Wissen ist Macht, aber wer bestimmt, welches Wissen eigentlich gemeint ist?
Wissen hat im Deutschen keinen Plural.
Also, müssen wir uns einigen, oder: Mächtige Menschen entscheiden, ihr Wissen ist wertvoll.
Absurd, weil: Wissen ist relativ. Wir wissen alle etwas und oft ist Wissen nur ein Knäuel von Widersprüchen.
In Widersprüchen wissen wir. Ist die Wahrheit dann per se paradox?
Die Ausstellung „die Wissen“ ist aus der Tiroler TAXISPALAIS Kunsthalle nun in der neuen Gesellschaft für bildende Kunst in Berlin zu sehen. Passenderweise wird bereits im Titel der grammatikalische Kniff „das“ Wissen in den Plural gesetzt, thematisiert von den Künstler*innen Nooshin Askari, Hiwa K, Michelle & Noel Keserwany, Elif Saydam, Vina Yun mit Moshtari Hilal.
Wissen ist attraktiv, weil es auch Deutungsmacht hat. Die Deutungshoheit haben dann jene, die zum Beispiel an der Universität arbeiten. Haben jene, die ein Buch geschrieben haben. Jene, die lesen. Bestimmte Orte binden und repräsentieren Wissen. Dazu gehören Orte der Hochkultur, aber auch Archive oder Labore.
Genau diesen Orten widmet sich Elif Saydam. Das erste Werk am Eingang ist ein Vorhang und grenzt den eigentlichen Ausstellungsraum ab. Der Vorhang besteht aus zusammengehefteten transparenten Folien, die bedruckt sind. Er spielt mit dem ikonografischen Zwitterwesen, etwas zu verhüllen und zugleich zu markieren, dass etwas dahinter liegen muss. Der Vorhang wirkt wie eine sanfte Triggerwarnung: Achtung, hinter der Grenze wird Wissen verbildlicht. Achtung, hier befindet sich ein potentieller Raum mit Deutungsmacht.

Eine andere Institution neben dem Kunstraum ist die Bibliothek. Sie speichert Wissen auf einer Unzahl von Objekten, auf unendlich vielen Seiten sind unsere Vorstellungen, Ideen und Erklärungsmodelle abgelegt. Saydam imaginiert auf einem DIN A4-großen Gemälde eine Bibliothek als dritten Ort, an dem Begegnung und eine freundliche Atmosphäre vorherrschen. Auf dem Bild wird die Berliner Staatsbibliothek am Potsdamer Platz mit fein ornamentalen Blüten überwuchert. Die schnörkeligen Gewächse gleichen kitschigen Vignetten. Die schwebenden Blumen betonen die sakrale Aura dieser Räume, stilistisch erscheint das Blumenwerk ulkig, wie ein humorvoller Seitenhieb auf das Gerippe der Popkultur.
Zwischen den unterschiedlichen Wissen entstehen Hierarchien. Überspitzt gefragt: Warum scheint das Wissen um die Anwendung eines Haarfärbemittels weniger wert zu sein als das Wissen um ein Steuerschlupfloch? Diese Wertung kann institutionalisiert werden und jeden Alltag prägen. Sie manifestiert sich über Rassismen, Sexismen und andere Formen der Diskriminierung.

Vina Yun, Homestories, © Vina Yun
Gemeinsam mit anderen Künstlerinnen erzählt Vina Yun in ihrem autobiografischen Comic "Homestories" die Geschichte der koreanischen Diaspora in Österreich. In dem ausgestellten Ausschnitt, gezeichnet von Moshtari Hilal, wird in drei kurzen Dialogen der Alltagsrassismus bei der Frage nach Zugehörigkeit und Herkunft thematisiert.
Wissen schreibt sich als Erfahrung auch körperlich ein. Michelle Keserwany und Noel Keserwany erzählen in ihrem Video "Les Chenilles" von einer Freundschaft zwischen zwei jungen Frauen, die aus der Levante nach Lyon gekommen sind – zwei Regionen, die historisch bereits über die Seidenstraße miteinander verbunden waren. In ihrer ruhigen und ästhetischen Videoarbeit erforschen sie, wie sie sich gegenseitig unterstützen können und wie das Ausdrücken des gemeinsamen Schmerzes, der nicht nur in ihren Körpern, sondern auch in der Geschichte eingeschrieben ist, in gemeinsame Stärke umgewandelt werden kann. Die von ihnen geteilte Verletzlichkeit wird so zu einem Zeichen des Widerstands und der Emanzipation.
Kuratiert von Setareh Shahbazi & Nina Tabassomi
die Wissen
Laufzeit: 16. Dezember 2023 – 18. Februar 2024
nGbK am Alex, Karl-Liebknecht-Straße 11/13, 10178 Berlin
Öffnungszeiten: Di–So 12–18 Uhr, Fr 12–20 Uhr, Eintritt frei
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