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Berlin Daily 02.02.2023
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DDR mittenaußendrin in Kreuzberg

von Maximilian Wahlich (21.09.2021)
vorher Abb. DDR mittenaußendrin in Kreuzberg

»...oder kann das weg? Fallstudien zur Nachwende: Stasisauna« © Elske Rosenfeld, Suse Weber, Wolfgang H. Scholz

Kurz nach der Wende 1991 initiierte die neue Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) unter dem Titel Außerhalb von Mittendrin ein interdisziplinäres Ausstellungs- und Veranstaltungsformat zur Nachwendezeit. Heute, dreißig Jahre später, dient der zugehörige Katalog als Anlass einer Aufarbeitung von künstlerischen Positionen, die sich im weitesten Sinne mit der DDR befassen.

Es ist schwer, die aktuelle Ausstellung ...oder kann das weg? Fallstudien zur Nachwende im nGbK zu fassen: Jede Woche verändert sich ihre Gestalt und die gezeigten Werke werden unter wechselnden Themen, sogenannten Fallstudien, anders zusammengestellt, ergänzt oder weggelassen. Die aktuell zu sehende "Fallstudie: Paradies Leerstand" gliedert sich in mehrere Bereiche, die sich tief in den Ausstellungsraum reinschieben und den Gang zum Ende hin verjüngen. Beispielsweise folgt direkt auf den Eingang ein schwarz bespanntes Eck, die sogenannte „Blackbox“. Im Begleittext steht, dass dieser Raum eine Antithese des westdeutschen „White Cube“ sein soll. Dem sterilen Warenraum steht das Unbekannte und Dunkle gegenüber. Damit mutiert die DDR zu einer ewig erweiterten Hülle (schwarz gestrichene Wände) rund um ein Ereignis (die Bühne). Ähnlich verstärkt der bekannte Wortgebrauch den mythischen Ursprung, das Rätselhafte. Die Blackbox spukt etwas aus. Unbekannt bleibt, was im Inneren der Box geschieht. So rückt die DDR ins Okkulte und Fremde. Seltsam, ist doch nach dreißig Jahren Wende von Kreuzberg aus Marzahn, der Alex oder das Berliner Umland nicht ferner oder näher als der Wannsee.

Nicht viel anders verhält es sich bei dem zweiten Einbau, dem „Greenscreen“. In diesen grünen Zellen werden virtuelle Welten geschaffen, sie bilden die plane Oberfläche für Dinosaurier, den Gollum oder Gozilla. Die Idee dahinter: Es geht um Projektionen auf auf unser ehemaliges Nachbarland, also jene zahllosen und kruden Mythen und Überlagerungen, die eine eigene Geschichte zu erzählen vermögen. Doch erscheint uns die DDR im Greenscreen nicht auch etwas irreal? Wird sie hier nicht nur als ein kurioser Sonderfall der Geschichte behandelt, den man in einem Computerprogramm erst konstruieren muss? Aber nein, die DDR gab es ja wirklich. Das war gar keine Projektion, kein Roman und auch kein Film mit kostspieligen special effects.

In der ersten Woche wurden der Eingang, der vorletzte Bereich Leerstand und das hinten liegende Depot bespielt. Das Subthema Paradies Leerstand beginnt mit einer Fotoreihe von Susanne Huth. Die Künstlerin hat die Eingänge ehemaliger DDR-Kinos porträtiert. Heute verbergen sich hinter den Türen ein Amt, eine Netto- oder Penny-Filiale. Die trostlose Entwicklung und Kommerzialisierung aller Flächen ist Thema sämtlicher Paradiese, nicht nur der sozialistischen Utopie. Sind diese arkadischen Landschaften erst einmal entdeckt, blättern sie ab, werden abgewirtschaftet, abgewickelt oder aufgeputzt und saniert. Die Kinos entwickeln sich zu nostalgischen Symbolen einer intakten Gesellschaft. War hier einst eine sozial-kulturelle Infrastruktur vorhanden, so können die Menschen heute nur noch ihr bisschen Geld für billige Lebensmittel im Discounter ausgeben. Die Utopie, das Paradies steht leer – zum Abverkauf mit Rabattetikette.
Ausschnitte dieser Arbeit beschließen auch den vorletzten Raum, wo eine Art Fotocollage von Susanne Huth und Annette Maechtel den Leerstand thematisiert. Leerstand ist für sich genommen noch nicht das größte Übel. In manchen Städten werden die billigen Flächen zum Initial für Kunst- und Sozialprojekte.

Am Ende der Ausstellung befindet sich das Depot. Ein Raum, gefüllt mit Werken, welche diese Woche noch keinen Platz gefunden haben. Hier laufen Videos einsam vor sich hin, Kunstwerke sind brav der Wand entlang gereiht. So scheint der Raum im Gegensatz zu herkömmlichen Archiven keinesfalls leblos, staubfrei, hellgrau. Teil der Dramaturgie ist, dass diese Werke allmählich aus dem Depot in die Ausstellung kommen, während andere wieder im Depot verschwinden. So wird der Missstand offenkundig, dass die getroffene Auswahl immer auch eine subjektive Entscheidung ist, welche Geschichte, welches Argument vorgetragen werden soll.

Um das Konzept gänzlich zu begreifen, erfordert diese Ausstellung regelmäßige Aufmerksamkeit. Mit einem einzigen Besuch wirkt sie halb gar, unfertig, im Ab- und/oder Aufbau befindlich. Spannend und in ihrer Komplexität werden die Ausstellungssegmente und Versatzstücke vermutlich erst, wenn alle sieben Phasen umgesetzt wurden. Diese wandelbare Ausstellungsszenografie ermöglicht thematische Vielseitigkeit. Auch die programmatischen Setzungen werfen spannende Schlaglichter. Wer in den nächsten sieben Wochen einmal vorbeikommt, der sollte sich direkt für die darauffolgenden Wochen ein Zeitfenster freihalten.


Fallstudien: »Paradies Leerstand« (16.–22. Sept), »Muttiland Revisited« (23.–29. Sept), »Marlboro Man« (30. Sept–6. Okt), »Stasisauna« (7.–13. Okt), »Depot Bilderstau« (14.–20. Okt), »Wessiwerdung« (21.–27. Okt), »Ossiwerdung« (28. Okt–7. Nov)

Beteiligte: Bakri Bakhit, Tina Bara, Nadja Buttendorf, Can Candan, Yvon Chabrowski, Harun Farocki, Rainer Görß/Ania Rudolph, Jörg Herold, Bernd Hiepe, Margret Hoppe, Susanne Huth, Wilhelm Klotzek/Peter Woelck, Silke Koch, Eric Meier, Minh Duc Pham, Andrea Pichl, David Polzin, Sabine Reinfeld, Sophie Reinhold, Elske Rosenfeld, Tucké Royale, Wolfgang H Scholz, Gabriele Stötzer, Achim Valbracht, Anna Voswinckel/Beatrice E. Stammer, Suse Weber, Anna Zett/Hermann Heisig

… oder kann das weg? Fallstudien zur Nachwende
Donnerstag, 16. September 2021 — Sonntag, 07. November 2021
nGbK, Oranienstraße 25, 10999 Berlin
Mi-Mo 12-18 Uhr, Fr 12-20 Uhr

nachwendefallstudien.de

Maximilian Wahlich

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