Berlin Daily 26.11.2020
Online-Vortrag: Wolken, Dünste, Nebel

19 Uhr: Das Atmosphärische in der Kunst. Joseph Imorde (Universität Siegen) im Rahmen der Ausstellung Die Wolken und die Wolke, Museum für Gegenwartskunst Siegen.

Grüne Kontaktaufnahme: Pflanzen gegen das Anthropozän

von Hanna Komornitzyk (11.11.2020)


Grüne Kontaktaufnahme: Pflanzen gegen das Anthropozän

Zheng Bo, Garden (Lane 62, Zhaojiabang Road), 2015, Zheng Bo, Courtesy: der Künstler; Edouard Malingue Gallery

Pünktlich zur temporären Schließung spricht Künstler und Theoretiker Zheng Bo im Rahmen seines Residenzprojekts “Botanical Comrades 植物同志” für den Gropius Bau mit den Biolog*innen Regine Hengge, Roosa Laitinen und Matthias Rillig über das politische Potenzial von Pflanzen in einer menschgemachten Welt.

Der Südplatz hinter dem Gropius Bau im August 2020: Entlang zweier schräg aufeinander zulaufenden Hochbeete wachsen Wildkräuter, Salat, Gräser und Gemüse im Akkord. Die Flächen sind anlässlich des Sommerprogramms Down to Earth auf zwei Bänken etwa in Höhe eines Bartresens angebracht – es fällt leicht, die wild durcheinander wachsenden Pflanzen auf Augenhöhe eingehend zu betrachten, ihre Merkmale zu studieren, Vertrautes zu entdecken. Für die Ausstellung Garten der irdischen Freuden nehmen Mitte 2019 Farne einen Raum des Museums ein: Umgeben von vier Monitoren scheinen sie auf Kantsteinen in Formation zu stehen. Betrachtende sind aufgefordert, ihre eigene Zeichnung der Pflanzen zu hinterlassen. An den Wänden hängen von Hand kopierte Auszüge eines taiwanesischen Leitfadens aus den 1940er Jahren, der pflanzliche Nahrungsquellen der Wildnis dokumentiert. Vier Filme laufen in Dauerschleife auf den Bildschirmen: In beizeiten hocherotischen Szenen nähern sich sechs nackte Protagonisten dem sie umgebenden Wald.

Zheng Bo stammt aus Beijing und hat sich vor einigen Jahren auf die grüne Insel Lantau vor der Küste Hongkongs zurückgezogen. In seinen Arbeiten widmet sich der Künstler nicht allein der Beziehung zwischen Mensch und Pflanzen, sondern er gesteht letzteren vielmehr eine Identität zu. Ohne ironischen Unterton macht er sie zu Akteur*innen in einer durch den Menschen bestimmten Welt: Seine Performance während der Biennale in Venedig ist eine Anleitung zu Sex mit Pflanzen, bereits zuvor definierte die fortlaufende Reihe Pteridophilia sie als aktiven Teil der eco-queeren Bewegung. Ebenso wie die Wahrnehmung von Sexualität als ein nicht-normatives und non-binäres Spektrum fordern queere Aktivist*innen eine multiperspektivische Betrachtungsweise von Ökologie. Davon ausgehend, dass eine anthropozentrische Weltsicht nicht nur der Umwelt, sondern auch dem Menschen schadet, beschäftigt sich Bo seit Beginn des Jahres 2020 als Resident Artist für den Gropius Bau mit dem politischen Potenzial von Pflanzen. Grundlage für sein Projekt Botanical Comrades 植物同志 sind Gespräche mit Wissenschaftler*innen aus Ökologie, Anthropologie und Philosophie. Vor Ort setzt eine Veranstaltungsreihe Teilnehmende, zeitlich abgestimmt auf neu beginnende Phasen des ostasiatischen Lunisolarkalenders, in einen Diskurs, der seine künstlerische Praxis weiterführt. Zeichenkurse, Leserundgänge und Workshops fordern eine Interaktion mit den botanischen Kamerad*innen, die eine Annäherung und letztendlich einen Perspektivwechsel bedingt.

