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Berlin Daily 08.12.2021
Künstler*innengespräch

19 Uhr: mit Astrid Busch, Erik Göngrich, Veronika Kellndorfer, Andreas Koch, Sophia Tabatadze. Mod.: Lena Prents im Rahmen der Ausstellung Voids of Presence – Between Past and Future. Galerie Nord
Kunstverein Tiergarten | Turmstr. 75 | Berlin 10551

Von der Kälte der Gegenwartskultur: The Cool and the Cold im Gropius Bau

von Hanna Komornitzyk (07.10.2021)
vorher Abb. Von der Kälte der Gegenwartskultur: The Cool and the Cold im Gropius Bau

Jurij Korolev, Kosmonauten, 1982, Öl auf Leinwand, 195 x 315 cm
Foto: Carl Brunn, Courtesy: Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, Leihgabe der Peter und Irene Ludwig Stiftung


Der Titel einer neuen Ausstellung im Gropius Bau hält, was er verspricht: “The Cool and the Cold” bringt Malerei aus den USA und der UdSSR von 1960 bis 1990 aus der Sammlung Ludwig zusammen. Banal – und doch irgendwie Zeichen unserer Zeit.

Bilder, Bilder, Bilder: Dank der sich pausenlos diversifizierenden Möglichkeiten digitaler Räume wird die Taktung, mit der sie täglich auf uns einprasseln, ständig erhöht. Längst ersetzt visuelle Sprache ganze Texte oder gar persönliche Gespräche – unser umfangreiches Gedächtnis kultureller Produktion erlaubt es, Aussagen und Emotionen stark verkürzt in einer einzigen Visualisierung zusammenzufassen (→ Memes und NFTs). Und so steht auch die neue Ausstellung The Cool and the Cold im Gropius Bau ganz im Zeichen der Bildproduktion: Rund 125 Arbeiten von mehr als 80 Künstler*innen – darunter Andy Warhol, Jackson Pollock, Helen Frankenthaler, Viktor Pivovarov, Natalya Nesterova und Ivan Čujkov – stellen US-amerikanische und sowjetische Malerei von 1960 bis 1990 in einen recht bunten Dialog. Jene drei Jahrzehnte also, in denen sich die beiden Weltmächte auch politisch gegenüberstanden: Kalter Krieg gemalt in Öl sozusagen. Die Werke aus der Sammlung Peter und Irene Ludwigs sind zum ersten Mal in dieser Konstellation zu sehen. Sie wurden aus sechs internationalen Museen zusammengetragen.

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Roy Lichtenstein, Hopeless, 1963, Acryl auf Leinwand, 177,8 x 152,4 cm
Estate of Roy Lichtenstein & VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Kunstmuseum Basel, Martin P. Bühler, Courtesy: Kunstmuseum Basel, Leihgabe der Peter und Irene Ludwig Stiftung


Und so findet sich in den ersten Räumen die Pop Art von Warhol und Lichtenstein mit nüchternen russischen Gemälden aus den 1960ern konfrontiert: Während Roy Lichtenstein das Kriegsgeschehen verbunden mit US-amerikanischem Pathos immer wieder in Comicstrips verpackte, zeigt Boris Nemenski Nach dem Krieg. Das Schicksal der Frauen (1968). Auch Ronald B. Kitaj malt jene, die vom Krieg übrig geblieben sind. Im Ausstellungstext dazu: “Der Wirkmacht von Bildern ist man sich in der Politik ebenso bewusst wie in der Unterhaltungs- und Werbeindustrie – und selbstverständlich in der Kunst. Dabei entstehen vielfältige Rückkopplungsprozesse. Die Bildproduktion des einen Bereichs wird stetig von anderen aufgegriffen, zitiert, kommentiert und zu neuen Bildern weiterentwickelt. Der sowjetische Staat hat versucht, diese Zirkulation von Bildern zu seinen Gunsten zu regulieren und eine Kunst durchzusetzen, die der Bestätigung der Machtverhältnisse dient. Für nonkonforme Künstler*innen ist es wiederum ein Einfaches, sich der Formeln dieser Propagandakunst zu bemächtigen, um sie persiflierend gegen sich selbst zu wenden.” Warhols Campbell-Dosen und Popikonen, Lichtensteins melodramatisches Bilderkino, Harings von der Streetart inspirierte Primärfarbenmuster – die Pop Art wird noch immer für ihre Fetischisierung der Werbe- und Massenproduktion belächelt. Letztendlich tat sie aber schon in den 1950ern und 1960ern das, was heute in so schnellem Ablauf passiert, dass die Einzelschritte zerfließen: Wie der Sprung von abgefilmtem Daumenkino zu am Smartphone erstellten HD-Videos mischen sich pausenlos stilisierte Bilder aus Werbung und Mainstream mit der Kunst, werden in ihr entkontextualisiert und neu zusammengesetzt.

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Erik Bulatov, Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, 1989, Öl und Acryl auf Leinwand, 200 x 200 cm
VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Courtesy: Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen


Aber auch dem Trugschluss der im eurozentrischen Kontext als überlegen wahrgenommenen US-Perspektive auf den Kalten Krieg wirkt der Dialog von Ost- und Westmacht entgegen. In Erik Bulatovs Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang (1989) manifestiert sich eine Gegenwarts- und Gegenkultur, in der ironisch auf vorangegangene Bildkosmen Bezug genommen wird: Das sowjetische Staatsemblem ersetzt in Bulatovs Strandszenario kurzerhand die auf- (oder unter)gehende Sonne. Russische Avantgarde trifft auf Pop Art, trifft auf Endzeitstimmung eines untergehenden Staatssystems. Eine so komplexe Kritik an einem politischen System kann nur von innen erfolgen – in gewisser Weise ein Whistleblower seiner Zeit.

Wie sehr sich Kulturphänomene und Kunst gegenseitig bedingen, wird in The Cool and The Cold eindrücklich klar. Jedes Einzelbild beruft sich auf eine Vielzahl von Zitaten, geht durch die Rezeption in das ästhetische Verständnis seines gesellschaftlichen Kontexts über, an welcher sich wiederum neue Bilder bedienen. Diese Schleife vollzieht sich immer weiter und beschleunigt, bis sie schließlich im digitalen Raum der 2020er als solche nicht mehr erkennbar ist. In gewisser Weise geht die Ausstellung also einen Schritt zurück: Über die Malerei vergangener Jahrzehnte entschleunigt sie die heutige Bildproduktion so, dass die Einzelschritte der Rezeption und Reproduktion wieder sichtbar werden. Insoweit ist es nicht verwunderlich, dass die Räume Bilder fast ohne Einordnung für sich stehen lassen – was im digitalen Begleitheft umfassend nachgeholt wird. Und vielleicht kann den nach Bildkonsum süchtigen und über Bilder kommunizierenden jüngeren Generationen nur über das Bild selbst der Spiegel vorgehalten werden. Gerade aber in Anbetracht eines politischen Spannungsfeldes wie es der Kalte Krieg bietet – als Ausgangspunkt für Gegenwartsdiskurse zu Konsumkritik, Kriegspropaganda oder künstlerischer Freiheit – wäre mehr Kontext wünschenswert gewesen. Was bleibt, ist ein unterkühltes Bild einer Gesellschaft aus Individualist*innen, die visuelle Ästhetik völlig losgelöst von ihren politischen Potenzialen zu konsumieren vermag.

Ausstellungsdauer: 24. September 2021 bis 9. Januar 2022

Gropius Bau
Niederkirchnerstraße 7
10963 Berlin
www.gropiusbau.de

Hanna Komornitzyk

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