Die Ausstellungsreihe Rohkunstbau bricht aus ihren gewohnten Bahnen aus: Während das Format normalerweise die brandenburgische Provinz bespielt, um zeitgenössische Kunst in geschichtsträchtigen Ruinen, alten Schlössern oder Villen zu inszenieren – zuletzt im Sommer 2025 unter der Kuratorenschaft von Christoph Tannert im Lausitzer Schloss Altdöbern – , schlägt das Projekt aktuell eine Brücke in die Hauptstadt.
In einer Kooperation zwischen dem Verein der Freunde des Rohkunstbau e.V. und dem Zentrum für Aktuelle Kunst (ZAK) gastiert die Reihe nun in der Zitadelle Spandau. Inmitten der Alten Kaserne des ZAK präsentieren 25 in Berlin lebendeb Künstlerinnen und Künstler ihre Werke.
Whatever shape your heart is in (Egal, wie es um dein Herz steht) lautet der Ausstellungstitel, der auf den Song des kanadischen Singer-Songwriters Ron Sexsmith zurückgeht und mit den Zeilen schließt: Just start again. The battle must be won again (Der Kampf muss erneut gewonnen werden). Den Wunsch, aktiv zu werden, nicht ergeben in der Gegenwart zu verharren und angesichts der aktuellen Misere ein Zeichen zu setzen, bringen viele der künstlerischen Arbeiten zum Ausdruck.
Sahar Zukermans Werke Customs and traditions und Burning Bush (Brennender Dornbusch) sind eine visuelle Gratwanderung. In seinen kleinformatigen, mit bunten Stiften aufs Papier gebrachten Kompositionen verschmilzt die Ästhetik der Popkultur und der Netzwelt mit der Symbolkraft biblischer Erzählungen. Zukerman, der in Tel Aviv aufgewachsen ist, greift hierbei auf eines der zentralen Motive des Alten Testaments zurück: die Erscheinung Gottes gegenüber Moses. Ein brennender Dornbusch, der nicht verbrennt – ein Zeichen für die göttliche Gegenwart und den Auftrag zur Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei. Zukermans Bildsprache lässt das Sakrale trotz Buntstiftzeichnung wie ein digitales Artefakt erscheinen, wodurch die zeitlose Botschaft in die Gegenwart katapultiert wird und auf die Ambivalenz der Gegenwart zwischen Krieg und Frieden im Nahen Osten anspielt.
Statt des Dornbuschs steht auf der 200 × 150 cm großen Papiercollage von Valérie Favre ein Baum aus der Serie Petits Théâtres de la Vie im künstlerischen Fokus. Neben Vögeln und anderem Getier hängen riesige, strudelartige Muschelformen in seiner Krone, darunter ein Mensch mit einem kleinen, undefinierbaren Wesen an der Hand, und einem Gesicht, das an Edvard Munchs Schrei erinnert. Weniger in der Gegenwart verortet als in der Mythologie, taucht dabei dennoch ein Unbehagen auf, das Zweifel sät an der Grenze zwischen der mythischen Ordnung und den Widersprüchen menschlicher Existenz. Nicht weit von Favre entfernt hängt Olaf Kühnemanns Bild Black Claw Landscape, das sich schließlich ganz im Nichts verliert und zugleich das Nichts thematisiert.
Die im Raum platzierten Installationen, die beim Ausstellungsrundgang sofort ins Auge stechen, wirken wie ein Bindeglied zwischen den Werken, indem sie das Motiv der Resilienz als eine weitere erzählerische Variante fortführen. Wie etwa die Installation Dulce et decorum est von Itamar Gov: 25 Ballons schweben, wie ein bunter Strauß durch Plastikschnüre zusammengebunden, an einer Heliumflasche. Erst beim Herantreten offenbaren sich die harmlos wirkenden Ballonfigürchen als Hubschrauber, Kampfjets oder Feuerflammen – obwohl sie allesamt aus Kindergeburtstagsgeschäften stammen. Diesen Kontrast zwischen spielerischer Form und beunruhigendem Inhalt führt auch Erez Israeli in seiner Installation Pomul Strămoșilor mit seinen bunten Quasten fort, aus deren Mitte sich eine Faust erhebt. Oder Dikla Stern in ihrer Arbeit Echt jetzt. Really now? Mit fast schon schnoddrigem Unterton präsentiert die Künstlerin eine im Fallen begriffene Flugzeugnotfalltür, die nur durch zwei Seile gehalten wird.
Die Aufschrift Systemfehler lässt unwillkürlich an den Roman Die Anomalie von Hervé Le Tellier denken, in dem dasselbe Flugzeug zweimal landet und die Passagiere plötzlich doppelt existieren. Systemfehler markieren jene Momente, in denen die Logik eines Systems aussetzt und etwas geschieht, was eigentlich nicht passieren kann - etwa wenn eine Notfalltür aus einem Flugzeug fällt, wie es 2024 bei einer Boeing tatsächlich passierte. Übliche Aufschriften, wie Open oder Emergency Exit auf der Tür sind sind in Russisch und Englisch platziert, was uns in die unmittelbare Gegenwart zurückholt und an die Kommunikation zwischen Trump und Putin sowie die desaströsen Folgen für die Weltöffentlichkeit und insbesondere für die Ukraine denken lässt.
In einer Welt, die mehr denn je durch Krisen, Krieg und Zukunftsangst geprägt ist, erhebt sich hier beim Gang durch die Ausstellung die künstlerische Form selbst zum Einspruch. Dahinter scheint der moralische Anspruch auf, einen Gegenentwurf zu entwickeln, in dem die Würde des Einzelnen wieder zum Maßstab des globalen Handelns wird.
Kurator:
Christoph Tannert
Teilnehmende:
Aline Alagem \ Dorit Bearach \ Emmanuel Bornstein \ Ofir Dor \ Arnold Dreyblatt \ Valérie Favre \ Yishay Garbasz \ Itamar Gov \ Hans-Hendrik Grimmling \ Simone Haack \ Alona Harpaz \ Victoria Heifetz \ Erez Israeli \ Michelle Jezierski \ Yury Kharchenko \ Rachel Kohn \ Olaf Kühnemann \ Atalya Laufer \ Shira Orion \ Miguel Rothschild \ Yehudit Sasportas\ Dikla Stern \ Christian Thoelke \ Paul Wesenberg \ Sahar Zukerman
Ausstellung: bis 03. Mai 2026,
ZAK – Zentrum für Aktuelle Kunst,
Zitadelle Spandau,
Am Juliusturm 64, 13599 Berlin.
Öffnungszeiten:
Freitag bis Mittwoch 10 – 17 Uhr,
Donnerstag, 13 bis 20 Uhr.
www.rohkunstbau.net