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Zheng Bo, 2015, © Foto: Jiang Chao

Im Zuge der erneuten Schließung verweisen Museen und Galerien in diesem Monat auf alternative Konzepte und Perspektiven: Vielmehr als im Frühjahr haben die nun entstehenden digitalen Formate jedoch nicht den Anspruch, einen Museumsbesuch zu ersetzen. Oft bieten sie Hintergründe und neue Sichtweisen zu aktuellen Ausstellungen, sie stoßen aber auch Diskurse an, die für den Kulturbetrieb und über ihn hinaus relevant sind. So ist auch der vierstündige Livestream zur Reihe Plants Practice Politics vom 7. November nicht mit einem Besuch im Gropius Bau gleichzusetzen. Umgeben von Pflanzen spricht Zheng Bo zunächst mit der deutschen Mikrobiologin und Molekularbiologin Regine Hengge, die sich eingehend mit den Aktivitäten diverser Bakterienstämme beschäftigt hat. Den Einstieg bildet jener Fachbegriff, der laut Bo sein Interesse an Pflanzen geweckt hat: Unter quorum sensing wird die Fähigkeit von Einzellern beschrieben, mittels chemischer Kommunikation die Zelldichte einer Population zu messen. Sie können so bestimmte Gene beliebig ein- und ausschalten. Hengge erklärt, dass es in wissenschaftlichen Kreisen erhebliche Diskussionen zu diesem Begriff gab, der eigentlich aus dem Bereich der Politik stammt – es sei aber gerade dieser Tatsache geschuldet, dass sich quorum sensing für den Informationsaustausch von Bakterien durchsetzte und über die Fachpresse hinaus verbreitete. Hengges Einwurf verdeutlicht ein wichtiges Prinzip, auf dem auch ein Großteil von Zheng Bos künstlerischer Praxis basiert: Persönlicher Bezug – der einen erheblichen Einfluss darauf hat, welche Relevanz wir einem Thema beimessen und wie sehr uns dieses berührt – kann durch eine allgemein gültige und zugängliche Sprache entstehen.

Im Laufe des Gesprächs zwischen Hengge und Bo werden immer mehr Bezüge zwischen Kunst, Gesellschaft und Wissenschaft sichtbar: Auch Soziologe Bruno Latour, dessen Akteur-Netzwerk-Theorie bereits Ausgangspunkt für das Sommerprogramm des Gropius Baus war, wendet sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit immer mehr der Biologie zu. Laut Latour besteht die Hauptaufgabe des Menschen im 21. Jahrhundert darin, sich wieder in bestehende Ökosysteme zu integrieren. Roosa Laitinen, ihrerseits Arbeitsgruppenleiterin für Molekulare Mechanismen der Anpassung von Pflanzen am Max-Planck-Institut, erklärt, wie sich die gleichen Pflanzengattungen in ihrer Größe an Wetterbedingungen und Temperaturen ihrer Umgebung anpassen. Ihre Forschungsgruppe geht in diesem Zusammenhang der Frage nach, ob die Plastizität von Pflanzen genetisch bedingt ist. Bei der abschließenden Diskussionsrunde beschreibt Matthias Rillig vom Dahlem Centre of Plant Sciences der Freien Universität Berlin eine Problematik, mit der sich Wissenschaftler*innen in ihrer Arbeit immer wieder konfrontiert sehen: Schon während ihres Studiums lernen sie, Distanz zum Objekt ihrer Forschung zu wahren. Während diese Vorgehensweise für die professionelle Arbeit entscheidend ist, so macht gerade Zheng Bos Diskurs eine Lücke in der Beziehung zu unserer Umwelt sichtbar. Als Menschen sehen wir uns getrennt von der uns umgebenden Natur – um sie schützen und eine drohende Klimakatastrophe noch abwenden zu können, ist es jedoch essentiell, sie wieder als Teil unserer selbst zu akzeptieren.

Hanna Komornitzyk

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