Das Provokative und bis heute Aktuelle an den Werken der Künstlergruppe General Idea ist ihr subversiver Charakter, der Gesellschaft, Kunst und Kunstbetrieb gleichermaßen im Blick hat. Konsumkultur, Massenmedien, Geniekult, soziale Ungleichheit, queere Identität, Sexualität und nicht zuletzt der Umgang mit AIDS, das sind alles Themen, die General Idea in ihrem kreativen Aktionismus umkreisten und neu zusammensetzten.
Drei als traurige Pudel verkleidete Künstler sind auf dem Ausstellungsplakat von General Idea zu sehen. Im Gropius Bau wurde jetzt die dazugehörige Ausstellung des Trios eröffnet, die mit fast 200 Arbeiten von Ende der 1960er bis Anfang der 1990er Jahre ihre bisher größte Retrospektive ist. Erfreulicherweise erfolgte die Ausstellungskonzeption in enger Zusammenarbeit mit dem in Berlin lebenden Künstler AA Bronson (* 1946). AA Bronson ist einer der drei Künstler, die den Kern von General Idea bildeten. Die beiden anderen des 1969 in Toronto gegründeten Kollektivs waren Felix Partz (1945-1994) und Jorge Zontal (1944-1994). Beide starben an AIDS.
Mit drei einsam und verlassen auf Eisschollen aus Styropor treibenden Robbenbabys aus Stoff beginnt und endet die Schau. Die an Caspar David Friedrichs Eismeer erinnernde Installation Fin de siècle (1990) füllt den gesamten Lichthof des Gropius Bau und verweist vielleicht auf die Ambivalenz von Niedlichkeit und medialer Aufmerksamkeit, die den bedrohten Tieren eher zukam als den von AIDS bedrohten Menschen. Brigitte Bardot, die Ende der 70er Jahre «Canadiens! Assassins!» rief, lässt mit ihrer Robbenkampagne grüßen. Und mit Kunst als Zeichen und Medium als Botschaft grüßt Marshall McLuhan zurück.
In den Ausstellungsräumen drumherum finden sich Archivmaterial, Skulpturen, Malerei, Videos, die um die Themen Kommerzialisierung der Kunst, Künstlermythos, Popkultur, AIDS und Kunstgeschichte gruppiert sind.
Respektlos und humorvoll zugleich werden Inkunabeln der klassischen Moderne von Marcel Duchamp, der Pop Art von Andy Warhol oder des Bauhauses durch minimale Eingriffe verändert. Die Kunstgeschichte dient als Werkzeugkasten, um anhand bekannter oder anerkannter Strukturen Produktionsbedingungen, Copyright und Geniekult zu hinterfragen. So tauchen auf den verschiedenen Mondrian Adaptionen Infe©ted Mondrian (1994) plötzlich kleine grüne Vierecke auf. Für Mondrian war die Farbe Grün zu nah an der Natur, weshalb er in seiner Kunst eine Abneigung dagegen hegte. Auch die Arbeit LOVE von Robert Indiana eignete sich General Ida in gleicher Typografie und Farbgebung an und ersetzte LOVE durch AIDS. Im Gropius Bau sind ganze Räume mit Postern davon tapeziert. Es entstanden T-Shirts, Poster, Plakate, die in verschiedenen Städten von San Francisco, über New York und Berlin verbreitet wurden, um gegen die Stigmatisierung von Schwulen, das Verdrängen von Sexualität und das Desinteresse in der Öffentlichkeit vorzugehen. In Berlin waren die Poster 1988 am Bahnhof Westend zu sehen. Nutzen im Sinne von Aneignen steht für Infizieren.
Ging es in der Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte zunächst um Provokation, um über Gängiges zu reflektieren; oder in den frühen Arbeiten über Vertriebsformen und Vermarktung, um das Aufdecken von Codes der Konsumkultur; so handelt es sich bei dem Projekt IMAGEVIRUS um kulturpolitischen Aktivismus, der Aufklärung und Solidarität über den Kunstkontext hinaus einforderte.
Und dies sei noch hinzugefügt: Diese Ausstellung macht trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Komplexität unendlich viel Spaß. Der hintergründige Humor, das Ausstellungsdesign oder die kreative Energie, die den Arbeiten innewohnt, sind ein Muss in diesem Herbst.
Kuratiert von Adam Welch, National Gallery of Canada und Beatrix Ruf, in Zusammenarbeit mit Zippora Elders, für den Gropius Bau
Ausstellungsdauer: 22.9.2023 14.1.2024
Gropius Bau
Niederkirchnerstraße 7
10963 Berlin
www.gropiusbau.de







