden für Forschungen über menschliche Krankheiten mit menschlicher DNA versehen. Kathy High hat drei dieser Tiere aus einem Labor gekauft und sie mit alternativen Heilmethoden zu behandeln versucht. Auf dem Denkmal werden sie für ihre Verdienste in der Labormedizin geehrt.

Neue Gesellschaft für Bildende Kunst e.V.
Oranienstraße 25
10999 Berlin
ngbk.de
Öffnungszeiten: ACHTUNG! NEU AB 2009:
Täglich 12 - 19 Uhr, Do - Sa bis 20 Uhr

Kooperationen:
Tierperspektiven
Georg-Kolbe-Museum (GKM)
Sensburger Allee 25 14055 Berlin
georg-kolbe-museum.de
Ausstellungsdauer: 26.4. - 21.6.2009

Tierperspektiven
Projektraum Souterrain (Sammlung Hoffmann)
Sophie-Gips-Höfe
Sophienstraße 21
10178 Berlin
souterrain-berlin.de
Ausstellungsdauer: 29.5. - 28.6.2009

Filmreihe
Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V.
Potsdamer Straße 2
10785 Berlin
arsenal-berlin.de